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Thomas L. : "Er hat sich eine Scheinwelt geschaffen"

vom

Der Prozess gegen Thomas L. (38) ging nach zehn Verhandlungstagen in die Weihnachtspause. Gelegenheit zu einer Analyse.

shz.de von
erstellt am 28.Dez.2009 | 12:10 Uhr

Flensburg | Der Mann auf der Anklagebank. Ein Mörder? Fast schmächtig wirkt er neben seinem schwergewichtigen Verteidiger Burkhard Gerling. Ausgezehrt von zehnmonatiger Untersuchungshaft. Auch von nagenden Schuldgefühlen? Von Seelenqualen Tag und Nacht? Niemand weiß es.
Denn Thomas L. schweigt. Doch Mimik und Gestik sprechen Bände. Mit konzentrierter Miene macht er sich in seinem feinen Ralph-Lauren-Pullover eifrig Notizen. Wirkt wie ein Unternehmer an seinem Schreibtisch. Bei Zeugenaussagen lacht er spöttisch in sich hinein. Verwickelt seine Anwälte aus Hamburg und Flensburg in kurze Zwiegespräche. Dann wieder schlägt er die Hände vors Gesicht. Und wenn die grausigen Details des Familiendramas zur Sprache kommen, füllen sich seine Augen mit Tränen.
Der Angeklagte offenbart sich als ein Mann mit vielen Gesichtern. "Ich habe noch nie einen so guten Schauspieler gesehen", sagt ein Prozessbeobachter.
 

Eine Tat, an Grausamkeit kaum zu überbieten
Staatsanwalt Dieter Chlosta wirft dem Geschäftsmann vor, eine Tat begangen zu haben, die an Grausamkeit kaum zu überbieten ist. Laut Anklage hat er am 16. Februar dieses Jahres seine Frau Ricarda (36) und die gemeinsame Tochter Marie (7) ermordet - mit 150 Messerstichen. Tatort ist sein Einfamilienhaus im Himmernmoos, einem Neubaugebiet in Harrislee, eine nördliche Nachbargemeinde Flensburgs. Vorwiegend gut situierte Bürger wohnen hier.
Nach dem Verbrechen legt er mit flüssigem Grillanzünder, den er zuvor gekauft hatte, Feuer, um die Tat zu vertuschen. Er flüchtet mit seinem BMW über Hamburg nach Berlin. In einem Geständnis per E-Mail an shz.de gibt er an, erpresst und bedroht worden zu sein. Vier Tage später versucht er, sich in einem Hotel in der Hauptstadt das Leben zu nehmen. Der Versuch, den nicht wenige als halbherzig abtun, misslingt.
 

Zügelloses Leben in Freiheit
Das Leben, das er in Freiheit geführt hat, ist, wie in Zeugenaussagen deutlich wird, zügellos. Ein Ermittler schildert L.s ausschweifendes Sexleben, das er mit mehreren Frauen praktiziere, dazu vergnüge er sich in bordellartigen Etablissements und Swinger-Clubs.
Seine Frau ordnete sich in jeder Hinsicht unter. "Er dominierte, sie kuschte", bringt es ein Zeuge auf den Punkt.
In umgekehrter Hinsicht gilt dies offenbar für das Verhältnis zum Vater. Harald L. soll seinen Sohn stark kontrolliert, ihn zeitlebens als Versager geächtet haben. Ein früherer Geschäftsfreund: "Thomas wollte ihm alles recht machen, er fürchtete sich vor ihm."
 

Millionen-Deals mit großen Firmen
Der Vater ist als Geldgeber beteiligt, als Thomas L. als Geschäftsführer der Handels- und Beteiligungsgesellschaft "Europe Capital" versucht, am ganz großen Rad zu drehen. Da ist die Rede von Millionen-Deals, in die Firmen wie Red Bull eingebunden gewesen seien, von Geschäftsreisen nach Monaco, Arbeitsessen in der Sylter "Sansibar", L.  brüstet sich mit Beziehungen zu den Hells Angels.
In die GmbH fand er Einlass aufgrund seines Charismas und der Gabe, Menschen für sich einzunehmen. Auch wenn, wie später behauptet wird, alles auf einem großen Lügenkonstrukt beruhte. Auch hier manifestiert sich die ambivalente Persönlichkeit. "Er ist ein Hochstapler", sagt ein früherer Freund aus. Habe sich als mehrfacher Millionär mit BWL- und Psychologie-Studium ausgegeben. Und ein Gutachter attestiert: "Er hat sich eine Scheinwelt geschaffen, in der er Bestätigung suchte."
Die privaten und finanziellen Verstrickungen wurden immer größer und unübersichtlicher. Schließlich habe man, so L., Geldeintreiber auf ihn gehetzt. Es ging um fast eine Million Euro. Der Druck nahm zu.
 

Thomas L. ging "immer sehr strukturiert" vor
Ein ehemaliger Finanzpartner erklärte, Thomas L.  sei "immer sehr strukturiert" vorgegangen, habe alles geplant. Gilt das auch für die Tat? Der Staatsanwalt ist vom Vorsatz überzeugt. Absurd ist für ihn die Behauptung L.s, er habe sich am Tattag Pfefferspray und Messer besorgt, um sich selbst etwas anzutun.
Der Volkszorn kocht unterdessen hoch. Viele können nicht verstehen, warum der Prozess unnötig in die Länge gezogen wird. "Hoffentlich kriegt er eine harte Strafe", sagt eine Flensburgerin, die kaum einen Verhandlungstag versäumt. Doch es gibt wesentlich härtere Einschätzungen. Als Bestie wird Thomas L.  da gesehen, als "irrer Killer". "Der gehört für immer weggesperrt!"

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