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Fiese Masche am Telefon : Enkeltrick-Mafia ist auch in SH aktiv

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Immer wieder geben Rentner ihr Erspartes her – weil sie auf die fiesen Tricks von Banden hereinfallen. Nun istNeumünster dran: Gleich mehrere Senioren bekamen Anrufe von angeblich in Not geratenen „Enkeln“. Die Polizei setzt auf Vorratsdatenspeicherung und Prävention.

shz.de von
erstellt am 16.Dez.2013 | 16:56 Uhr

Kiel/Neumünster | „Süßer die Kassen nie klingen“ – das abgewandelte Weihnachtslied singen derzeit nicht die Warenhauschefs und Parfümeriedirektoren, sondern Gangs in Polen, Litauen und Russland, die kurz vorm Fest betagte Frauen und Männer anrufen, sich als Enkel oder Neffen ausgeben und von einem Notfall berichten. Man benötigte dringend Geld für den Kauf einer Wohnung, die Reparatur des Autos oder die Behandlung von Unfallfolgen. Immer wieder gibt es Senioren, die auf diesen Enkeltrick reinfallen und ihr Erspartes hergeben. Das sei „die fieseste Art, sich Geld zu beschaffen“, sagte Anfang des Monats Oberstaatsanwalt Michael Wahl beim Prozessauftakt gegen zwei gefasst Täter in Karlsruhe.     

Trotz aller Aufklärung: der Trick hat Konjunktur. Weil die Zahl solcher Straftaten immer weiter zunimmt, hat es der Enkeltrick jetzt sogar in den Duden geschafft hat. In der Ausgabe vom Juli 2013 findet sich erstmals ein Eintrag dazu. Schleswig-Holsteins Innenminister Andreas Breitner (SPD) spricht inzwischen von einer „Besorgnis erregenden Entwicklung“.

Nicht ohne Grund: Im Karlsruher Prozess nannten die Fahnder der Polizei erstmals Ross und Reiter. Die Banden bestünden meist aus Familien-Clans der Roma. Für die sei der Enkeltrick nichts anderes, als eine ganz normale Geldeinnahme. Die Täter finden ihre Opfer, indem sie im Telefonbuch gezielt nach Menschen mit alten Vornamen suchen. Die passende Adressen liefen die Online-Telefonverzeichnisse heutzutage gleich mit. 

Vom Ausland aus werden dann die herzzerreißenden Anrufe an die Opfer gestartet. Etwa die Hälfte der Angerufenen ist bereit, ihren in Not geratenen Verwandten mit Geld auszuhelfen, berichtete ein Fahnder vor Gericht. Manche gehen zur Bank und heben größere Summen ab und übergeben sie an sogenannte Abholer, die sich auf den Weg nach Deutschland gemacht haben. Mitunter werden Hochbetagte, meist Frauen, sogar vor den Anrufen eine gewisse Zeit observiert.

„Der Spiegel“ widmete der Enkel-Mafia jetzt eine große Reportage. Die Drahtzieher, die in Saus und Braus leben, richten demnach jährlich einen Millionenschaden an. Das Netzwerk der Roma-Clans mit hunderten von Mitgliedern, die europaweit verwandt und verschwägert seien, funktioniere hervorragend. Redegewandte Betrüger suchen laut „Spiegel“ systematisch in ausgewählten deutschen Städten nach ihren Opfern.

In der vergangenen Woche war offenbar Neumünster dran. Zwölf Senioren haben sich bis Freitagmittag schon bei der Polizei gemeldet, weil sie Anrufe von angeblich in Not geratenen „Enkeln“ bekamen. Als eine 83-jährige Frau aus dem Stadtteil Einfeld eine namhaften Geldbetrag abheben wollte, wurden die Bankangestellten stutzig. Meist sind es die Bankbediensteten, die der Polizei entscheidende Tipps geben.

Es sind nicht nur demente oder altersverwirrte Senioren, die auf den Enkeltrick reinfallen. Wenn Verwandte in Not sind, helfen ältere und oft einsame Menschen grundsätzlich gern. Zudem sind die Betrüger listig und gehen immer professioneller vor. „Hallo Gerda, rate mal wer hier dran ist?, fragt der Anrufer. „Bist du es Matthias?“ – und schon ist der Name verraten und das Eis gebrochen.

Breitner ist sich zwar sicher, „dass die Polizei die richtigen Konzepte hat, um den Banden das Handwerk zu legen“. Doch die Fahnder haben es nicht leicht. „Die Ermittlungen sind schwierig, gerade weil wir es nicht mit Einzeltätern zu tun haben, sondern mit organisierten Banden, die arbeitsteilig aus dem Ausland vorgehen“, erklärt der Sprecher des Landeskriminalamtes, Stefan Jung, an diesem Wochenende.

Auch wenn die Anrufer in Osteuropa sitzen oder in der Türkei, erscheine auf dem Telefondisplay der Angerufenen eine Nummer mit deutscher Vorwahl. „Das wird alles manipuliert“, so Jung. Das Internet biete „phänomenale Voraussetzungen für den Betrug. Mit wenig Aufwand wird ein Netz ausgeworfen. Wenn von hundert Anrufen zehn erfolgreich sind, ist die Ausbeute schon riesig“. Selbst wenn man die, die das Geld in Vertretung des leider verhinderten Enkels abholen, zu fassen bekommt – an die Hintermänner kommt man so nicht ran. Zumal Senioren in jüngster Zeit immer häufiger aufgefordert werden, die benötigte Summe über Finanzdienstleister (zum Beispiel Western Union) an den Enkel zu schicken. „Dann verliert sich die Spur komplett“, so Jung.

Der einzige Ermittlungsansatz sei dann die Telefonnummer. „Um so wichtiger ist es, dass die Provider die Verbindungsdaten für eine gewisse Zeit speichern“. Nur dann habe die Polizei die Chance, festzustellen, von welchem Telefonanschluss und von welchen Computer aus die Bandenmitglieder ihr schmutziges Spiel spielen. Wer der Polizei dieses Instrument nehme, habe offenbar die Gefahr nicht erkannt. „Wir haben es heutzutage nicht mehr mit fliegenden Teppichhändlern zu tun, die an der Haustür minderwertige Ware verkaufen, sondern mit organisierten Verbrechern, die aus der Anonymität der digitalen Welt heraus agieren.“

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