Seesperre in der Förde : Eingetaucht in die Anfänge Flensburgs

Das Unterwasserfoto zeigt Überreste einer mittelalterlichen Seesperre im Hafen von Flensburg. Foto: Thomas Raake, dpa
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Das Unterwasserfoto zeigt Überreste einer mittelalterlichen Seesperre im Hafen von Flensburg. Foto: Thomas Raake, dpa

Die Überreste einer alten Seesperre wurden in der Flensburger Förde neu entdeckt und jetzt dokumentiert. Ein Archäologe datiert sie auf etwa 1150.

shz.de von
02. September 2011, 07:22 Uhr

Flensburg | Es ist nicht viel, was die Taucher in acht bis neun Metern Tiefe gefunden haben. Reste von ein paar alten Holzpfählen, maximal 20 Stück. Einige ragen aus dem Hafengrund, andere liegen flach, mehrere sind nur noch Stummel. Doch die Funde, von denen am heutigen Donnerstag einige gehoben werden sollen, könnten dafür sorgen, dass der Anfang der Flensburger Stadtgeschichte neu geschrieben werden muss. "Das ist das Älteste, was je in Flensburg gefunden wurde", sagt Dr. Martin Segschneider vom Archäologischen Landesamt. Er ist der wissenschaftliche Leiter der Tauchaktion, die nun endet.
Segschneider ist sich sicher, dass es sich bei den Funden um die Reste einer alten Sperranlage handelt, die an der schmalsten Stelle des Hafens von der West- zur Ostseite reicht, in etwa vom Kraftwerk zum Harniskai. Die grüne Arbeitsplattform der Hafen GmbH markiert diese Woche die Stelle, an der Taucher des Landesamtes zusammen mit Flensburger Sporttauchern seit Beginn der Woche nach den Resten der Pfähle suchen und diese dokumentieren.
Bauwerk geriet nach 1927 in Vergessenheit
Vor weniger als hundert Jahren war noch deutlich mehr von dem mittelalterlichen Sperrwerk vorhanden. Hafenarbeiter stießen 1927 bei der Verlegung einer Dükerleitung auf jede Menge Pfähle, die ihnen im Weg standen. Also wurde sie rausgerissen, woran die Flensburger Nachrichten am 22. März 1929 unter der Überschrift "Die mittelalterliche Verpfählung des Flensburger Hafens" erinnerten. Doch dann geriet das Unterwasser-Bauwerk der frühen Flensburger in Vergessenheit.
Bis 2007. Da erinnerte sich der Flensburger Rüdiger Kuhnke an den 78 Jahre alten Artikel und sprach den Unterwasser-Fotografen Thomas Raake an. Am 10. März 2007 ging dieser zusammen mit dem Sporttaucher Detleff Witte erstmals an der vermuteten Stelle ins damals zwei Grad kalte Wasser - und wurde fündig. "Ich habe einen Freudenruf unter Wasser ausgestoßen", erinnert sich Raake. Als Hobbytaucher habe es ihn riesig gefreut, die Anerkennung durch die Archäologen bekommen zu haben, die er von Anfang an eingebunden und informiert hatte. Erste Fotos wurden gemacht, "und dann nahm das Projekt Fahrt auf", so Raake. "Heute können wir die Früchte ernten."
Buchenholz verrottete schnell
"Es ist fantastisch, dass die Funde so alt sind", freut sich Archäologe Segschneider. Da die meisten Pfähle aus Buchenholz sind, das schnell verrottete, fand sich nicht viel Material, das für eine genaue Datierung geeignet war. Ein Stück aus Eiche, das man fand, stammte aus einem noch sehr jungen Baum - auch schlecht für eine Datierung. Doch am Ende konnte man zwei Jahresringe datieren. "Sie stammen aus der Zeit 1150 bis 1160", so Segschneider.
Für den Frühgeschichtler ist das Vorhandensein einer Seesperre ein deutlicher Hinweis darauf, dass Flensburg zu dieser Zeit, etwa 130 Jahre vor der Stadtgründung, schon ein bedeutender Handelsort war, den es zu schützen galt. "Es gab damals große Probleme mit Überfällen slawischer Stämme, zum Beispiel durch die Wenden, auch über See", erläutert Segschneider. Die Sperre dürfte die gesamte Breite des Hafens abgedeckt haben, damals noch ca. 300 Meter, heute durch die Aufschüttungen deutlich weniger. Ob die Pfähle bis knapp unter die Wasseroberfläche oder sogar darüber hinaus reichten, sei heute schwer zu sagen. Für die heimischen Schiffe habe es einen kleinen Durchlass gegeben, Eindringlinge sollten durch die Pfähle - rund 25 bis 30 Zentimeter dick und im Abstand von zwei bis drei Metern in zwei Reihen in den Hafen gerammt - aufgehalten werden.
Ausstellung im Schifffahrtsmuseum
Am heutigen Donnerstag sollen nun zwei bis drei Pfähle gehoben werden, wenn sie nicht vorher auseinander fallen. In einem aufwändigen Verfahren, das zwei bis drei Jahre dauert, werden die Stücke konserviert und sollen dann im Schifffahrtsmuseum ausgestellt werden.
Das ganze Projekt Seesperre war nur durch die Teamarbeit vieler Beteiligter möglich: Archäologisches Landesamt, Thomas Raake, Flensburger Sporttaucher, Hafen GmbH, die die Arbeitsplattform zur Verfügung stellte, Gesellschaft für Stadtgeschichte und zahlreiche Helfer - bis hin zum Bootsbesitzer, der den Shuttle-Dienst machte.

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