Folgen des Klimawandels : Erfolgsmodelle statt Verzichtsdebatten

Sie setzen auf  einen politischen  Klimawandel für eine ökologie-bewusste Denkart: Schleswig-Holsteins Umweltminister Robert Habeck und Professor Mojib Latif, Klimaforscher am Geomar-Helmholtz-Zentrum für Ozeanforschung an der Kieler Christian-Albrechts-Universität. Foto: Michael Ruff
Sie setzen auf einen politischen Klimawandel für eine ökologie-bewusste Denkart: Schleswig-Holsteins Umweltminister Robert Habeck und Professor Mojib Latif, Klimaforscher am Geomar-Helmholtz-Zentrum für Ozeanforschung an der Kieler Christian-Albrechts-Universität. Foto: Michael Ruff

Der Kieler Wissenschaftler Mojib Latif und Umweltminister Robert Habeck diskutieren über den Gipfel von Doha und die Folgen des Klimawandels für Schleswig-Holstein.

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03. Dezember 2012, 08:09 Uhr

Herr Professor Latif, Sie haben Klimaschutzgipfel in früheren Äußerungen als "erwiesenermaßen ungeeignetes Instrument beschrieben, um Lösungen zu entwickeln". Heißt das, dass Sie von der laufenden Konferenz in Doha rein gar nichts erwarten?
Latif: Das kann man so sagen. Wir stecken bei den internationalen Verhandlungen in einer Sackgasse. Das ist jetzt die 18. Veranstaltung ihrer Art seit 20 Jahren. Seitdem ist der weltweite Ausstoß von Kohlendioxid um über 30 Prozent gestiegen. Insofern klaffen Anspruch und Wirklichkeit ziemlich weit auseinander. Ich habe mir deshalb überlegt, was man stattdessen tun sollte: Wir müssen Erfolgsmodelle entwickeln. Die können kleiner oder auch großer Art sein, wichtig ist vor allem, dass sie die Chancen einer Kehrtwende in den Vordergrund stellen und uns von einer Verzichtsdebatte wegbringen. Denn nichts anderes sind Klimakonferenzen.
Herr Habeck, gibt es für Sie ein Minimum, ab dem Doha für Sie kein völliger Fehlschlag ist?
Habeck: Man muss ja fast schon dankbar sein, wenn sich die Diplomaten und Minister dort auf Absichtserklärungen verständigen, auch wenn sie vielleicht noch nicht jetzt, sondern ab 2015 greifen. Das müsste dann auf jeden Fall die USA, China und Indien einschließen. Ich weigere mich aber, die Erwartung mit jedem weiteren Gipfel immer weiter nach unten zu schrauben und schon als Erfolg zu verkaufen, dass man sich wieder neu verabredet.
Herr Habeck, ist es für Sie realistisch, im Zusammenhang mit Klimaschutz von Verzichtsdebatten loszukommen?
Habeck: Ich würde nicht so weit gehen wie Herr Latif und sagen, dem Klimawandel könne man nur durch die Verheißung von Erfolg begegnen. Klimaschutzpolitik heißt für mich nicht, dass alle nur noch in Jute herumlaufen und dass es keinen Wohlstand mehr gibt. Klimaschutz bedeutet zwar eine gewisse Form von ökologischer Umverteilung gemessen am Status Quo für einige - aber der Verzicht kann für viele mehr Lebensqualität und neue Wertschöpfungsketten bedeuten. Wenn wir weniger Benzin verbrennen, werden Öl- und bestimmte Autofirmen Einbußen haben, andere Industriezweige jedoch Zugewinne.
Entmutigt Sie für diese Debatte nicht die Erfahrung, die Sie dieser Tage in Sachen Energiewende machen? Jetzt, wo allmählich konkret wird, was diese den Verbraucher kostet, lässt die gesamtgesellschaftliche Euphorie, wie sie nach Fukushima spürbar war, deutlich nach.
Habeck: Sicherheitsfragen, Endlagerkosten, Umweltverschmutzung, Polizeitransporte für Atommüll tauchen nicht auf der Stromrechnung auf, werden aber über die Steuer von jedem einzelnen bezahlt. Die ganzen Kosten, die wir jetzt durch den Klimawandel zu bewältigen haben - Erhöhung der Deiche, Anpassung der Landwirtschaft, Versicherungsschäden durch Unwetter, Todesfälle durch Hitzewellen - werden auch nirgendwo auf der Stromrechnung vermerkt. Bei der Energiewende werden die Kosten zum ersten Mal transparent. Das ist ehrlich. Dazu gehört auch, zu sagen: Die Kosten steigen, aber ohne Energiewende würden sie noch stärker steigen, weil wir von den fossilen, teurer werdenden Energien abhängig sind. Wenn wir den Mut zur Ehrlichkeit haben, ist mir vor der Kostendebatte nicht bange.
Latif: Bei der Debatte über das Erneuerbare-Energien-Gesetz flammt immer die Forderung auf, die Regenerativen müssten sich ohne Subvention am Markt durchsetzen. Keine andere Energieform aber hat das jemals getan, ganz egal, ob Kohle- oder Atomindustrie. Nur wenn es um saubere Energie geht - da wird sofort über Subvention geredet.
Sie treten für eine Kehrtwende weg von der Verzichtsdebatte hin zu Erfolgsmodellen ein. Wie definieren Sie solche Modelle in der Praxis?
Latif: Das, was sich Deutschland nach Fukushima vorgenommen hat, hat das Zeug zum Erfolgsmodell. Wenn die Energiewende in einem Industrieland ohne allzugroße Verwerfungen gelingt, kann die Bundesrepublik als klimaschonendes Erfolgsmodell in den Rest der Welt ausstrahlen. Wir können es aber parallel im Kleinen machen, mit innovativen Produkten, mit energieeffizienten Nutzungsmethoden. Das sichert Arbeitsplätze und bezahlbare Energie, auch wenn die Ressourcen knapper werden - und damit langfristig auch unseren Wohlstand.
Lässt sich ein Erfolgsmodell auch auf Bundesland-Ebene, namentlich in Schleswig-Holstein schaffen?
Habeck: Eindeutig ja, auch wenn wir hier nicht das Weltklima retten. Aber gerade Schleswig-Holstein kommt eine besondere Rolle zu. Dass sehr viele Bundesländer zu uns gucken, ist mir in den ersten Monaten meiner Amtszeit immer deutlicher bewusst geworden. Die Onshore-Windenergie ist die Paradeform der neuen Energien, bei uns vor der Haustür wird sie so günstig produziert wir nirgendwo sonst. Wenn es uns hier gelingt, Akzeptanz in Bezug auf die Energie-Infrastruktur, auch für die Netze, herzustellen, wird Schleswig-Holstein auf Deutschland ausstrahlen. Und auf Deutschland ist Europa angewiesen. Klimaschutz heißt aber nicht nur Energiewende. Der Koalitionsvertrag in Schleswig-Holstein wimmelt von Ansätzen, um sich als Vorreiter für den Klimaschutz zu profilieren.
Zum Beispiel kündigt der Koalitionsvertrag ein Klimaschutzgesetz für Schleswig-Holstein an. Das ist seit Regierungsantritt aber noch nicht wieder in der Landespolitik aufgetaucht.
Habeck: Das liegt mit daran, dass durch die Energiewende derzeit andere Aufgaben im Vordergrund stehen.
Aber wenn es kommt, worum geht es?
Habeck: Es ist ein Instrument, das es auf Bundesebene noch nicht gibt. Es geht darum, im Land verbindliche Einsparziele für CO2 vorzuschreiben. Das Ziel muss dann auf einzelne Bereiche heruntergebrochen werden, etwa auf den Verkehrssektor oder die Gebäudesanierung. Ein paar Daten müssen dafür noch erhoben werden. Man kann es sich so ähnlich wie das Naturschutzgesetz vorstellen, dessen Regelungen ja auch verschiedene Bereiche betreffen. Und wir müssen aufpassen, dass wir damit nicht funktionierende Selbstverpflichtungen kaputtmachen. Etwa den Klimapakt, in dem sich die großen Verbände der Wohnungsunternehmen auf Einsparziele verständigt haben.
In wieweit entscheidet sich in Doha auch das Schicksal Schleswig-Holsteins? Die tiefliegenden Halligen haben nur wir...
Latif: Darüber, dass der Meeresspiegelanstieg die Westküste unseres Landes in besonderer Weise bedroht, brauchen wir hier wohl nicht zu reden, das weiß ja jeder. Schon eher übersehen wird, dass auch Schleswig-Holstein wettermäßig durch mehr Starkregen und Dürreperioden im Zuge des Klimawandels betroffen sein wird. Wir werden auch mehr kleinräumige Stürme und Gewitter haben bis hin zu lokalen Tornados. Ein Problem gerade für Schleswig-Holstein, an das kaum jemand denkt, ist die Versauerung des Meeres. Je mehr CO2 in die Atmosphäre gepustet wird, desto mehr nehmen auch die Meere auf. Es ist ein unabwendbarer chemischer Prozess, dass Wasser und CO2 Kohlensäure ergibt. Übrigens umso mehr, je kühler das Wasser ist. Kohlensäure aber schränkt Organismen, die Kalkschalen oder Kalkskelette ausbilden, dabei erheblich ein. Es geht unter anderem um Kalkalgen, die man mit dem bloßen Auge gar nicht sieht, es geht um Muscheln und kleine Krebse. Da sie weit am Anfang der Nahrungskette stehen, wird das für viele Lebewesen im Meer Folgen haben, auch für die Fischbestände.
Herr Habeck, Sie haben die Konferenz in Doha zum Anlass genommen, in dieser Woche verschiedene Klimaschutzprojekte in Schleswig-Holstein zu besuchen. In welcher Hinsicht ist es Ihnen gelungen, dabei auf das Bedrohungspotenzial für unser Land durch den Klimawandel aufmerksam zu machen?
Habeck: Klimastrategien im Land sind weit mehr als der Generalplan Küstenschutz, der die Deicherhöhung über 100 Jahre dem Anstieg des Meeresspiegels um anderthalb Meter anpasst. Ein 1,50 Meter höherer Meeresspiegel entspräche einer Erderwärmung von maximal vier Grad. Behüte uns Gott, dass es so weit kommt. Aber es gibt eine Menge anderer Aspekte. Der Wald ist nicht nur Senke und Speicher von CO2. Wir müssen - Herr Latif sprach es an - mit höheren Sturmschäden rechnen und auch mit höherem Schädlingsbefall durch den Klimawandel. Der Wald ist umso verwundbarer, je höher der Nadelbaumanteil ist. Deshalb treiben wir den Umbau zu Mischwäldern voran. Moore binden außerordentlich viele Treibhausgase. Sie wiederzuvernässen, ist ein Landesprojekt. Auf der anderen Seite: Weite Teile des Landes, die Niederungen, werden entwässert. Wenn der Meeresspiegel steigt, wird man permanent pumpen müssen. Siel- und Deichverbände werden dadurch vor enormen Herausforderungen stehen. Obwohl sich dies alles abzeichnet, ist mein Eindruck aus der internationalen Diskussion: Die Mühen, sich dem Klimawandel anzupassen, werden im Allgemeinen weit weniger gescheut als Maßnahmen gegen den Klimawandel.
Wenn Sie als jetzt zuständiger Minister den Deichbau vorantreiben, betreiben Sie auch Anpassung.
Habeck: Genau. Und ich habe mich oft gefragt: Ist es zynisch, wenn du dich der Frage der Anpassung auch stellst, weil du den Klimawandel doch eigentlich verhindern willst? Ich beantworte das für mich so: Die Anstrengungen, sich dem Klimawandel anzupassen, sind so enorm, dass es doch besser ist, ihn aufzuhalten. Es ist viel teurer, ihn zu bewältigen als ihn aufzuhalten.
Ob Doha oder anderswo: Krankt Klimaschutzpolitik nicht vor allem daran, dass die bedrohlichen Folgen noch nicht im Hier und Jetzt spürbar sind? Ist das nicht die Erklärung, weshalb Klimaschutz scheitert?
Latif: In der Tat, wir haben eine räumliche und eine zeitliche Entkopplung...
Habeck: Es kommt noch etwas hinzu: die Dimension. Es gibt Probleme, die einfach zu groß scheinen, als dass der einzelne sie sich noch vorstellen möchte. Klimawandel gehört dazu. Und das macht es brutal schwierig, Klimaschutzpolitik zu gestalten.
Wie kann ein Grünen-Politiker trotz dieser Entkopplung von der Notwendigkeit überzeugen?
Habeck: Das einfachste wäre, über Angstmache zu argumentieren. Aber das verbietet sich selbstverständlich, weil es an bestimmten Stellen billig, gar demagogisch wird. Argumente müssen über Vernunft funktionieren. Ein solches Argument ist: Gerade derjenige, der aus der Trägheit der Masse ausschert, wird Profiteur. Entwickelt neue Produkte und werdet damit Marktführer! Oder bezogen auf den politischen Dialog: Traut euch die abweichende Meinung zu. Politik ist nicht allein dazu da, Mehrheiten auszufüllen, sie muss auch Mehrheiten herstellen wollen.
Latif: Wir müssen schon unterscheiden zwischen Ursache und Anlass. Die Ursache für den Atomausstieg in Deutschland ist nicht Fukushima. Sie liegt viel tiefer. Das Feld war vorbereitet. Der Grund liegt darin, dass es in Deutschland seit Jahrzehnten ein atomkritisches Bewusstsein gibt. Mit dem entsprechenden Bewusstsein in der Zivilbevölkerung werden auch unmöglich erscheinende Dinge möglich. Andere Beispiele dafür sind der Käuferboykott in den USA, der im Angesicht des Ozonlochs zum FCKW-Verbot geführt hat, oder der Straßenprotest, der die Wiedervereinigung gebracht hat.
Dann ist die Frage doch: Wie bekomme ich eine Bürgerbewegung für den Klimaschutz hin?
Latif: Durch Kontinuität. Wir dürfen nicht wackeln, die Menschen brauchen Orientierung. Es gibt dann immer wieder Anlässe, bei denen die Dinge in Bewegung kommen.
Bei aller grundsätzlichen Einigkeit hier am Tisch: Macht es den Politiker wahnsinnig, dass der Wissenschaftler zwar sagen kann: Ihr müsst die Deiche erhöhen - aber nicht, um wieviel?
Latif: Die Debatte darüber, in welcher Dimension der Klimawandel denn nun tatsächlich zuschlagen wird, ist absurd, weil es unserer täglichen Lebenspraxis widerspricht. Wenn die Chance, überfahren zu werden, 50:50 steht, gehen wir doch auch nicht über eine stark frequentierte Straße. Es gilt also das Vorsorgeprinzip. Warum müssen eigentlich nicht diejenigen, die die Atmosphäre verpesten, nachweisen, dass dies unschädlich ist? Warum muss ich zu einhundert Prozent nachweisen, dass etwas schädlich ist? Die Diskussion ist auf den Kopf gestellt.
Habeck: Ich finde den Grad an Unwissenheit beim Klimawandel vergleichsweise gering im Verhältnis zu Entscheidungen, die sonst in der Politik getroffen werden. In den Wahnsinn treibt mich nicht, ob es zwei oder drei Grad Erderwärmung sind - das Handlungsziel ist doch trotzdem klar wie Kloßbrühe. In den Wahnsinn treibt mich, dass wir trotz der Erkenntnisse so viel Unbeweglichkeit in der Politik und der Gesellschaft erleben.
Was tun Sie persönlich für den Klimaschutz?
Latif: Meine CO2-Bilanz ist katastrophal, weil ich so viel unterwegs bin, das sollen die Leser ruhig wissen. Aber ich habe mein persönliches Tempolimit. Ich fahre auf der Autobahn nicht schneller als 100 Stundenkilometer.
Habeck: Ich glaube, meine berufliche CO2-Bilanz ist noch schlechter. Ich bin noch nie so viel Auto gefahren wie in meiner Zeit als Umweltminister. Es aber nicht zu tun, würde bedeuten, dass ich ein Minister bin, der nicht kennt, worüber er entscheidet.
Latif: Ich wünsche mir ein anderes Schlusswort. Ich möchte Albert Einstein zitieren: "Wir können die Probleme der heutigen Zeit nicht mit derselben Denkart, lösen, die jene Probleme hervorgebracht hat." Wir müssen also die Mauern in unseren Köpfen einreißen. Klimawandel muss sein - im übertragenen Sinne.
Habeck: politischer Klimawandel.

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