Wohnungs-Chaos : Entrümpelung: Befreiungsschlag gegen Ballast und Tüdelkram

Des einen Müll ist des anderen Schatz. Frank Bierwolf muss bei jeder Entrümpelung entscheiden, was noch zu gebrauchen ist.
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Des einen Müll ist des anderen Schatz. Frank Bierwolf muss bei jeder Entrümpelung entscheiden, was noch zu gebrauchen ist.

Der Winter ist die beste Gelegenheit, endlich das heimische Chaos zu bändigen. Doch so leicht wird man den Ballast nicht los. Ein Besuch bei den Experten.

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25. Januar 2015, 20:34 Uhr

Oeversee | „Den Schaukelstuhl da aus der Gründerzeit – den gebe ich nicht her“, sagt Frank Bierwolf ein wenig stolz, ein wenig trotzig. „Den wollten schon viele haben.“ Der 48-Jährige Handewitter steht in seiner Schatzkammer in Oeversee und blickt über Reihen von aufgerollten Teppichen, vorbei an kleinen Röhrenfernsehern und hoch zum blau verblichenen Gleitdrachen, der an der Decke der Lagerhalle hängt. Dicke, schwere Holztruhen (eine von einem Wanderprediger aus dem 18. Jahrhundert), eine lebensgroße James-Dean-Puppe und ein Raum voller Porzellan: Im Trödellager von Frank Bierwolf reiht sich Kunst an Kitsch, Krempel an Kultobjekte. Alles Dinge, die Bierwolf aus Wohnungen und Häusern im Raum Flensburg geholt hat. Jetzt stehen sie sortiert nebeneinander: historische Erbstücke, aufgelöste Sammlungen und Regalmeter voller zeugen des Konsums. Hängelampe zu Hängelampe, Vinyl zu Vinyl.

Wenn es darum geht, richtig anzupacken, ist Bierwolf sofort dabei. Er hat das Entrümpeln zu seinem Beruf gemacht: Im Raum Schleswig-Flensburg schlagen er und sein Team von den „Aufräumern“ regelmäßig Wege durchs Wohnungsdickicht. Oft wird er angerufen, wenn die Erben vor der völlig zugestellten Wohnung ihrer verstorbenen Eltern stehen. Auch Betreuer rufen ihn an, wenn jemand, der unter dem Messie-Syndrom leidet, alleine nicht mehr weiter kommt. Doch es gibt gelegentlich auch Leute, die ihn für die eigene Wohnung buchen. „Die sind dann kurz wach geworden“, sagt er. „Und müssen aufpassen, dass sie nicht wieder in den Trott zurückfallen.“ Der Trott, das sei bei vielen ein ständiges Kaufen, gern auch bei Homeshopping-Sendern im Fernsehen. „Es gibt Leute, für die ist es eine Art Sucht, Pakete zu bekommen“, sagt Bierwolf.

Während der Handewitter Bierwolf das sichtbare Chaos bekämpft, kümmert Jochen Waibel im Hamburger „Stimmhaus“ um die persönlichen Hintergründe. Der Coach und Mediator berät Menschen, die unter ihren Sachen leiden. „Wir in unserer Wohlstandsgesellschaft haben zu viele Dinge und sind beschäftigt mit der Verwaltung und dem Platz“, sagt der Hamburger. Ganz praktisch heißt das: Manchmal muss man „Luft schaffen, um wieder atmen zu können“. Er ermutigt dazu, radikal vorzugehen: „Es gibt gute Gründe, sich selbst von Liebgewonnenem zu trennen. Denn nur so ist man frei für Neues.“ Die meisten Leute seien zufriedener, wenn sie weniger Ballast mit sich schleppten. „Schließlich leben wir in der Gegenwart und nicht in der Vergangenheit oder Zukunft.“ Er glaubt sogar: Volle Kartons im Keller sind eine persönliche Schattenseite, die einen belastet. „Es ist Energie, die tot ist.“

Besonders der kalte Winter, wenn man viel Zeit in der Wohnung voller Wohlstandsmüll verbringt, ist es eine gute Gelegenheit zu entrümpeln. „Dazu muss man entscheidungsstark sein“, sagt Waibel. Und am besten holt man sich dafür Hilfe, zum Beispiel einen Freund, der etwas Distanz zu den Sachen hat. Menschen die zwanghaft horten, hätten ohne Hilfe keine Chance.

Das weiß auch Frank Bierwolf. Denn das Messiesyndrom hat zugenommen, seit er 2002 das erste Mal eine Wohnung ausräumte, sagt der Profi-Aufräumer. Damals war es noch eine Ausnahme, heute wird er regelmäßig in völlig vermüllte Wohnungen gerufen. „Es achtet heute nicht mehr jeder auf jeden“, erklärt er sich das. „Die Nachbarn in Miethäusern kennen sich manchmal gar nicht.“

Noch immer erinnert er sich an den „Froschmann“, der aus seiner Drei-Zimmer-Wohnung ein Sieben-Zimmer-Terrarium gemacht hat. In einer kleinen Kammer stand sein Bett, der Rest war voller Sandsteine und Teichfolie für hunderte Frösche und Salamander. Die Räume wurden mit Gartenschläuchen bewässert, die der „Froschmann“ durch eigens gebohrte Löcher in den Wänden in der gesamten Wohnung verlegt hat. Im Kühlschrank die Futter-Maden. Auf dem Balkon ein Überwinterungsstation für Kröten. „Überall hörte man es quaken“, erinnert sich Bierwolf. Die Männer brauchten eine Woche, um die Amphibien einzufangen und etwa neun Tonnen Material aus der Wohnung zu holen. Die Tiere brachten sie zum lokalen Zoohandel. Die Nachbarn hatten bis zum Tod der „Froschmanns“ offenbar nichts von den amphibischen Untermietern gewusst. Am Ende war die Statik der Wohnung in Gefahr.

Frank Bierwolf erzählt das mit einer Mischung aus Faszination und Mitleid. Auch von der Frau mit den 20 Kaffeemaschinen – er überzeugte sie, 19 wegzugeben - oder dem Mann, der von seiner Partnerin verlassen wurde und seitdem knietief im Müll lebte. Waibel sprach mit einem Paar, bei dem die Frau sich nicht von alter Kinderkleidung trennen konnte – und diese in Kartons um das Ehebett gestellt hatte. „Den Mann hat das belastet“, sagt Waibel. Der Psychologe rät, radikal vorzugehen und Dinge wegzuschmeißen. „Flohmärkte oder Ebay kosten nur zusätzliche Energie“, sagt er. So habe die Frau die meisten Kindersachen vom Flohmarkt wieder mit nach Hause gebracht und wieder blockierten die Kartons ums Bett das Liebesleben des Paars. „Das Loslassen ist das, was unsere Kultur nicht beherrscht“, sagt der Hamburger.

Er selbst habe keinen unausgepackten Karton, nicht einmal im Keller. Einmal hat er bereut, eine Reihe Fachbücher weggeschmissen zu haben, die er doch noch einmal brauchte. „Aber das war kein schlimmes Bereuen, ich konnte alles in der Bibliothek finden.“ Auch Frank Bierwolf sei „teilweise rigoros“, sagt er. „Da darf nicht so viel Tüdelkram sein.“ Bei vielen Kunden hat er festgestellt: Wenn die Sachen erstmal weg sind, dann ist das gar nicht so schlimm, sondern schlicht befreiend. Den Schaukelstuhl aus der Gründerzeit gibt er trotzdem nicht her.

Entrümpeln – so geht's

Ziele abstecken

Der Hamburger Psychologe Jochen Waibel empfiehlt, sich vor dem Entrümpeln innerlich zu sortieren. Dazu sollte man sich ein Ziel stecken: Möchte man mehr Platz haben oder in erster Linie Ballast abwerfen? Was braucht man in seinem Leben und was ist im Weg? Manche Menschen müssen nur einen Teilbereich in Ordnung bringen, beispielsweise Kleiderschrank oder Bücherregal, andere wollen alles umkrempeln.

Härtefälle

Frank Bierwolf hat es oft mit Härtefällen zu tun. Er bahnt sich dann zunächst Wege durch die Wohnung und entsorgt alles Verderbliche. Dabei wird auch geschaut, ob er einen Schädlingsbekämpfer braucht. Jochen Waibel sagt: Messies haben allein keine Chance.

Methode überlegen

Coach und Mediator Jochen Waibel empfiehlt die Hau-Ruck-Methode. Man nimmt sich ein Wochenende oder einige Urlaubstage Zeit, an denen man – mit kurzen Pausen für Spaziergänge – viel schafft. Weil man viel schafft, fühlt man sich damit erfolgreicher. Wer diese Möglichkeit nicht hat, kann aber auch Schritt für Schritt die Herkulesaufgabe des Ausmistens über einen längeren Zeitraum verteilen.

Verbündete suchen

Mit einem Freund aufzuräumen, macht nicht nur mehr Spaß als allein, sondern ist auch effektiver, sagt Mediator Jochen Waibel: „Freunde haben mehr Distanz zu den Sachen und können objektiver entscheiden.“ Er empfiehlt, etwa ab dem Grundschulalter, auch die Kinder bei der Sortierung der Kindersachen mit einzubeziehen. „So lernen sie, Entscheidungen zu treffen und haben es später leichter, sich selbst zu organisieren.“ Teilt man sich die Wohnung mit einem Partner, sollte man das Entrümpeln in gemeinsamen Bereichen vorher ansprechen und eventuell sogar eine gemeinsame Aufräumaktion vereinbaren. Dinge den Partners sollte man nicht ungefragt wegschmeißen.

Wo geht’s los?

Waibel und Bierwolf empfehlen beide, im Keller anzufangen. „Das ist Energie, die tot ist“, sagt Waibel. Kartons, die nur existieren, um den Keller zu füllen, brauche man nicht. Gegenstände, die man in den letzten zwölf Monaten oder fünf Jahren nicht benutzt hat, können weg. Bierwolf hat die Erfahrung gemacht, dass Ordnung im Keller einem hilft, aussortierte Dinge aus dem Wohnzimmer unterzubringen.

Neu bewerten

Man sollte versuchen, die Sachen so ehrlich wie möglich zu bewerten und zu sortieren. Man nimmt sich dafür zunächst einen einzelnen Bereich vor, beispielsweise das Bücherregal, und überlegt, wie viel Platz man schaffen möchte. „Man sollte zuerst alle Bücher stapeln, die man behalten möchte“, empfiehlt der Hamburger Coach Jochen Waibel. „Der Rest kann weg.“ Automatisch entstehe bei der Aktion ein „Weiß-Nicht-Stapel“ – hier sollte man aufpassen, dass dieser nicht dazu führt, dass man doch alle Bücher behält und nur das Regal einmal ein- und ausgeräumt hat. Waibel motiviert mit Leonardo da Vinci: „Das Ende eines Dinges ist der Anfang eines anderen.“

Wohin mit dem Zeug?

Jochen Waibel ist da radikal. Er plädiert dafür, Dinge wegzuschmeißen, selbst Bücher. Wer dies nicht übers Herz bringt, kann seine Sachen aber auch verschenken, spenden, tauschen oder verkaufen.

Gründe fürs Wegschmeißen: Alles andere führt nur dazu, dass die Dinge, sprich Probleme nur verschoben werden. Zeitlich und räumlich. „Keller heißt nicht weg“, warnt Waibel. „Im Antiquariat wird das meiste abgelehnt und vom Flohmarkt nimmt man die Hälfte wieder mit“, sagt Jochen Waibel. Auch Onlineverkäufe würden viel Energie kosten – und die Dinge weiter in der Wohnung halten. „Das schnellste und effektivste Loslassen ist das unmittelbare Loslassen“, sagt er. Dinge loswerden kann also einfach sein-  kleines in die Tonne, Großes auf den Sperrmüll. Fertig.

Gründe fürs Verschenken: Hier können Freunde bei der Einschätzung helfen, was noch brauchbar ist. Eventuell kann man mit dem einen oder anderen guten Stück jemandem eine Freude machen. Man sollte aber nicht versuchen, anderen etwas aufzuschwatzen. Auch über Kleinanzeigen kann man Dinge zum Verschenken anbieten.

Gründe fürs Tauschen: Tauschen kann Spaß machen – auf Kleider- oder Schmucktauschparties können Freunde gegenseitig ihre Garderoben auffrischen. Wer dringend Platz braucht, sollte aufs Tauschen aber verzichten, womöglich schleppt man mehr an, als man losgeworden ist.

Gründe fürs Spenden: Intakte Sachen, die den einen belastet haben, können auch für andere eine Hilfe sein. In Sozialkaufhäusern werden gespendete Second-Hand-Artikel an Menschen günstig weiterverkauft. Auch viele Tafeln nehmen Sachspenden entgegen. Bevor man mit einer Wagenladung dort hinfährt, sollte man aber fragen, was noch gebraucht wird. Kleidung kann man bequem in den Altkleidercontainer werfen.

Gründe fürs Verkaufen: Der finanzielle Ertrag ist meist gering – und der Verkauf kostet Zeit. Man sollte also abwägen, ob es sich lohnt. Intakte Haushaltsgegenstände und Möbel kann man bei vielen Trödel-Märkten oder auf dem Flohmarkt loswerden. Beim Onlineverkauf oder einer Auktion haben oft nur Markenwaren eine Chance, einen guten Preis zu erzielen. Mit etwas Glück wird man Dinge auch über lokale Kleinanzeigen los.

So wird’s nicht wieder voll

Aufräumer Frank Bierwolf empfiehlt, für jedes neue Teil ein oder zwei alte zu entsorgen. So läuft man nicht Gefahr, den neu gewonnenen Platz gleich wieder vollzumüllen. Im Geschäft kann man sich beispielsweise vor Augen führen, welches Paar Schuhe für die superschicken High Heels aussortiert werden muss. Findet sich kein Opfer dafür, sist das Objekt der Begierde vielleicht doch nicht superschick genug.

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