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Auf Leben und Tod : Erste Hilfe: Wie funktioniert das gleich noch?

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Erste-Hilfe-Maßnahmen am Unfallort können unter Umständen vor dem Schlimmsten bewahren.

Kiel | Hand aufs Herz, welcher Autofahrer älteren Semesters weiß noch, wie die stabile Seitenlage geht und was ein Rautek-Griff ist? Wenn man nicht gerade vom Fach, bei der Feuerwehr oder im Betrieb als Ersthelfer eingetragen ist, hat man bei einem Unfall oft schlechte Karten. Mir geht es zumindest so. Meinen ersten und einzigen Erste-Hilfe-Kurs habe ich kurz vor der Führerscheinprüfung gemacht. Außer, dass es damals Kekse, Cola und lebensgroße Schaumstoff-Puppen gab, ist alle Erinnerung daran unauffindbar in den Tiefen meines Gedächtnisses verschwunden. Käme ich an einen Unfallort oder würde neben mir jemand zusammenbrechen, ich würde wohl selbst in Schockstarre fallen.

„Unterlassene Hilfeleistung ist in Deutschland strafbar und kann bis zu ein Jahr Gefängnis bedeuten“, setzt Mira Awar, Kursleiterin bei Con Cura in Kiel, dem dagegen. Das  mittlerweile 17 Jahre alte Unternehmen hat sich auf die Erste-Hilfe-Ausbildung verschiedenster Ausrichtungen spezialisiert. Jedes Wochenende stehen vor allem Führerschein- und Ersthelferanwärter früh morgens vor der Tür – und ich heute auch.

Die Kursleiter sind häufig Krankenschwestern, Medizin- oder Sportstudenten, die sich etwas dazu verdienen möchten. Alle durchlaufen eine spezielle Schulung und müssen außer ihrem Fachwissen noch einiges mehr auf dem Kasten haben. „Den Unterricht sollte man lebendig gestalten und die Teilnehmer zum Nachdenken anregen“, betont die Firmengründerin Evelyn Helth. 

Früher ging ein normaler Erste-Hilfe-Kurs mit 16 Stunden über zwei Tage. Heute sind zum Bedauern von Evelyn Helth nur noch neun Stunden vorgegeben. „Man muss den Stoff ganz schön schnell durchziehen“, sagt sie.

Con Cura-Mitarbeiterin Mira Awan ist routiniert und witzig. Auch wenn die rechtliche Aufklärung nicht mehr vorgeschrieben ist, streift die Kursleiterin das Thema mit ein paar Sätzen. „Wir alle sind dazu verpflichtet Hilfe zu leisten. Irgendetwas tun, ist immer besser, als nichts zu tun. Einen Notruf absetzen kann jeder.“ Dennoch gäbe es auch einen „Rahmen der Zumutbarkeit“. Wer selbst nicht schwimmen kann, rettet keinen Ertrinkenden. Mütter lassen ihre Kinder für eine Rettungsmaßnahme nicht allein zurück. „Aufsichtspflicht steht über der Hilfeleistungsplicht“, erklärt die Kursleiterin. Ebenso dürfe man keine Medikamente an Betroffene verabreichen. „Wenn Asthmatiker ihr Spray noch selbst nutzen können, kann man ihm diesen in die Hand geben“, schränkt Mira Awan ein.

„Viele Menschen helfen nicht, weil sie Angst haben, etwas falsch zu machen und den Betroffenen noch mehr zu verletzten. Gebrochene Rippen bei einer Herz-Lungen-Massage beispielsweise  sind aber das kleinere Übel, wenn wir ihn so am Leben halten können. Dafür wird nieman bestraft, fürs Nichtstun schon.“

Generell gibt es ein bestimmtes Schema, das man an einem Unfallort abrufen sollte. Punkt Eins: Absicherung des Geschehens. Schon an der Frage „Wohin mit dem Warndreieck?“ scheitern die meisten Kurs-Teilnehmer. „Innerorts 50 Meter, außerhalb 100 Meter vom Unfallort entfernt“, weiß dann doch noch jemand aus den Reihen. Ist Gefahrgut mit im Spiel? Gibt es einen akuten Gefahrenbereich für das/die Opfer?  Habe ich an die Warnweste für mich selbst gedacht? In kürzester Zeit sollte man die Situation erfasst haben. Wo geschah es? Was geschah? Wie viele Verletzte? Welche Art von Verletzungen? Auch da sollten Antworten spätestens beim 112-Anruf parat sein. Allem voraus gelte immer der Grundsatz „Ruhe bewahren.“

„Disco-Schema“ nennt Evelyn Helth scherzhaft den nächsten Schritt: die verletzte Person ansprechen. „Das ist wie beim Flirten. Erst sehen wir jemandem in die Augen, dann sprechen wir ihn an. Wenn er dann immer noch nicht reagiert, tippen wir ihm auf die Schulter.“ Wenn unbedingt notwendig, müssen Verletzte aus der Schusslinie gebracht werden. Wie das geht, zeigt Mira Awan mit dem Rautek-Rettungsgriff. Ich stelle mich als Opfer zur Verfügung und lasse mich auf die gelbe Wolldecke am Boden fallen. Die Kursleiterin stützt meinen Kopf mit den Unterarmen ab, bringt meinen Oberkörper in eine überbeugte Sitzposition und stützt mich dabei mit ihren Beinen ab. Ihre Hände greifen meinen rechten Unterarm. „Die Daumen sollten vorne bleiben, damit ihr dem Opfer nicht in den Magen piekst.“ Diese Handhaltung nennt man Affengriff, das kann ich mir merken. Mit ihm können Verletzte gezogen oder zusammen mit anderen Helfern an den Oberschenkeln angehoben werden.

Faustregel der Herz-Lungen-Wiederbelebung: 30 mal schnelle und kräftige Herzmassage und zweimal Beatmen im Wechsel. Solange bis Rettungskräfte eintreffen.
Faustregel der Herz-Lungen-Wiederbelebung: 30 mal schnelle und kräftige Herzmassage und zweimal Beatmen im Wechsel. Solange bis Rettungskräfte eintreffen. Foto: Michael Ruff
 

Ein wichtiges Augenmerk ist die Atemfunktion. „Legt die Hand auf den Bauch und versucht zu hören und zu spüren, ob noch geatmet wird“, leitet Mira Awan die Teilnehmer im Rollenspiel an. „Wenn der Betroffene bewusstlos ist, dann hat er keine Muskelspannung mehr. Damit die Zunge nicht nach hinten rutscht, müsst ihr unbedingt den Kopf überstrecken, damit die Person atmen kann.“

Jetzt kommt sie endlich: die stabile Seitenlage, die ich in meiner Lieblings-Ärzte-Serie schon zigmal gesehen habe. Wie sie funktioniert, weiß im Raum kaum jemand. Aber Versuch macht klug und so beginnt auf dem Fußboden das große Arme-und-Beine-Bewegen. „Wenn möglich, legt ihr das Opfer auf eine isolierende Rettungsdecke“, schickt Mira Awan noch einen Ratschlag voraus.

Ich bekomme die Kursleiterin persönlich als Übungsopfer und mir entgeht ihr breites Grinsen nicht, als ich bereits an der Wahl des richtigen Armes scheitere. „Immer den nehmen, der dir am nächsten ist“, hilft sie weiter. Ich winkle ihren rechten Arm an und stelle ihr linkes Bein auf. Den anderen Arm lege ich über ihren Oberkörper und halte ihren Handrücken gegen die Wange. „Nicht mit der Handfläche nach innen“, sagt sie „Wenn sich das Opfer übergeben muss und in seine Handkuhle erbricht, kann es leicht daran ersticken.“

Damit die Zunge nicht nach hinten rutscht und die Atmung verhindert,  sollte der Kopf des Verunglückten bei der stabilen Seitenlage überstreckt werden.
Damit die Zunge nicht nach hinten rutscht und die Atmung verhindert, sollte der Kopf des Verunglückten bei der stabilen Seitenlage überstreckt werden. Foto: Michael Ruff
 

An der Hüfte drehe ich ihren Körper dann zu mir, so dass ihr linkes Knie den Boden berührt. Zum Schluss strecke ich den Kopf der Kursleiterin über und alarmiere den imaginären Rettungsdienst. Geschafft. War ja gar nicht so schwer. Nach ein paar Fehlgriffen haben dann auch die anderen Kursteilnehmer den Bogen raus. Übrigens: Wer allein am Unfallort ist, bringt das Opfer noch VOR dem Notruf in die stabile Seitenlage. 

Im Programm geht es nun weiter mit der „Fremdkörper-Entfernung“. Dafür hängt sich Mira Awan ein seltsames Gebilde aus Sack, Schlauch und Tischtennisball vor den Bauch. Sie zeigt uns, wie der sogenannte Heimlich-Handgriff funktioniert. „Den nutzt bitte erst, wenn alle Versuche nichts genutzt haben. Diese  sind: kräftiges Husten, fünf Mal mit der flachen Hand zwischen die Schulterblätter des Betroffenen klatschen und den Körper dabei nach vorne beugen. Zu Demonstrationszwecken holt sich Mira Awan eine Teilnehmerin aus den Reihen und greift ihr von hinten mit den Armen unter den Rippenbogen. Anschließend drückt sie ihre Faust mit Unterstützung durch die andere Hand kräftig gegen die Bauchdecke – in diesem Fall der Sack mit einem verschlucktem Tennisball. Hilft das alles nichts, bleibt nur der Weg ins Krankenhaus. Nach Auskunft eines befreundeten Sanitäters der Kursleiterin, verirren sich am häufigsten Würstchen-Stücke in den Atemwegen.

Die meisten Unfälle ereignen sich übrigens nicht im Straßenverkehr. Wesentlich mehr Unglücke geschehen im Haushalt, am Arbeitsplatz oder in der Freizeit. Zudem benötigen auch viele Opfer plötzlicher Erkrankungen Erste Hilfe. Zum Beispiel erleiden allein 100.000 Menschen jährlich in Deutschland den plötzlichen Herztod. Einen Herzstillstand etwa überleben ohne Erste Hilfe nur ein bis zwei Prozent der Betroffenen, während mit Erster Hilfe 35 Prozent gerettet werden können.

Auch der Asthma-Anfall steht heute noch auf der Themenliste. „Sorgt für frische Luft, lockert die Kleidung. Gut ist, wenn der Patient seine Arme auf einer Lehne aufstützen kann,“ sagt sie. Ebenso die „Lippenbremse“ (die Lippen liegen beim Ausatmen locker aufeinander)  kann helfen, die Atmung zu beruhigen.

Viele weitere Themen streift Mira Awan an diesem Tag noch. Was tun bei einem Herzinfarkt oder Schlaganfall? Wie reagiere ich bei Kopfverletzungen und bei einem Insektenstich? Wie und wann nehme ich einen Helm ab? Wie kann ich Blutungen stoppen und was tue ich bei Vergiftungen? An einer Puppe demonstriert sie die Herz-Lungen-Wiederbelebung. Sie erklärt, was bei Stromschlägen zu tun ist, und wie abgetrennte Gliedmaßen transportiert werden sollten.

Der Kurs dauert bis in den späten Nachmittag hinein. Ich kann die Flut an Informationen kaum verarbeiten, aber zumindest habe ich wieder eine leise Ahnung von Erster Hilfe bekommen und vor allem davon, wie schnell sie nötig werden kann.

Kursangebot „Erste Hilfe“

Marktführer bei der Erste-Hilfe-Ausbildung ist das Deutsche Rote Kreuz. Von allen Hilfsorganisationen übernehmen sie gut die Hälfte aller Kursteilnehmer. „Die Nachfrage ist seit Jahren gleichbleibend groß“, so Ulrike Holznagel, Pressesprecherin des DRK-Landesverband Schleswig-Holstein e.V. „Eine Auffrischung empfehlen wir alle zwei bis drei Jahre.“ Im Jahr 2015 haben die DRK-Kreisverbände in Schleswig-Holstein 2921 Lehrgänge im Bereich Erste Hilfe (mind. 9 Unterrichtseinheiten) durchgeführt. 

Erste-Hilfe-Kurse bieten unter anderem auch die Ortsverbände der Johanniter, der Malteser sowie der Arbeiter-Samariter-Bund (ASB) und das Notfalltrainingszentrum Schleswig-Holstein an. Zu den Angeboten gehören unter anderem auch die „Erste Hilfe am Kind“, Notfalltraining für Assistenz- und Pflegeberufe, AED-Training (Einsatz von Defibrillation)  sowie betriebliche  Ersthelfer und Führerschein-Prüflinge. Zudem werden Erste-Hilfe-Kurse auch an Schulen angeboten.

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erstellt am 02.Apr.2017 | 13:36 Uhr

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