Nordstrander Bucht : Eine ökologische Schatzkammer

30.000 Alpenstrandläufer auf einen Schlag. Foto: Ruff
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30.000 Alpenstrandläufer auf einen Schlag. Foto: Ruff

Schleswig-Holsteins größtes Naturschutzgebiet feiert Jubiläum: Vor 25 Jahren wurde die Nordstrander Bucht eingedeicht.

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28. August 2012, 08:55 Uhr

Nordstrand | Ende der 90er Jahre gab es im Gebiet gerade noch 130 Kiebitz-Paare. Im letzten Jahr waren es schon 620, der stattlichste Brutbestand in Schleswig-Holstein. Der noch viel seltenere Seeregenpfeifer war zwischen Nordstrand und nordfriesischem Festland Ende der 90er mit nur 30 Brutpaaren vertreten - im letzten Jahr hingegen mit 136. Das entspricht der Hälfte des Brutbestandes deutschlandweit. Zwei Schlaglichter, die illustrieren, wie die Tierwelt inzwischen von den naturbelassenen Lebensräumen im Beltringharder Koog profitiert. 25 Jahre ist es her, dass die Nordstrander Bucht unter diesem Namen eingedeicht worden ist.
Unter heftigem Protest der Naturschützer. Denn zunächst ging von dem einstigen Leben viel verloren, als das Watt von den Gezeiten abgeschnitten wurde. Heute bildet das 3350 Hektar-Areal das größte Naturschutzgebiet auf dem schleswig-holsteinischen Festland. Zugleich ist der Beltringharder der größte Koog an der Westküste überhaupt. Seine Geburt hat er dem Küstenschutz zu verdanken. Noch im Lichte des Generalplans Küstenschutz, der nach der Jahrhundertsturmflut 1962 aufgestellt worden war, sollte die Eindeichung der Nordstrander Bucht die Küstenlinie drastisch verkürzen. 1982 begannen die Arbeiten. Im Spätsommer 1987 wurde der neue Deich geschlossen.
Schon als studentische Hilfskraft dabei
Walther Petersen-Andresen war als studentische Hilfskraft schon 1978/79 an den ersten Untersuchungen darüber beteiligt, was durch das Abklemmen dieser Wattfläche alles an bisher vorhandener Natur verloren gehen würde. Seit 1988 sorgt er als Gebietsbetreuer im Auftrag des Landesamts für Landwirtschaft, Umwelt und Ländliche Räume dafür, dass sich Tiere und Pflanzen die Fläche unter den neuen Bedingungen zurückerobern.
Zu den größten Schätzen gehört das Feuchtgrünland im Nordosten, das mit Hilfe von Sielen nasser gehalten werden kann als normale, der Landwirtschaft gehörende Grünlandflächen. "Das ist das Erfolgsgeheimnis des Kiebitz-Booms gerade hier", erklärt Petersen-Andresen. Oder die Salzwasserlagune mit offenen Sandflächen an ihrem Rand. Die stecken hinter dem Aufschwung des Seeregenpfeifers. Er brütet nur auf strandartigen Flächen - "aber das ist er durch den Menschen nicht mehr ungestört", so der Biologe. Nicht nur diese Rarität, sondern sämtliche gängigen Tierarten des Watts bevölkern die Lagune inzwischen. Unter anderem Muscheln, Schnecken, Krebse, sogar Schweinswale und Seehunde wandern durch die Siele hinein und hinaus. "Weil die Lagune eine Dauerwasserfläche ist, liegt die Fischdichte dort sogar höher als im Watt", hebt Petersen-Andresen hervor. Wenn draußen Hochwasser ist, kommen gigantische Schwärme von Alpenstrandläufern und Knutts über den Deich herüber, durchaus um die 30.000 Vögel auf einen Schlag.
Strandflieder bis zum Horizont
Um ein drittes Highlight vorzuführen, kutschiert der Gastgeber seinen Besuch im Auto quer übers Grünland. Mit kräftigem Hupen geht es durch hier weidende Rinderherden, unter anderem von der Bio-Käserei Hof Backensholz. Plötzlich öffnet sich der Blick auf Strandflieder so weit das Auge reicht. Auf zehn Hektar erstreckt sich die heute so selten gewordene Vorland-Vegetation bis zum Horizont. "Für ähnliche Ausmaße muss man auf die Hallig fahren, nach Gröde oder Nordstrandischmoor", erläutert Petersen-Andresen. Denn eine Salzwiese, die regelmäßig überflutet wird, ist für die Pracht Voraussetzung.
Im Beltringharder Koog wurde sie geschaffen, indem der eigentlich trockengefallene einstige Wattboden per Siel im Winter mehrfach 40 Zentimeter unter Wasser gesetzt wird. Der Gebietsbetreuer spricht vom "Imitieren einer Sturmflut". Ansonsten gedeihen hier vor allem Queller und Salzsode - die "Pionier-Pflanzen", die sich als erstes auf zeitweise überfluteten Flächen ansiedeln. Abrupt bleibt Petersen-Andresen auf dem Rückweg zum Auto stehen, bückt sich zu einem Gewächs, das andersartig aussieht: "So etwas habe ich zuletzt vor vielleicht 15 Jahren gesehen", schwärmt der Experte - und kann die Rarität sofort bestimmen: "eine flügelsamige Keilmelde." Für den Fachmann wie ein Sechser im Lotto.
Apropos Überraschung: Groß war das Staunen bei Petersen-Andresen, als in diesem Jahr drei Stücke Rotwild gesichtet worden sind. "Darunter war ein Kalb, dann kann man davon ausgehen, dass die hier bleiben." Eingewandert sind die Tiere offenbar aus Richtung des Nordstrander Damms, in das südliche Drittel des Koogs, in dem eine Wildnis vollkommen sich selbst überlassen bleibt. "Nirgendwo sonst gibt es das so in Schleswig-Holstein." Bis auf zehn bis 15 Meter Höhe haben es Weiden hier schon geschafft. Ein Koog mit Wald - noch etwas, was es nur in dieser immer weiter sich füllenden ökologischen Schatzkammer gibt.

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