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Zelten am Winderatter See : Eine Nacht „Wildes SH“: Bisons, Frösche und ein schrumpfender See

vom
Aus der Onlineredaktion

Der Schrei des „Wilden Schleswig-Holsteins“ klingt ihm seit Monaten in den Ohren. Nun hat Götz Bonsen sich auf den Weg gemacht: freies Zelten am Winderatter See. Eine Bild-Reportage.

Husby, Winderatt | Mittwoch 15.30 Uhr, Husbyer Bahnhof, unter blauem Himmel. Der Wiederanflug des Sommers verspricht Milde und bietet perfektes Wetter für ein Erlebnis mit der Natur. Über elf Kilo wiegt der Rucksack. Zelt, Schlafsack, Isomatte, Fotokrempel, Verpflegung und drei Liter Wasser – das alles muss mit, denn diese Tour wird über Nacht gehen. Der Rest des Alltags verweilt für die nächsten 20 Stunden zu Hause. Mein Motto: „Ich bin dann mal weg ... bis morgen!“.

„Wildes Schleswig-Holstein“ heißt die Initiative, die nach dem Vorbild des skandinavischen Jedermannsrechts an ausgewiesenen Plätzen das Zelten in der Natur Schleswig-Holsteins möglich macht. Am Winderatter See (Kreis Schleswig-Flensburg) soll diese neue Freiheit, von der ich als Kind nicht mal zu träumen wagte, nun endlich mal ausprobiert werden. Und es wird so langweilig wie erhofft.

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Foto: Götz Bonsen
 

An der Kirche vorbei geht es schnellen Fußes entlang des grünen Kirchenwegs. Das bald aufkeimende Schnattern Tausender Gänse zeigt an, dass das Etappenziel Markerup nicht weit sein kann. Nach zehn Minuten Fußmarsch wechselt der Untergrund. Eine schmale Asphaltstraße führt ins Dorf. In der Ferne ziehen Gänsekolonien weiße Streifen durchs Land. In Markerup wird die Hauptstraße überquert. Der Weg zum Stiftungsland Winderatter See wird schmaler und bald ebnet saftiges Gras den Weg. Gut für die Füße, die von leichten, wasserdichten Stiefeln gegen die Nässe geschützt sind. Ein frischer Fußabdruck in einem Maulwurfshügel verrät, dass hier im Stiftungsland wohl noch jemand unterwegs ist.

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Foto: Götz Bonsen
 

Keine Dreiviertelstunde ist vergangen, da wird schon der gut geschützte, ausgewiesene Schlafplatz zwischen alten Apfelsorten und freigemähten Brennesseln erreicht. Hier bleibe ich heute Nacht. Das unscheinbare Hinweisschild zeigt an: Es darf mit ein bis zwei Zelten übernachtet werden, aber nur eine Nacht lang.

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Foto: Götz Bonsen

Eine erste Inspektion: Das Gras an den Zeltflächen ist schütter. Das lässt auf einige frühere Übernachtungsgäste schließen. Wider der häufig vernommenen Befürchtung waren die Wanderer aber artig und haben keinen Müll hinterlassen.

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Foto: Götz Bonsen
 

Dreieinhalb Stunden vor Sonnenuntergang ist es für den Zeltaufbau noch viel zu früh. Der „schrumpfende See“, den eine Infotafel beschreibt, will heute noch per Rundweg erkundet werden. Zunächst gehe ich noch auf von quirligen Fröschen besiedeltem Gras entlang der Riedwiese, bald wird ein Bretterstieg sichtbar, der in nagelneuem Glanz erstrahlt. Ein internationales Team von jungen Freiwilligen war mehrere Wochen hier und hat den Holzweg durchs Moor neu aufgesetzt – deutlich höher als zuvor.

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Foto: Götz Bonsen

Ein bisschen Baustelle ist noch vorhanden: Ein Warnschild, Sägespäne, Holzduft und Restbohlen zeugen von der noch nicht ganz komplettierten Arbeit. Der ehedem rutschige Holzweg über das Moor entlang dem Weiden-Bruchwald, der unter den neuen Brettern noch sichtbar ist, läuft nach der Aufstockung nun keine Gefahr mehr, überflutet zu werden. Eine hübsche Sitzecke lädt unter den per Hinweisschild annoncierten Klängen des Sprossers sogar zum Moor-Picknick ein.

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Foto: Götz Bonsen
 

Von den Robustrindern hinter dem Moor und der viehsicheren Pforte ist nichts zu sehen, Hunderte Kuhfladen und Hufabdrücke entlang des Wegs lassen aber vermuten, dass die hier ganzjährig grasenden Tiere sich irgendwo zwischen den hohen Diesteln befinden müssen.

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Foto: Götz Bonsen

Ein riesiger Greifvogel am Himmel – Seeadler oder Rohrweihe, ein Fernglas hätte Klärung verschafft  – wirft einen kleinen Schatten auf das von nun etwas aufdringlicher Sonne geplagte Auge. Fischreiher segeln durch die Luft und ein Kleiber lässt es im Baumwipfel rumoren. Hinter der Obstwiese tut sich der See in ganzer Pracht auf, von Menschen keine Spur mehr.

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Foto: Götz Bonsen

Hinter einem dichten Wald wimmelt es vor Brombeeren. Eine Handvoll wird für das Abendessen reserviert. Auf einer Weide mit hohen Zäunen zur Rechten stehen dann plötzlich wildwüchsige Kreaturen mit Löwenmähne, die nicht wie ein hiesige Rinder aussehen. Was mein Lieblingstier, der Bison, hier in Angeln zu suchen hat, gilt es herauszufinden: aber erst morgen.

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Foto: Götz Bonsen

Durch hohes Pflanzenwerk gestapft wird bald das pittoreske Westende des Sees erreicht, wo ein junges Liebespaar die Zweisamkeit im Abendlicht genießt. Angler sind hier nicht. Für eine Umrundung ist es jetzt zu spät. Umkehr ist vonnöten.

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Foto: Götz Bonsen
 

Ich muss mich sputen, damit ich wie geplant um 19 Uhr am „Basiscamp“ eintreffe. Dort springt mir ein flinkes Rehkitz beinahe in die Magengrube. Der Platz ist weiterhin leer, nicht mal Robert Habeck ist hier. Die Gesellschaft beschränkt sich auf eine nervöse Libelle, die meinen Abflug fordert, dann aber aufgibt. Das winzige Ultraleicht-Zelt steht bald fest auf dem knochigen, unebenen Boden, der jeden Anflug von körperlicher Gemütlichkeit verbannt. Vor bedrohlichen Windböen muss sich ein Camper in diesem Dickicht glücklicherweise nicht fürchten.

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Foto: Götz Bonsen

Da sich auch über das manchmal aufflackernde Internet nicht herausfinden lässt, ob ein Gaskocher unter die untersagte Kategorie „offenes Feuer“ fällt, bleibt der Tee kalt. Nach dem glücklicherweise vorgegarten CousCous-Mahl gibt es die Brombeeren und einen rotbackigen Ursorten-Apfel direkt vom Baum, bekannt als „Purupurroter Cousinot“. Ich erinnere mich, dass die mich anlächelnden Schlehen am Busch auf Plattdeutsch auch „Muhltrecker“ genannt werden und lasse die Finger davon.

Es ist kurz vor acht, als ein rotes Licht das grell-kalte Leuchten der sündhaft teuren Stirnlampe unterbricht. Akku leer – fataler Anfängerfehler eines wilden Schleswig-Holsteiners. Ein Viertelstündchen Sternengucken und dann geht es ins Zelt. Wenig später spielt es keine Rolle mehr, ob Augen zu oder Augen auf, so dunkel ist es mittlerweile. Das Rauschen des Verkehrs und das Geschrei der Gänse bleiben in freundlicher Ferne und versinken mit mir im Schlaf. Eine Maus, die sich wohl im Vorzelte kurz verirrt hat, weckt mich in dieser gemütlich-warmen Herbstnacht. Nach den gefühlten Sekunden eines weiteren Nickerchen schleicht sich schon das Licht der aufgehenden Sonne durch die Zeltplane.

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Foto: Götz Bonsen

Mitten in der noch sommerlich grünen Natur stehe ich auf, die wider der Vorhersagen nun doch nicht vom morgendlichem Nebel eingehüllt ist. Mein Zelt war in dieser Nacht eigentlich überflüssig, so warm und trocken ist es geblieben. Die Sachen gepackt, geht es um halb acht wieder los. Den Sonnenaufgang am See habe ich verschlafen. Die große Mission des Tages lautet jetzt: zu den Bisons.

Hinter dem Bretterstieg erwarten mich diesmal ein paar urige, langhörnige Robustrinder, die sich direkt auf dem Pfad versammeln. Desinteressiert schauen sie in meine Richtung und rupfen sogleich wieder Gras, schauen dann wieder zu mir auf und so weiter. Weder Opas mündlich überlieferte Rinderkommandos, noch plattdeutsche Nettigkeiten, noch das urbane „Husch Husch“ lassen die Starrköpfe von ihrem Weg abbringen. Und so bleibt den Vorsichtigen und Friedsuchenden nur die 180 Grad Umkehr und der Weg über die Nordroute.

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Foto: Götz Bonsen
 

Auf dieser Strecke hat sich seit einem lebensgefährlichen Rinderangriff vor einem Jahr einiges verändert. Dexter-Robustrinder hatten damals eine Frau mit Hund angegriffen und schwer verletzt. Die Inschrift an der ersten Pforte macht klar: Die Rinderwiese ist seitdem für Spaziergänger gesperrt.

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Foto: Götz Bonsen

Nun folgt der breite Weg einer anderen Route in Nähe des Gleises der Regionalbahn. Auf einem Pfahl hat jemand zwei frische Äpfel abgelegt, die sich umhüllt vom Tau als wunderhübsche Herbstboten ans Auge anschmiegen.

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Foto: Götz Bonsen

Das Wasser des Sees an der Nordspitze zeigt sich durch Algen dunkelgrün gefärbt.

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Foto: Götz Bonsen
 

Und dann welch Enttäuschung! Kein Bison ist auf der Wiese zu sehen. Selbst als ich über einen den tunnelartig überwachsenen Feldweg die andere Seite der Weide erreiche, bekomme ich keines der amerikanischen Wildrinder in den Sucher. Wohl aber ist dort ein Infoschild, das den Namen des Eigentümers der Wild-West-Ikonen verrät. Ich mache mich auf den Weg, ihn zu finden.

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Foto: Götz Bonsen
 

An der schmalen Winderatter Dorfstraße begegne ich endlich einem Menschen. Eine nette ältere Frau hat sich mit einer kleinen Schüssel auf den Weg gemacht, Brombeeren zu pflücken. Dass es den Zeltplatz gibt, weiß sie, wo genau aber nicht. Sie erklärt mir, wo entlang ich gehen muss, um den Bisonhalter zu besuchen: „Einfach die Straße lang!“. Das Fleisch schmecke sehr gut und man könne es direkt bei Herrn Mau-Hansen kaufen. Das steigert die Lust auf ein delikates Souvenir von meiner „wilden“ SH-Tour. Wobei sich in meinem Gewissen allmählich die Frage breitmacht, ob es ich schickt, sein Lieblingstier zu essen.

Zu meiner Enttäuschung fügt sie ihrer Erzählung hinzu, dass die Winderatter Bisons nach 15 Jahren schon bald Geschichte sein werden. Sie würden demnächst nach Mecklenburg-Vorpommern überführt. Vorher müsse den unzähmbaren Kreaturen aber noch eine Blutprobe entnommen werden, das sei schwierig zu bewerkstelligen. Ein Mann mit Hund an der Leine gesellt sich dazu und erzählt, dass ich den Bison-Züchter nur um eine halbe Stunde verpasst habe: „Gerade eben war er noch auf der Koppel zu Gange“. Er sei nun aber bestimmt zu Hause.

Nach zwei Kilometern über eine schmale Straße ist der Hof erreicht. Vor dem Eingang steht ein großer, geschmückter Pkw. Hoffentlich, denke ich, platze ich jetzt nicht in eine Festrunde. Ein Mann öffnet die Tür, es ist der Gesuchte. Er bedauert, dass er keine Zeit für ein Gespräch hat. Ein Kilo Gulasch ist noch da, sagt er. Sonst verkaufe er das gesunde Gut direkt nach der jährlichen Schlachtung, hauptsächlich auf Bestellung an Bekannte. In Zeitungspapier eingewickelt, landet das gefrorene Fleisch im Rucksack.

Eine drastische Pachterhöhung habe ihn dazu bewogen, das Kapitel Bison zu beenden. Die Tiere würden in zwei Wochen nach Rügen gebracht, wo bereits eine Herde laufe, sagt er. Wie die Fluchttiere nach Mecklenburg-Vorpommern transportiert werden, kann er mir nicht mehr verraten. Er muss dringend unter die Dusche und dann los. Ich könne aber gerne nächste Woche zum Schnacken wiederkommen.

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Foto: Götz Bonsen

Entlang von Mais- und Bohnenfeldern schleppe ich mich mit Blasen an den Fersen auf alter Straße in Richtung Ausacker, vorbei am Obstmuseum Pomarium Anglicum, das am Zeltplatz bereits mit einigen „Exponaten“ alter Obstsorten aufwartete. Leider bleibt keine Zeit mehr für regionale Apfelkunde, denn der Weg erstreckt sich lang und das Kind muss um 13 Uhr von der Kita abgeholt werden. Außerdem soll das angetaute Gulaschfleisch ja bald mal in den Topf.

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erstellt am 12.Sep.2015 | 01:39 Uhr

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