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Schulnoten und G8 : Eltern in SH: Gemeinschaftsschule oder Gymnasium?

vom
Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

Die Mehrheit der Schleswig-Holsteiner lehnt das neue System, wonach Grundschüler keine Noten mehr erhalten sollen, ab. Zu Unrecht, findet Peter Struck.

Kiel/Hamburg | Eltern beurteilen Schule in der Regel so, wie sie Schule selbst erlebt haben. Sie können sich nicht ohne weiteres vorstellen, dass Kinder bis zum 12. oder 13. Lebensjahr mehr lernen, wenn sie keine Noten bekommen, ihnen ist nicht sofort klar, dass in jahrgangsübergreifenden Klassen mehr gelernt werden kann, als wenn man Kinder nach Geburtsjahrgängen unterbringt, und sie empfinden Ganztagsschule oft als Eingriff in das Familienleben.

Als an einer Grundschule im Sauerland, weil es nicht mehr genug Kinder gab, die Klassen 1 und 2 plötzlich in einem Raum unterrichtet wurden, waren die Eltern empört; aber bereits drei Monate später waren dieselben Eltern begeistert, denn ihre Kinder lernten mehr. Den meisten Eltern und damit auch Bürgern mangelt es immer noch an Informationen über effizientes Lernen, wie sie uns seit einiger Zeit zunehmend die Hirnforscher bieten.

Eine Umfrage ergab vor einigen Jahren, dass sich der überwiegende Teil der schleswig-holsteinischen Eltern finnische Schulverhältnisse wünschte, denn Finnland wurde viermal PISA-Weltmeister und sechsmal Europameister beim Lernen. Aber im Detail waren sie gegen das meiste, was Finnland konkret macht: Noten erst ab Klasse 7, gemeinsames Lernen bis zur Klasse 9 ohne Sitzenbleibenkönnen in der Gemeinschaftsschule und Ganztagsschule.

Wie emotional besetzt das Thema ist, zeigt auch die lebhafte Diskussion über die Facebook-Seite des Schleswig-Holsteinischen Elternvereines e.V., der verschiedene Aspekte einer auf O2elf.net veröffentlichten Bürgerbefragung durch „infratest dimap“ diskutiert:

81 Prozent der Norddeutschen bevorzugen Noten an Grundschulen. Dabei haben uns im vorletzten Dezember die Lernpsychologen und Hirnforscher sehr deutlich gesagt, dass Kinder bis zum 13. Lebensjahr mehr ohne Noten lernen, ab 14 allerdings mehr mit Noten.

Wenn man einem Achtjährigen bereits Noten gibt, dann lernt er, ausschließlich für diese Noten zu lernen, er lernt dann nicht mehr für sich, nicht mehr für die Sache, um die es geht, und schon mal gar nicht mehr für seine Zukunft. Einem 14-Jährigen hingegen sollte man Noten geben; das hat etwas mit Pubertät zu tun; und wenn der eine rote 5 geschrieben hat, weiß er ganz genau, dass das etwas mit ihm und seinem Lernverhalten zu tun hat. In Norwegen und Schweden beginnen daher die Noten zum ersten mal in Klasse 9, in Dänemark schon in Klasse 8 und in Finnland bereits in Klasse7. Damit hätten die Finnen eigentlich nicht viermal PISA-Weltmeister werden können, denn sie beginnen mit den Noten viel zu früh; da sie aber hundert andere Dinge richtig machen, konnten sie diesen kleinen Nachteil verkraften.

80 Prozent der Norddeutschen wünschen ein Abitur am Ende der Klasse 13, also die „G9“-Lösung. In Hamburg sammelt gerade eine Bürgerinitiative Unterschriften für die Wiedereinführung der 13. Klasse an Gymnasien, weil sie der Meinung ist, dass die 265 Wochenstunden, die Schüler laut einer Vereinbarung der Kultusministerkonferenz von Klasse 5 bis zum Abitur haben müssen, bei der „G8“-Variante zu viel Stress zumal für die jüngeren Schüler bewirke. Nun gibt es aber zwei neue Studien von der Bertelsmann-Stiftung und vom Institut der deutschen Wirtschaft, die uns sagen, dass die G8-Schüler, die Abitur nach Klasse 12 machen, sich keineswegs stärker belastet fühlen und dass sie sogar mehr Hobbys haben, mehr Sport treiben und mehr Musik machen als die jungen Menschen, die G9 durchlaufen. Wichtig ist aber bei der G8/G9-Debatte etwas ganz anderes: Schleswig-Holstein und Hamburg haben mit ihrer Lösung, dass die meisten Gymnasien zu Abitur nach Klasse 12 führen, die Gemeinschafts- und Stadtteilschulen aber zum Abitur nach Klasse 13, sehr gute Erfahrungen gemacht, weshalb der Hamburger Schulsenator Ties Rabe mit dem Slogan seines Bürgermeisters Olaf Scholz „Wir brauchen endlich einmal Schulfrieden“ daran auch fortan nicht rütteln will: Eltern haben die Wahl, ob sie ihr Kind zum Abitur nach Klasse 12 auf das Gymnasium melden oder zum Abitur nach Klasse 13 auf die Gemeinschafts- beziehungsweise Stadtteilschule, mit dem Resultat, dass auch an den Gemeinschafts- und Stadtteilschulen relativ viele intelligente Schüler sitzen, die als Zugpferde und Motivatoren dringend für die nicht so starken Schüler benötigt werden. Denn Schüler lernen von anderen Schülern doppelt so viel wie von noch so guten Lehrkräften, sagen uns die Lernpsychologen. Und da man durch Erklären mehr lernt als durch Zuhören – wir alle haben die Zusammenhänge immer erst dann verstanden, wenn wir sie anderen erklären – lernen alle Schüler ganz viel, wenn man das Lernen richtig organisiert. Wenn hingegen sowohl die Gemeinschafts- und Stadtteilschulen als auch die Gymnasien G9 anbieten, dann werden Eltern ihre gutbegabten Kinder sofort zum Gymnasium melden und dann mangelt es den Gemeinschafts- und Stadtteilschulen an den für ihr Gelingen so wichtigen guten Schülern. Und da hochbegabte Schüler langsamer lernen als dumme – was die meisten Bürger auch nicht wissen – , brauchen sie die G9-Klassen an den Gemeinschafts- und Stadtteilschulen unbedingt für ihren Erfolg, denn bislang scheitern in den deutschen Gymnasien vor allem die hochbegabten und die AD(H)S- Schüler, die ja zumeist zu den gutbegabten gehören.

Deutschland und Österreich haben unter den 42 vergleichbaren Industrieländern die kürzesten Grundschulzeiten mit nur vier Jahren. Weltweit üblich sind 6-, 8-, 9-, 10- oder gar 12-jährige Grundschulen. Eine Abschlussprognose in Bezug auf Abitur oder Realschulabschluss bereits bei Zehnjährigen ist zu früh. Man kann so etwas nicht stimmig vor dem Ende der Pubertät vorhersagen. Die während der Klasse 4 ausgesprochenen Schullaufbahnempfehlungen erweisen sich daher späterhin bei einem Drittel aller Schüler nach oben und unten als falsch, die in Klasse 6 ausgesprochenen, sind nur noch in einem Sechstel aller Fälle, die später biographisch korrigiert werden müssen, falsch. Gemeinschafts-, Stadtteil-, Gesamt- und Waldorfschulen haben den großen Vorteil, dass sie die Abschlussentscheidung bis zur Klasse 9 oder 10 offen lassen und damit vielen Schüler persönlich beschämende Niederlagen und enttäuschte Gesichter ihrer Eltern ersparen. Optimal wäre also ein „längeres gemeinsames Lernen“, wie es in den schulisch so erfolgreichen Ländern Skandinaviens selbstverständlich ist.

Nur dem, was „infratest dimap“ zum leidigen Thema Unterrichtsausfall sagt, muss man nicht widersprechen, weil es sattsam bekannt ist. Erstaunlich ist bei den vorgelegten Zahlen allerdings, dass der Unterrichtsausfall in Norddeutschland offenbar in den letzten Jahren deutlich abgenommen hat.

Baden-Württemberg führt jetzt offensiv die Gemeinschaftsschule ein. Dort helfe ich so mancher Schule, die zuvor Haupt-, Werkreal- und Realschule war, den Umbau hinzukriegen, indem ich erst eine Lehrerfortbildung mache und dann abends die Eltern mitnehme. Wobei die Eltern, wenn sie genügend Informationen über das bekommen, was uns die Hirnforscher über Lernen und über die ganz anderen Hirnvernetzungen und die anderen Lernweisen der heutigen Kids, in multimedial vernetzten Kinderzimmern und mit Smartphones aufwachsen, sagen, eher zustimmen als die Mehrheit der Lehrkräfte. Wenn man Eltern anderthalb Stunden etwas über hirngerechtes Lernen berichtet, stimmen sie durchweg der Gemeinschaftsschule, der sie zunächst skeptisch gegenüberstanden, zu. Besonders, wenn sie Söhne haben. Denn dass zur Zeit deutlich mehr Jungen als Mädchen in den deutschen Schulen scheitern, liegt auch daran, dass 90 Prozent der Jungen nur durch Handeln, durch Ausprobieren, durch Fehlermachen und nebenbei gut zu lernen vermögen (das gilt auch für 60 Prozent der Mädchen), und dann ist es mehr als dumm, ihnen früh Noten zu geben, weil sie sich dann auch früh beim Lernen aufgeben, wenn die Noten durchweg schlecht sind. Elfmeterschiessen lernt man eben nur durch Ausprobieren und Fehlermachen, nicht durch Vorträge, nicht durch Texte und schon gar nicht über schlechte Noten, was man als Hamburger weiß, wenn man mit dem HSV mitleidet.


Prof. Dr. Peter Struck ist Erziehungswissenschaftler an der Universität Hamburg. Im Primus Verlag, Darmstadt, ist sein Buch „Die 15 Gebote des Lernens“ erschienen.



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erstellt am 21.Sep.2014 | 09:22 Uhr

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