Bombenbauer von Kiel : "Er wollte mich und sich totsprengen"

Anja Winkelmann sieht aus dem Fenster: Ihr Ex-Freund hatte sich  in einem Haus gegenüber einquartiert, beobachtete  die Studentin von dort und mischte Sprengstoff zusammen. Foto: Gehm
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Anja Winkelmann sieht aus dem Fenster: Ihr Ex-Freund hatte sich in einem Haus gegenüber einquartiert, beobachtete die Studentin von dort und mischte Sprengstoff zusammen. Foto: Gehm

Der Bombenbauer von Kiel hatte sie im Visier: Jetzt spricht die Studentin, die getötet werden sollte. Ihr Ex-Freund, ein Stalker, plante eine Wahnsinnstat.

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11. Juni 2011, 04:39 Uhr

Kiel | Nein, keine Tränen mehr. Sie hat genug geweint. Ihre Augen schimmern, die junge Frau blickt zum Fenster, blinzelt die Tränen weg. Auf der anderen Straßenseite, in einem der Klinkerhäuser, hat ihr Ex-Freund kanisterweise Chemikalien zusammengemischt, einen Zünder gebaut. Anja Winkelmann (24, Name geändert) ist die Kieler Studentin, die in die Luft gesprengt werden sollte. "Den Gedanken, dass ich nur wegen eines glücklichen Zufalls noch am Leben bin, verdränge ich", sagt sie leise.
Ihr Ex-Freund ist ein verurteilter Stalker. Ein Spezialeinsatzkommando hat André M. (36) in Mecklenburg-Vorpommern aufspüren und festnehmen können. Für Anja Winkelmann endete an diesem Tag ein wahnwitziger Albtraum.
Zehn Jahre hinter Gittern
Die Studentin erzählt ihre Geschichte: "Ich fahre nebenbei Pizza aus. André saß oft in dem Geschäft. Wir waren dann mal Kaffeetrinken, sind mit seinem Hund spazieren gegangen. Irgendwann wurde der Kontakt intensiver." Es gab etliche Dinge, die Anja Winkelmann an André M. schätzte, der unter anderem wegen Hehlerei schon zehn Jahre hinter Gittern gesessen hatte, nun von Hartz IV lebte und in einer Hinterhof-Werkstatt an Autos schraubte. "Er war für mich da. Mit ihm konnte ich reden, wir hatten einfach einen Draht zueinander."
Die beiden wurden ein Paar, zogen zusammen. Danach offenbarte der gelernte Lackierer und studierte Informatiker sein zweites Gesicht. "Er war chronisch eifersüchtig, hat mich von A bis Z kontrolliert, wollte immer wissen, wo ich gerade bin und was ich mache. Er hinderte mich am Verlassen unserer Wohnung, entriss mir das Handy, parkte heimlich mein Auto um oder nahm mir gleich die Schlüssel ab - und irgendwann hat er auch zugeschlagen."
Stalking-Prozess
In dieser Zeit begleitete Anja Winkelmann ihren Freund zu einem Prozess. André M. musste sich vor Gericht verantworten, weil er eine junge Polizistin aus Eutin neun Monate lang verfolgt hatte, sogar einen Peilsender an ihrem Auto installierte. Das Urteil der Berufungsverhandlung: Bewährung und eine Therapie zur "partnerschaftlichen Loslösung".
"Mir war danach klar, dass mit ihm irgendetwas nicht stimmt. Ich war sehr, sehr unglücklich in unserer Beziehung." Nach anderthalb Jahren zog die Studentin schließlich aus. André M. terrorisierte sie daraufhin mit Morddrohungen. "Ich erwirkte eine einstweilige Verfügung. Er durfte sich mir nicht mehr nähern. Aber eigentlich wollte ich nur Frieden. Ich habe das Gespräch gesucht, um ihm zu erklären, dass es nichts mehr wird mit uns. Er wirkte, als hätte er es eingesehen."
Peilsender am Auto

Die Studentin zog die einstweilige Verfügung zurück. Der Stalking-Horror aber ging weiter. "Er wusste immer, wo ich bin, rief an, während ich im Auto unterwegs war und sagte: Guck mal in den Rückspiegel. Oder er lauerte mir auf dem Weg zur Arbeit auf. Ich war jedes Mal wie gelähmt und zugleich unendlich wütend. Er drohte: Wir müssen wieder ein Paar werden, sonst trifft es deine Familie. Ich bekam Magenprobleme, verlor Gewicht, hatte ständig Albträume."
Anja Winkelmann erwirkte eine zweite einstweilige Verfügung. "Danach wurde es richtig schlimm. Er wütete in meinem Freundeskreis, zerstach fast 90 Autoreifen, sprühte bei mir Bauschaum in Auspuff und Tank. Polizisten entdecken einen Peilsender an der Hinterachse. Und auf meinem Computer muss er schon während unserer Beziehung eine Software aufgespielt haben, die alle Tastatureingaben aufzeichnete. Er wusste alles."
"Opfer werden zu wenig gesehen"
Warum konnte André M. die Freundin nicht ziehen lassen? "Ich glaube es geht bei ihm um den Verlust des Machtgefühls", sagt die Studentin. "Er war mit mir als Freundin ja nicht wirklich zufrieden. Aber den Verlust konnte er trotzdem nicht aushalten."
Die Kieler Staatsanwaltschaft erließ schließlich Haftbefehl gegen André M. wegen Nachstellung. Der Stalker war jedoch bald wieder frei. "Ich habe den ganzen Rest des Tages geheult", sagt Anja Winkelmann mit belegter Stimme. "Der Staatsanwalt erklärte mir, die Freiheit eines Menschen sei ein hohes Gut. Aber ging es nicht auch um meine Freiheit? Die Opfer werden zu wenig gesehen. Ich war durch all die Angst emotional wie abgeschaltet, ausgeklinkt aus dem Leben. Zum Studieren hatte ich längst keine Kraft mehr. Ich dachte immer nur: Mehr als umbringen kann er dich auch nicht."
André M. wollte ihr Haus sprengen
Tatsächlich plante André M. weit mehr. Er hatte einen Nachbarn in der Straße angesprochen, sich dort einquartiert und mit der Herstellung von Sprengstoff begonnen. Die Menge hätte ausgereicht, um das ganze Mehrfamilienhaus, in dem Anja Winkelmann lebt, in die Luft zu sprengen - mit allen anderen Mietern. Nur weil der Nachbar unter gesundheitlichen Problemen litt und den Notarzt rief, wurde die Wahnsinnstat verhindert.
Die Studentin sagt über diesen Abend: "Ich kam kurz nach Mitternacht nach Hause, da war schon alles abgesperrt. Ich dachte, er hat sich vielleicht bei mir aufgehängt. Als ich von dem Sprengstoff hörte, war ich geschockt. Ich bin sicher, er wollte mich und sich totsprengen. Die Polizei nahm mich ins Zeugenschutzprogramm, bis er gefasst war." Ihre Augen schimmern wieder. Nein, keine Tränen mehr. Sie hat genug geweint. "Ich weiß, ich muss in Therapie, um damit klarzukommen. Aber ich werde auch Nebenklägerin sein im Prozess gegen ihn."
(ge, shz)

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