Fund im Fachwerkhaus : Evakuierung an der Großen Straße

Abgestützt: Die Fachwerkfassade an der rechten Seite des giebelständigen Hauses musste gesichert werden. Foto: Staudt
Abgestützt: Die Fachwerkfassade an der rechten Seite des giebelständigen Hauses musste gesichert werden. Foto: Staudt

Ein altes Fachwerkhaus war plötzlich instabil und musste schleunigst geräumt werden. Das Haus könnte eines der ältesten in der Stadt sein.

Avatar_shz von
01. September 2011, 08:44 Uhr

Flensburg | Es muss alles ganz schnell gehen am 10. August gegen 16 Uhr. Fünf Minuten haben die Bewohner, um das Notwendigste einzupacken und ihre Wohnung zu verlassen. Auch der Laden im Erdgeschoss muss umgehend geräumt werden: Einsturzgefahr im Haus Große Straße 75! Drei Mieter werden im Hotel einquartiert, zwei Mieter kommen bei ihren Eltern unter.
Zwei Wochen später wohnen alle wieder in dem Fachwerkhaus, das Modegeschäft ist längst wieder eingezogen. Die Evakuierung dauerte nur drei Tage, dann war das Haus innen und außen so weit durch Stützen abgesichert, dass die Gefahr gebannt war. Einer Mieterin war das Ganze nicht geheuer; sie konnte in eine freie Wohnung im Hinterhaus einziehen, wie ein Mitarbeiter der zuständigen Hausverwaltung AKI berichtet.
Vielleicht stammt das Haus aus dem 16. Jahrhundert
Was war passiert? Bei ersten Untersuchungen an der Nordfassade, die saniert werden soll, hatten Bauarbeiter ein Fach geöffnet und einen Stein gelöst; dabei kam es zu einem Ruck. Da das tragende Fachwerk im unteren Bereich verrottet ist, kommt den Steinen im Fachwerk eine tragende Funktion zu. Mit dem Fehlen eines Steines war plötzlich die Stabilität der ganzen Wand in Gefahr; es musste schnell gehandelt werden.
Henrik Gram und Jürgen Raddatz kennen das alte Haus seit Jahren. Obwohl sie beide - der eine als städtischer Denkmalpfleger, der andere als freischaffender Architekt mit profunder Kenntnis alter Flensburger Bausubstanz - ausgewiesene Experten sind, können sie nicht das genaue Alter des Hauses benennen. "Vielleicht 16. Jahrhundert", schätzt Gram. Bald werden sie es genauer wissen: Eine Probe der alten Balken, die im Haus verbaut wurden, ist ans Landesamt für Denkmalpflege zu einer dendrochronologischen Untersuchung geschickt worden. Auf diese Weise lässt sich aufs Jahr genau bestimmen, wann der Baum, aus dem der Balken stammt, gefällt wurde.
Das Haus mit der schmucken gelben Giebelfront ist ein Holzständerhaus - das bedeutet, dass sich die senkrechten Stützen im Fachwerk über alle Etagen ziehen und nicht unterbrochen werden. "Das ist eine ganz alte Bauweise", sagt Gram. Und dies könnte darauf schließen lassen, dass man es mit einem der ältesten Fachwerkhäuser zu tun hat, das zudem deutlich älter ist als man bisher vermutete. "Sehr wertvoll!", so Gram.
"Gemütlich in so einem alten Haus"
Im Gegensatz zu vielen anderen Häusern an der Großen Straße ist bei den Hausnummern 73 und 75 das Vorderhaus nicht irgendwann abgerissen und durch ein größeres, repräsentativeres ersetzt worden. 2005 wurde zudem der Erker links von der Ladentür, der in den 1960er Jahren unten gekappt worden war, wieder ergänzt.
Gram und Raddatz haben sich in den engen Raum zwischen Dach und Wohnung im Dachgeschoss gezwängt, um dort Balken und Konstruktion zu untersuchen. Um dort hinzugelangen, mussten sie durch die Wohnung von Valentin Schilhabel und Lisa Partenheimer. Die beiden Münchner sind zum Studieren in den hohen Norden gekommen. "Es ist gemütlich, in so einem alten Haus zu wohnen, mitten in der Altstadt", sagt Schilhabel. Etwas mulmig war ihnen allerdings schon zumute, als sie Hals über Kopf und mit Hund die Wohnung verlassen mussten.
Die Betreiber des "Bugatti"-Ladens im Erdgeschoss haben aus der Not eine Tugend gemacht und in die neu eingezogene Staubwand, die das Geschäft um ein paar Quadratmeter verkleinerte, ein Fenster geschnitten. So können Interessierte einen Blick auf die Innenseite der Fachwerkwand werfen.

zur Startseite

Diskutieren Sie mit.

Leserkommentare anzeigen