Von Kiel nach Brandenburg : Eine Nacht im Gasballon

Die Kieler Woche bei Nacht - aus 1000 Metern Höhe. shz.de war bei der ersten Gasballonfahrt seit mehr als 100 Jahren in Kiel dabei. Foto: Beuke
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Die Kieler Woche bei Nacht - aus 1000 Metern Höhe. shz.de war bei der ersten Gasballonfahrt seit mehr als 100 Jahren in Kiel dabei. Foto: Beuke

Nur 80 Gasballone gleiten lautlos mit dem Wind um die Welt. Zum ersten Mal seit 100 Jahren ist in Kiel wieder ein solcher Ballon in den Himmel gestiegen. Stefan Beuke fuhr mit.

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30. Juni 2013, 04:57 Uhr

Kiel | Als der Ballon immer höher steigt, setzt die Entspannung ein. Der Puls reguliert sich. Zu meiner Zufriedenheit deutet es sich nach nur wenigen Augenblicken an, dass leichte Höhenangst die nächsten Stunden vermutlich nicht zur Qual werden lässt. Es ist kurz nach Mitternacht, als der Gasballon mit drei Mitstreitern und mir vom Nordmarksportfeld in Kiel abhebt. Ein historisches Ereignis gibt mir die Möglichkeit, mich und meine Höhenangst auf die Probe zu stellen - und das mit bestem Ausblick auf das beleuchtete Kiel. Das erste Mal steigt dort nach mehr als 100 Jahren wieder ein Gasballon in den Himmel. Es ist der Höhepunkt auf der Balloon Sail.
Doch der Ausblick auf Kieler Woche, Rathaus und Hafen 1000 Meter unter uns ist schnell Geschichte und die Dunkelheit der Nacht bei Wind aus Nord-Westen die nahe Zukunft - und das auf engstem Raum. 1,45 Meter mal 1,45 Meter, also nicht viel mehr als zwei Quadratmeter ist der Korb groß. An einer Seite im Korb sind Hocker aufgestellt. Ich werde die Sitzgelegenheit später zu schätzen wissen. Schon schnell wird klar, hier lernt man sich in kürzester Zeit gut kennen.

"Wir lieben das Ballonfahren"

Die beiden Piloten sind nach dem ersten Eindruck höchst unterschiedlich. Wilhelm Eimers aus Duisburg, mit 998 Gasballonfahrten ein Veteran in der Szene, die Plaudertasche aus dem Pott, Matthias Zenge der zurückhaltende Thüringer. "Ich bin ein Roter", sagt Eimers, "und der Matthias ein schwarzer Rabe". Doch eines verbindet die beiden Männer tief: "Wir wählen zwar unterschiedliche Parteien, aber wir lieben beide das Ballonfahren." Schon viele Male waren sie zusammen in der Luft. Bis nach Irland, über die Alpen oder der amerikanischen Wüste. Bei der nächsten Weltmeisterschaft werden sie zusammen an den Start gehen.
Das Funkgerät knackt. Eimers hat Kontakt zu der Flugüberwachungsstelle in Bremen, die für ganz Norddeutschland zuständig ist, aufgenommen. "Here Delta Oscar Whiskey Bravo Alpha, can you read us?" Aber der Kontakt nach Bremen gestaltet sich schwierig. Es klingt eher wie in meiner Jugendzeit bei einem Ballerspiel auf dem Atari. Eine neue Frequenz muss her. Dann klappt die Konversation.

Wasserlassen in Plastiktüten

Als die beiden Piloten eine Stunde nach dem Start sich in Expeditionsanzüge pellen und zu Michelinmännchen in der Light-Version werden, kommen bei mir leise Zweifel auf, ob ich die klimatischen Bedingungen in der Höhe unterschätzt habe. Auch die vierte Mitfahrerin hat sich in dicke Jacke und Decke gehüllt. "Dort oben könnte es etwas kälter werden", hatte mir Eimers ein paar Tage vor dem Start am Telefon gesagt. "Nehmen Sie noch eine Fleecejacke oder etwas Ähnliches mit." Kein Problem. Neben normaler Jeans, T-Shirt, einem etwas dickerem Pullover und trage ich unter einer Windjacke noch die empfohlene Fleecejacke. In meinem jugendlichen Leichtsinn aber auch nicht mehr. Allerdings habe ich Glück. Prinzipiell friere ich nicht so schnell und die Temperaturen liegen immerhin bei zwölf Grad. Dabei wird die Luft alle 300 Meter um zwei Grad kälter, berichten die Experten. Auch eine andere nicht unerhebliche Angelegenheit, erklären sie.
Muss Mann während der Fahrt Wasserlassen, liegen Plastiktüten bereit. Ich bin nicht böse, auf die Erfahrung verzichten zu können. Es ist nachts um 3.17 Uhr - in der vergangenen Stunde haben wir die Ostsee von Grömitz zur Insel Poel überquert - als die Faszination, von der viele Ballonfahrer sprechen, greifbar ist. Im Westen der Vollmond, im Osten auf Augenhöhe die aufgehende Sonne, zudem nur das Geräusch der Wellen 470 Meter unter uns. Ein einnehmendes Triumvirat. Auch im Korb ist Stille eingekehrt. Während Matthias Zenge die Kontrolle übernommen hat, döst Wilhelm Eimers friedlich neben mir. "Ich liebe es nachts zu fahren", hatte der 63-Jährige ein paar Stunden vorher erklärt. Er möge die Ruhe, die meisten Geräusche seien menschengemacht. Ich bekomme eine Ahnung, was er meint.

80 Gasballone weltweit

Der Gasballon gleitet lautlos mit dem Wind. Der Unterschied zu einem Heißluftballon besteht darin, dass er keinen Brenner benötigt, der für Dauerlärm sorgt. Zudem kann man mit einem Gasballon, unser ist mit 900 Kubikmeter Wasserstoff gefüllt, wesentlich weitere Strecken zurücklegen. Eimers Rekord liegt bei 92 Stunden. Auch längere Fahrten über Wasser oder durch die Nacht sind im Gegensatz zum Heißluftballon bei der richtigen Witterung unproblematisch. Ungefähr 80 Exemplare gibt es nur auf der Welt, etwa die Hälfte davon in Deutschland.
Die Weite Mecklenburg-Vorpommerns ist aus der Vogelperspektive beeindruckend. Dabei ist man als Schleswig-Holsteiner schon einiges gewohnt. Wiesen reihen sich an Wälder, unterbrochen von zahlreichen Seen und einigen Dörfern und kleinen Städten. In 300 bis 1500 Metern Höhe sind wir zumeist unterwegs. Von der Ostsee über Bützow geht es mit etwa 30 km/h Richtung Krakow am See.

Schleppseil verfängt sich bei der Landung im Baum

Die Piloten haben einen Tausch vorgenommen. Zenge hat sich in seinen Expeditionsanzug eingemummelt. Nur noch die Augen sind zu sehen, während der Kopf langsam auf die Brust fällt. Mittlerweile gleitet der Ballon tiefer übers Land. Zu tief. Eimers wirft noch eine Schüppe Sand ab, da passiert es: Eine Böe drückt den Ballon herunter, der Korb ditscht auf einem Feld auf. Schaden entsteht keiner. Ein Sandsack mehr wird über Bord geworfen, dann steigen wir wieder langsam. Allerdings merke ich meine Unerfahrenheit als Ballöner in dieser Szene. Denn ich reagiere einfach gar nicht. Leicht in die Knie zu gehen, wäre eine Lösung gewesen, um den Aufprall abzufedern. Stattdessen macht mein Bein Bekanntschaft mit dem Korb. Auch Zenge schreckt kurz aus dem Schlaf auf. Keine Minute später döst er wieder locker vor sich hin.
Der Wind treibt uns weiter Richtung Osten. Kurz vor acht Uhr entscheiden die Piloten, dass wir in Kürze landen werden. Ein Tiefdruckgebiet liegt vor uns. Gewitter sind neben Hochspannungsleitungen während einer Nachtfahrt der natürliche Feind der Ballöner. Hinter einem Waldstück in der Nähe des brandenburgischen Rheinsberg haben die Piloten eine Wiese als Landeplatz ausgemacht. Jetzt geht es Schlag auf Schlag. Nur knapp über den Baumzipfeln gleiten wir hinweg. Tannengeruch steigt in die Nase. Doch das Schleppseil, das die Fallgeschwindigkeit reduzieren soll, verfängt sich in einem Baum. Wir landen zwar sicher auf der Wiese, aber nicht geplant hinter einem Graben, wo uns das Verfolgerteam aufsammeln könnte, sondern davor.

Zum Abschluss die Taufe

Nur gut, dass zwei einheimische Landwirte die Landung gesehen haben. Neugierig kommen sie, um zu schauen, was da los ist. Eine kurze Diskussion, wie Korb und Ballon auf die andere Seite kommen sollen. "Dit will ick sehen, wie de mit beeden Beenen im Wasser stehst, wa", sagt Ralf Danneil, einer der beiden Bauern. Sie haben eine bessere Idee. Mit einem Baggerlader heben sie uns über den Bach. Der Abbau ist vor dem drohenden Gewitter schnell gemacht. Das Verfolgerteam bringt uns sicher wieder zurück nach Kiel. Beruhigend, dass einer der beiden Fahrer mit Spitznamen passenderweise TomTom heißt.
Angekommen in der Heimat wartet noch ein letzter Höhepunkt: die Taufe. "Stefan, Prinz der Kieler Förde zur flotten Fahrt nach Brandenburg" darf ich mich jetzt nennen. Ein Titel, der verpflichtet - und der wahrlich kein Platz für Höhenangst lässt. Die kommt ohnehin beim Ballonfliegen nur sehr selten vor. Gibt es keinen Kontakt zum Boden, wie beispielsweise beim Klettern oder auf die Leiter steigen, ist auch keine Höhenangst da. Die nächste Fahrt mit einem Gasballon kann also kommen. Hoffentlich nicht erst in 100 Jahren.

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