Flensburg : Eine große Kleine

Renate Delfs hat sich von der Niederdeutschen Bühne über das Fernsehen in die Herzen des Publikums gespielt. Jetzt ist die Volksschauspielerin aus Flensburg auch im Kino zu sehen. Foto: sh:z
Renate Delfs hat sich von der Niederdeutschen Bühne über das Fernsehen in die Herzen des Publikums gespielt. Jetzt ist die Volksschauspielerin aus Flensburg auch im Kino zu sehen. Foto: sh:z

Renate Delfs hat sich von der Niederdeutschen Bühne über das Fernsehen in die Herzen des Publikums gespielt. Jetzt ist die Volksschauspielerin aus Flensburg auch im Kino zu sehen.

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16. April 2012, 10:41 Uhr

Flensburg | Groß ist sie nicht. 1,64 Meter, heißt es bei ihrer Schauspielagentur "60plus". Komisch. So klein sieht diese Frau gar nicht aus. Im Gegenteil. Die Schlanke mit den kurzen, schlohweißen Haaren ist eine Erscheinung. Renate Delfs ist eine ganz Große. Das allerdings, hört sie nicht gerne. "Ich mag es nicht, wenn zu viel Aufhebens um mich gemacht wird", sagt sie und ihre wachen Augen blitzen, die Querfalten über dem Mund der 87-Jährigen ziehen sich kurz zusammen. "Nicht? Das muss doch nicht sein?", fragt sie noch einmal.
Renate Delfs ist bescheiden. Eine Dame, die sich nicht gerne in den Mittelpunkt stellt. Hineingespielt hat sie sich hingegen schon mehrfach. Mit viel Leidenschaft - dabei hat sie ihr Handwerk "nie richtig gelernt". Eigentlich habe sie immer schon Schauspielerin werden wollen, berichtet Delfs. "Aber meine Eltern wollten das nicht", sagt sie. "Da habe ich dann eben Theaterwissenschaften studieren wollen" - doch dann sei der Krieg dazwischen gekommen. Renate Delfs faltet kurz ihre Hände und legt sie in den Schoß. Aufrecht sitzt sie in ihrem Stuhl ihrem Gesprächspartner gegenüber. Nur am Anfang hat sie sich angelehnt, doch schnell rutscht sie, angeregt durch die Unterhaltung, auf dem Sitz bis vorne an die Kante. "Und nach dem Krieg ging das auch nicht - da hatten wir ja ganz andere Probleme." Also lernte sie Buchhändlerin.
"Und damit war ich plötzlich im Fernsehen"
Dann wurde die Flensburgerin "durch allerlei lustige Zufälle und Umstände", Geschäftsführerin des Verbands der Spirituosenhersteller Schleswig-Holstein. Nebenher war sie außerdem Mutter dreier Kinder. Und Schauspielerin, Laienschauspielerin an der Niederdeutschen Bühne in Flensburg. Später, als ihr Mann schon gestorben war, arbeitete Renate Delfs für die Tourimusagentur ihrer Heimatstadt. Und wurde dabei auch als Petuh-Tante berühmt. Mittlerweile allerdings macht sie dieses Thema eher wütend. Nicht, weil sie den typisch Flensburger Dialekt nicht mehr mögen würde; im Gegenteil. "Aber was darüber so geredet und geschrieben wird - als wäre das einfach nur eine witzig-blöde Art zu sprechen. Was das aber über Flensburg und seine Geschichte aussagt, darüber redet heute keiner mehr", empört sie sich - und spricht einen kurzen Augenblick selbst davon: von der wechselhaften deutsch-dänischen Historie der Kaufmannsstadt in deren Sprache eben aufgrund dieser Geschichte Elemente des Deutschen, Dänischen, Plattdeutschen und Plattdänischen eingeflossen sind.
Auf der Niederdeutschen Bühne hat Renate Delfs sich schnell eine eigene Fangemeinde aufgebaut. Als ihr Sohn Andreas, heute Dirigent in den USA, 1986 mit ihr ein Musical entwickelt und in Flensburg aufführt, wird in Maasholm "Der Landarzt" gedreht. Der Regisseur sitzt bei Delfs im Publikum, ist begeistert und engagiert sie vom Fleck weg für die Serie - "und damit war ich plötzlich im Fernsehen", erinnert sie sich, während ihre Augen immer noch staunen.
"Ich mache doch nichts Großes. Ich hab das ja auch gar nicht gelernt"
Seitdem war Renate Delfs in so mancher Fernsehproduktion zu sehen, in "Nicht von schlechten Eltern" etwa, oder im "Großstadtrevier", aber auch im "Tatort". Ihre eigentliche Bühne blieb dennoch die Niederdeutsche in Flensburg. Dann entschloss sich die alte Dame auf Empfehlung zahlreicher Freunde und Kollegen, sich bei einer Schauspielagentur zu bewerben. "60plus" nahm sie sofort unter Vertrag. "Die meinten nur, so eine Alte haben wir bisher noch gar nicht." Mit der Agentur kamen die Filme. Gleich zwei hat Renate Delfs im vergangenen Jahr gedreht: "Ein Tick anders" und die jetzt in die Kinos kommenden "Sohnemänner".
In dem Film von Ingo Haeb spielt Delfs "Oma Hilde", die von ihrem Enkel Uwe (Marc Zwinz) aus dem Altenheim entführt wird. Ihr Sohn Edgar (Peter Franke) macht sich auf die Suche nach seiner Mutter und folgt den beiden in den Schwarzwald. Der Film ist ein wunderbar skurriler Streifen über die Konflikte zwischen den Generationen. Zugleich thematisiert er auf einfühlsame Weise das Älterwerden. Plötzlich ist Delfs - auf der Leinwand - nicht mehr agil und lebendig, sondern senil und hilfsbedürftig. "Vielleicht ist das ja meine Begabung, dass ich mich gut in andere Menschen reinfühlen und das dann spielen kann", sagt sie im Hinblick auf ihre Rolle. Doch dann wird ihr das Gesagte bewusst - und ist ihr peinlich. "Nein, schreiben Sie das nicht. Ich mache doch nichts Großes. Ich hab das ja auch gar nicht gelernt." Sie ist eben eine ganz Große. Auch wenn sie klein ist.

Norddeutsche Premieren von "Sohnemänner":
Dienstag, 17. April, Kino-Center Husum; Mittwoch, 18. April, Schauburg Rendsburg, Freitag, 20. April, "51 Stufen", Flensburg (hier mit Renate Delfs).

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