E-Mobil : Eine Spritztour unter Strom

Auftanken: Claus Hanßen (re.), Chef des gleichnamigen Gasthofes in Aukrug-Bargfeld, spendiert dem Elektro-Golf ein bisschen 'Saft'.
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Auftanken: Claus Hanßen (re.), Chef des gleichnamigen Gasthofes in Aukrug-Bargfeld, spendiert dem Elektro-Golf ein bisschen "Saft".

Tobias Hartwig fährt einen 16 Jahre alten Elektro-Golf - und das Mitfahren ist ein Erlebnis. Mit dem Citystromer will er nach Hamburg pendeln.

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14. März 2011, 09:19 Uhr

Neumünster | Zwischenstopp bei Hanßens Gasthof in Bargfeld im Naturpark Aukrug. Wenn Tobias Hartwig aus Neumünster mit seinem Auto hier Halt macht, spendiert ihm der Wirt öfter mal "Saft". Und zwar aus der Steckdose. Hartwig, 30 Jahre alt und Kfz-Mechaniker von Beruf, fährt einen Golf 3 Citystromer, Baujahr 1995. Energie liefern 16 jeweils 31,5 Kilo schwere Batterien.
"Du kennst Dich ja aus - oder soll ich kurz mitkommen?", fragt Claus Hanßen (59), Chef des Gasthofes. Dann führt er ein Verlängerungskabel aus dem Wirtschaftstrakt, während Hartwig das hinterm Nummernschild verborgene Ladekabel hervorzieht. Beide Stecker werden zusammengestöpselt - das wars. Ein leises Surren ist die einzige Antwort des Autos. "Die Akkulüftung ist angesprungen", erklärt Tobias Hartwig. "Die Batterien werden beim Aufladen heiß." Dann geht er in die Gaststube und bestellt ein Spezi.
Leergewicht liegt bei 1540 Kilogramm
Vor wenigen Tagen ist der Neumünsteraner extra nach Kassel gefahren, hat dort nagelneue Blei-Gel-Batterien für 3700 Euro gekauft. 700 Mal könne er sie von null auf 100 Prozent aufladen, sagt Hartwig kurz vor der Probefahrt. Zwischen sechs und acht Stunden dauert das. Danach reicht es für jeweils 80 bis 100 Kilometer. Es gibt leistungsfähigere Lithium-Ionen-Batterien, dafür hätte er aber 10.000 bis 15.000 Euro hinblättern müssen. Zusammen wiegen die Akkus eine halbe Tonne. Verstaut sind sie im Motorraum und unter dem Heckkofferraum. Allein das Leergewicht liegt bei 1540 Kilogramm. "Die Zuladung ist deshalb auf 320 Kilo beschränkt. Höchstens drei Leute dürfen mit mir mitfahren."
Dann gehts los. Anlassergeräusch? Fehlanzeige. Es ist schon irritierend, wenn Hartwig den "Zündschlüssel" dreht. Einzig die Unterdruckpumpe des Bremskraftverstärkers brummt einige Sekunden, dann herrscht schon wieder Stille. Geräuschlos und spritzig fährt der Wagen mit umgerechnet 30 PS und 5-Gang-Getriebe an, einzig die Reifen werden mit zunehmendem Tempo lauter. Auf der Bundesstraße 430 erreicht der Citystromer knapp Tempo 100. Bei 120 km/h endet die Tachoanzeige. "Über 100 kommt man allerdings nur mühsam", sagt Hartwig.
Nur 120 Stück wurden gebaut.
Seit sechs Jahren fährt der Neumünsteraner Elektro-Golfs - als Zweitwagen neben seinem dieselbetriebenen Passat. "Ich hatte schon immer Interesse daran", sagt der Kfz-Mechaniker. Es sei bereits sein zweiter Citystromer, berichtet Hartwig. Den Wagen habe vor vier Jahren in Frankfurt am Main für 5800 Euro erworben und rundum erneuert. "Vor zwei Jahren hat mir jemand 14.000 Euro dafür angeboten - aber hergeben wollte ich ihn nicht", sagt Hartwig. Die Elektroautoversion des Golfs hat schon länger Seltenheitswert. Nur 120 Stück wurden von dem Exemplar gebaut.
Dank der neuen Batterien will es der 30-Jährige nun wieder wagen, mit dem Citystromer zur Arbeit zu pendeln. Der Neumünsteraner fährt täglich nach Hamburg-Waltershof, wo er im Hafen für die Wartung und Instandhaltung von Carrier-Kränen zuständig ist. 57.700 Kilometer ist bislang die Gesamtfahrleistung seines Elektroautos. "Na klar - mit dem ersten Motor", sagt Hartwig. Der Wartungsaufwand halte sich in Grenzen. Bremsflüssigkeit und Bremsen müssen mal ausgewechselt werden. "Ein Ölwechsel aber entfällt, ein neuer Auspuff wird auch nie fällig."
Parken nur mit Handbremse
Beim Fahren müsse man sich jedoch etwas umgewöhnen. Das wird vor der roten Ampel klar: Hartwig kann den Citystromer abbremsen, ohne die Kupplung zu treten oder runterzuschalten. Ein Elektromotor benötigt keine Grunddrehzahl. "Der Motor hat auch keinen Bremswiderstand. Deshalb muss ich beim Parken immer die Handbremse ziehen", sagt der 30-Jährige. Mit seinem Interesse an Elektroautos hat er seinen Vater inzwischen angesteckt. Der 55-Jährige lebt und arbeitet in Hamburg. "Er fährt jetzt ebenfalls - und ausschließlich - den Citystromer", berichtet Hartwig. Spielen auch Umweltschutzgründe ein Rolle? "Ein bisschen schon", sagt der Neumünsteraner. "Nach Möglichkeit tanke ich keinen Atomstrom. Bei mir zu Hause bekommt er den von Greenpeace-Energy."
Plötzlich fällt ein ganz normaler Tankdeckel auf. Ein Tankdeckel? "Klar, da kommt Diesel rein", erklärt Tobias Hartwig und lacht. "Der Tank fasst aber nur um die fünf Liter." Der Sprit sei für die Heizung. Allerdings sei die Kraftstoffpumpe derzeit leider verstopft. "Es war etwas kühl im Wagen", entschuldigt sich Tobias Hartwig am Ende einer 35 Kilometer langen und reibungslosen Probefahrt.
(blu, shz)

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