Zeitungszusteller aus Flensburg : Einzelkämpfer in der Nacht

Eisiger Anstieg in der Dunkelheit: Für Walter Rentzsch ist  die Treppe von Fahrensodde zum Strandfrieden  eine rutschige Angelegenheit. Foto: ft
Eisiger Anstieg in der Dunkelheit: Für Walter Rentzsch ist die Treppe von Fahrensodde zum Strandfrieden eine rutschige Angelegenheit. Foto: ft

Um 2.30 Uhr ist für Walter Rentzsch die Nacht zu Ende. Der 38-Jährige Flensburger ist Zeitungsausträger - und hat während der Wintermonate zu kämpfen.

shz.de von
05. Januar 2011, 04:51 Uhr

Flensburg | Stille. Einzig ein Klappern durchbricht das Schweigen der Nacht. Es ist 2.30 Uhr. Das Geräusch ist dem mit Eis und Schnee bedeckten Gehweg geschuldet, über den Walter Rentzsch seinen Handwagen zieht. Gefüllt ist dieser mit 74 Zeitungen des "Flensburger Tagesblatt", die der 38-Jährige den Lesern in Mürwik zustellt. In der winterfreien Zeit beginnt sein Dienst um 4.15, derzeit fängt er noch früher an. Vier Stunden Schlaf müssen reichen. Die witterungsbedingten Straßenverhältnisse machen es nötig. Leicht nach vorn gebeugt, zügig, aber niemals hektisch zieht Rentzsch seine Kreise. "Wenn die Menschen wach werden, wollen sie in ihre Zeitung gucken. Daher ist es wichtig, dass ich pünktlich bin", sagt er. Er meint es ernst, Zuverlässigkeit ist ihm wichtig.
Vor acht Jahren kam der gebürtige Augsburger nach Flensburg. Ihn lockte unter anderem ein Job bei einer Werft, den er über eine Zeitarbeitsfirma bekam. Das Unternehmen ging in die Insolvenz, Rentzsch stand ohne Anstellung da. Nun ist er Hartz-IV-Empfänger, seine Krankheit erschwert ihm den Wiedereinstieg ins Berufsleben. Er hat Diabetes. Vor drei Jahren fing der gelernte Bäcker an, Zeitungen auszutragen. "Ein anderer Arbeitgeber nimmt mich doch nicht mehr." Er sagt es nicht klagend, eher feststellend.
"Im letzen Winter war es noch viel schlimmer"
Seine Strecke beginnt am Twedter Plack, wo die Zeitungspakete auf ihn warten. Das Gebiet, das Rentzsch in den letzten drei Jahren über 900 Mal in den frühen Morgenstunden durchstreifte, ist herausfordernd. Mal geht es bergab, mal sind die Häuser in den Siedlungen verwinkelt. Teilweise ist es sehr dunkel. Diese Nacht ist es drei Grad unter Null. Die Kälte macht ihm nicht viel aus. Er ist gut eingepackt. Über die schwarze Wollmütze ist noch die graue Kapuze seines Pullovers gezogen. Ein rot-weißer Schal versteckt den Dreitagebart. "Der Körper hat sich an die kühlen Temperaturen gewöhnt", sagt Rentzsch in fast schüchternem, aber höflichem Ton. "Man ist immer in Bewegung, da wird einem nicht kalt." Krank war er in den drei Jahren nicht. Zeitungszusteller sind abgehärtet. Mehr als 200 von ihnen sind jeden Morgen im Stadtgebiet im Einsatz.
Schwierigkeiten bereiten Rentzsch und seinen Kollegen vor allem Schnee und Glätte. "Im letzen Winter war es noch viel schlimmer", sagt er. Aber auch dieses Jahr verlangen Hindernisse die volle Aufmerksamkeit. Am Twedter Strandweg gleicht ein schmaler Zugang zu einem schicken Einfamilienhaus einer Eisbahn. Für Rentzsch kein Grund, sich aufzuregen. "Hingefallen bin ich in diesem Winter erst einmal. Passiert ist nichts. Es gab nur einen blauen Fleck."
"Ich bin ein Typ, der gerne auch mal alleine ist"
Die Scheiben der Autos, die an den Straßenrändern stehen, sind vereist. Einen anderen Menschen trifft er in den eisigen Nachtstunden nicht. Es ist ihm recht. "Ich bin ein Typ, der gerne auch mal alleine ist." Seine ruhige Stimme unterstreicht die Aussage. Ein Lautsprecher ist er nicht, stattdessen mag er die Ruhe.
"Im Winter sind Schnee und Eis die größten Gegner des Zeitungszustellers, im Sommer die Menschen." Feierwütige, die noch vom Vorabend - meist betrunken - am Strand übrig bleiben, würden von ihm Zeitungen haben wollen. Manchmal würde er sogar bedroht werden. "Ich kann denen die Zeitungen aber nicht geben, die sind doch für unsere Kunden."
Zum Schluss seiner Runde erwartet Rentzsch eine rutschige Angelegenheit. Von Fahrensodde zum Strandfrieden muss er eine vereiste Treppe hochsteigen. An gestreute Stufen ist hier nicht zu denken. Gekonnt schultert er seinen treuen Begleiter - einen blauen Zeitungswagen, dessen Kunststoff sich langsam auflöst -, damit auch der letzte Kunde seine Zeitung bekommt. Es ist 4.15 Uhr, Feierabend für Rentzsch. Zuhause wartet eine warme Dusche auf ihn. Am Vormittag wird er noch ein paar Stunden schlafen. Er hat es sich verdient.

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