Eisenharter Ostseeman begeistert

Ostseeman in Glücksburg - einer der härtesten Triathlon-Wettbewerbe der Welt. Foto: dpa
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Ostseeman in Glücksburg - einer der härtesten Triathlon-Wettbewerbe der Welt. Foto: dpa

Extrem-Triathleten trotzen Wellen und Windböen - tausende Zuschauer tragen mit ihren Anfeuerungen an der Strecke die Triathleten ins Ziel.

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08. August 2011, 08:04 Uhr

glücksburg | Machen wir es noch brutaler - muss sich Petrus beim Gestalten der Wetterbühne für den zehnten Ostseeman gedacht haben. 3,8 Kilometer Schwimmen, danach 180 Kilometer Rad fahren und dann auch noch einen Marathon. Insgesamt 226 Kilometer am Limit dessen, was ein Athletenkörper leisten kann - diese für viele schon unvorstellbar hohe Messlatte wird am Sonntag in Glücksburg noch einmal kräftig höher gelegt.
Riesige, bedrohlich graue Blumenkohlwolken schiebt der kräftige Wind aus Südwest um 6 Uhr früh von der Förde auf den Strand. Heftige Böen peitschen dazu den Regen waagerecht über die mit weißen Schaumköpfen getupfte Ostsee. Die gefühlte Temperatur beträgt keine zehn Grad. Doch am stürmischen Strand tummeln sich weit mehr als 580 Einzelstarter und 280 Staffelschwimmer auf dem Weg zum Einschwimmen. Hunderte Fans des Extrem-Triathlons über die legendären, von Leid und Leidenschaft geprägten Ironman-Distanzen trotzen dem Herbsteinbruch. Mit Kind, Kegel und Klappstühlen pilgern sie dick eingepackt zum von dramatischer Musik umhüllten Startbereich. Auf dem Weg zu einem Sporttag, der tausenden Zuschauern bis zum Abend viele unvergessliche Eindrücke und auch noch reichlich Sonne bietet.

Zunächst können aber weder Regen noch Kälte verhindern, dass sich mit jeder Minute, die der Start näher rückt, das unsichtbare Band zwischen den Eisenmännern und -frauen und ihren Respekt erfüllten Fans enger knüpft. Der Ironman in Glücksburg ist zum Großereignis geworden und dennoch ein Festtag für eine große Sportfamilie geblieben. Alle duzen sich, alle drücken sich die Daumen, alle eint die Anerkennung für die Athleten, deren Kampf auf dem Weg ins Ziel bei keinem anderen großen Ironman-Wettkampf so hautnah miterlebt und miterlitten werden kann.
Segen vor dem Start
"Gott ist überall" gibt Pastor Norbert Siemen den Starten in Neoprenanzügen von der Seebrücke aus mit auf dem Weg. Hoffentlich ist er heute auch in dieser tosenden Ostsee - teilen viele skeptische Blicke stumm mit. Doch für solche Gedanken bleibt keine Zeit. Eng, wie Schafe im Gatter auf dem Weg zum Scheren sind die Männer und Frauen mit Adrenalinhöchstwerten im Startbereich am Strand eingeschlossen. Die Nationalhymnen aller startenden Nationen werden angespielt, dazu die Schwimmbrillen nochmal fixiert. Die Spannung ist kaum noch ertragbar. Noch 30 Sekunden. Der Regen peitscht. Die Möwen schreien. Dann endlich der Startschuss. Die ersten Reihen des Meeres aus rosafarbenen (Einzelstarter) und gelben (Staffel) Badekappen laufen mit ausholenden Schritten ins Meer. Sekunden später fliegen schwarze Arme wie ein riesiger Delfinschwarm über die Wellen. Als auch die Letzten die ersten Züge machen, kocht die Ostsee wie ein riesiger, voll besetzter Karpfenteich, aus dem das Wasser abgelassen wird.

"Die Armen, hoffentlich kommen alle gut durch", lautet der an allen Ecken zu hörende Wunsch. Das hofft auch der wegen des anspruchsvollen Wetters spürbar angespannte Rennleiter Reinhard Husen, der mit seinem Team den Ostseeman zum viertbesten Ironman-Triathlon der Welt gemacht hat und in dieser Stunde - wie so viele Angehörige und Liebende - um seinen Sohn im Wasser bangt.
Gewinner: Christian Nitschke und Nicole Woysch
Doch während des Schwimmens wird alles gut. Der Himmel reißt auf, die Sonne sorgt in wenigen Minuten für einen Jahreszeitenwechsel. Alle kommen heil aus dem Wasser, auch Torsten Husen, auch Stadtrat John Witt - und das nach nicht einmal anderthalb Stunden. Diesmal wolle er keine angepeilte Zeit nennen. "Ich will den Wettkampf möglichst lange genießen", sagt Witt kurz vor dem Start, vielleicht gerade weil er diesmal ein besonders anspruchsvolles Ziel vor Augen hat?
Gut aus dem Wasser kommen auch die Top-Favoriten, allen voran Christian Nitschke - dem späteren Sieger. Einen neuen Rekord verfehlt er zwar, legt mit 8, 35 Stunden aber eine Superzeit hin. "Das war mein härtester Ostseeman. Die Wellen waren über einen Meter hoch", sagt der glückliche Sieger. Kurz vor 16 Uhr ist die erste Frau, Nicole Woysch, nach 9 Stunden und einer Minute im Ziel.
Doch gefeiert werden nicht nur die Stars und Lokalmatadoren, sondern alle. Die Letzten genauso lautstark wie die Ersten - gerade das macht den Ostseeman aus. Ob beim von heftigen Böen erschwertem Radfahren oder beim Laufen, ob mit Tröten, Händen, Trommeln, Reibeisen oder Jubelrufen. Bis sich der Tag am Horizont verabschiedet und das Ziel um 22 Uhr mit einem Feuerwerk geschlossen wird.
(wer, shz)

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