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Untergetauchter SS-Arzt : Ein Streit um nächtliche Trinkgelage enttarnte Dr. Tod

vom
Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

Das Umfeld der Regierung um Großadmiral Karl Dönitz lockte viele NS-Größen nach Schleswig-Holstein.

shz.de von
erstellt am 15.Dez.2013 | 09:23 Uhr

Kiel | Es passiert nicht alle Tage, dass ein Skandal mit einer Groteske beginnt. Dazu noch auf hohem akademischen Niveau und in einer noblen Wohngegend. Man schreibt das Jahr 1958, und der international bekannte Internist Prof. Helmuth Reinwein findet in seinem Haus im Kieler Stadtteil Düsternbrook kaum noch Schlaf. Schuld ist nächtlicher Lärm, der aus dem Nachbarhaus kommt.

Dort feiert die Burschenschaft „Troglodytia“ ihre „Kneipen“. Dagegen zieht der sensible und leicht erregbare Professor vor Gericht, und es kommt zu einem kuriosen Ortstermin. Die Zivilkammer des Kieler Landgerichts erteilt 20 Referendaren den Auftrag, möglichst lautstark ein Trinkgelage ohne Alkohol im Haus der Burschenschaft zu veranstalten, und Sachverständige prüften im Schlafzimmer die angeblich schlafstörende Phonzahl. Da sie tatsächlich hoch ist, wird die Burschenschaft dazu verurteilt, zwischen 22 und 6 Uhr außerhalb des Hauses und bei geöffneten Fenstern nicht zu singen und schon gar nicht zu grölen.

Doch Professor Reinwein bleibt verärgert und teilt seinem Arbeitgeber mit, dass er seine Vorlesungen an der Universität aus Protest gegen vermeintlich ungerechte Behandlung durch die Justiz einstelle. Überhaupt liege bei der Justiz des Landes ja bekanntlich einiges im Argen.

Da der 63-jährige Reinwein ein prominenter Mediziner ist, bemühen sich höchste Beamte der Landesregierung, ja sogar der Amtschef der Staatskanzlei im Auftrag von Ministerpräsident Kai Uwe von Hassel, den verärgerten Professor zu besänftigen und vor allem zu bewegen, seine Lehrtätigkeit wieder aufzunehmen. Reinwein aber gibt sich bockig, macht in den Versöhnungsgesprächen vieldeutige Bemerkungen über einen „Anonymus“, um den sich die Justiz nicht kümmere. Und dann nennt er gegenüber dem Dekan der Medizinischen Fakultät im Oktober 1959 erstmals den Namen Dr. Sawade. Damit kann der Kollege, der erst kurz zuvor nach Kiel gekommen war, zunächst nicht viel anfangen. Doch als er sich bei anderen hochrangigen Medizinern der Universität umhört, bekommt das Phantom einen Namen, sogar einen doppelten: Heyde/Sawade, der Skandal ist nicht lange unter der Decke zu halten.

Professor Werner Heyde, Jahrgang 1902, Sohn eines angesehenen Tuchfabrikanten aus der Lausitz, war Mitglied der NSDAP und der SS, Direktor der Nervenklinik der Universität Würzburg und organisierte an führender Stelle die NS-Euthanasie. Als sogenannter Obergutachter trug er dazu bei, dass mehrere Zehntausend erwachsene Patienten ermordet wurden.

Nach Kriegsende landete Heyde in Internierungslagern, zuerst in Dänemark, später auch in Gadeland bei Neumünster, wo er gleichgesinnte Juristen und Mediziner kennenlernte, die ihm später mit Rat und Tat zur Seite standen. Die idyllische Lagerzeit endete, als das Frankfurter Landgericht im Oktober 1946 gegen Heyde einen Haftbefehl wegen Mordes ausstellte und den Angeklagten in U-Haft nahm. „Wegen der Kälte“ erlaubte man ihm, seine alte Uniform der Waffen-SS weiter zu tragen.

Leichtsinn und Gleichgültigkeit erleichterten Heyde auch die Flucht aus der Haft. Beim Transport von einer Zeugenaussage sprang er bei einem Halt in Würzburg vom Lastwagen und schlug sich nach Schleswig-Holstein durch. Auf dem Schwarzmarkt in Kiel besorgte er sich Papiere auf den Namen Dr. med. Fritz Sawade, arbeitete zunächst bei Bauern, bis er von einem Bekannten aus dem Internierungslager den Tipp erhielt, dass in der Landessportschule Flensburg/Mürwik ein Sportarzt gesucht werde. Der Job war schlecht bezahlt, aber alte Kameraden halfen. Ein Bekannter aus dem Internierungslager war Leiter des Rendsburger Kreisgesundheitsamtes geworden, suchte einen Bearbeiter von Invalidenanträgen und vergab die Arbeit an den ehemaligen Mithäftling Heyde, nun Sawade. Dessen Vergangenheit war ihm bekannt, doch strafrechtlich belangt wurde er nie.
Eher zufällig lernte Heyde in Flensburg einen Internisten kennen, dem er seine prekäre wirtschaftliche Lage vortrug. Angeblich verriet er einen Teil seiner Vergangenheit. Der Kollege bestritt das später, empfahl aber dem Präsidenten des Landessozialgerichtes, Dr. Ernst-Siegfried Buresch, den Bittsteller. Mit Erfolg, Heyde wurde als Gutachter gut beschäftigt.

Der langjährige Itzehoer Richter Klaus-Detlev Godau-Schüttke, der sich in zahlreichen Veröffentlichungen mutig und ausführlich mit der unrühmlichen Rolle der schleswig-holsteinischen Justiz bei der „Aufarbeitung“ der NS-Vergangenheit befasst hat, stellt fest: In Flensburg war in ärztlichen Kreisen „praktisch allgemein bekannt“, wer sich hinter dem Namen Sawade verbarg. Wenn der Name genannt wurde, „zwinkerte man mit den Augen und schwieg“.

Das Wissen beschränkte sich bald nicht nur auf die Mediziner, sondern erreichte auch Justizkreise. Im Dezember 1954 erfuhr der Präsident des Landesozialgerichts Buresch, wen er als Gutachter beschäftigte. Man könnte vermuten, dass damit das Schicksal des gesuchten Mörders besiegelt wäre. Doch das Gegenteil trat ein, Heyde/Sawade gutachtete fröhlich weiter, verdiente gut bei staatlichen Einrichtungen in Kiel, Flensburg und Schleswig, ja sogar außerhalb der Landesgrenzen. Die Einnahmen reichten sogar für den Erwerb eines Reihenhauses im Flensburger Walter-Flex-Weg. Dazu kaufte er ein Auto und versorgte seine in Bayern mit seinen zwei Söhnen lebende Ehefrau, die widerrechtlich zusätzlich Witwengeld bezog, weil sie ihren Mann für tot erklärt hatte. Mehrfach im Jahr reiste die Familie nach Flensburg, um den „Toten“ zu besuchen. In der bequemen Borgward Isabella fuhr man gemeinsam in den Urlaub. Nach Skandinavien, ins Salzkammergut, ins Elsaß, nach Tirol.

Heyde/Sawade fertigte nicht nur Gutachten an, zwischen 1952 und 1959 etwa 7000, er trat auch bei wissenschaftlichen Veranstaltungen als Redner auf. Eine Tagung auf Sylt wurde im November 1954 vom Sozialministerium organisiert. An dessen Spitze stand Hans-Adolf Asbach, gegen den später wegen Beteiligung an Erschießungen an der Ostfront ermittelt wurde.

Das Risiko für Heyde/Sawade trotz bestehenden Haftbefehls zur Rechenschaft gezogen zu werden, war gering. Nicht zuletzt deshalb, weil die 1950 aus BHE, CDU, FDP und DP (Deutsche Partei) gebildete Koalitionsregierung unter Führung des schwachen Ministerpräsidenten Walter Bartram (CDU) als „Koalition aus SA, SS und NSDAP“ galt. Bis auf Innenminister Paul Pagel (CDU) waren alle Kabinettsmitglieder ehemalige Nationalsozialisten. Auch als 1954 Kai-Uwe von Hassel, später immerhin Verteidigungsminister und Bundestagspräsident, an die Spitze des Landes trat, gab es im politischen Klima keine großen Veränderungen.

„Bewährtes Personal“, so schreibt Klaus-Detlev Godau-Schüttke in seinem Buch über die Heyde/Sawade-Affäre, war auch in der Justiz tätig. Man stellte sich gegenseitig sogenannte „Persilscheine“ aus, wusch sich damit die eigene Vergangenheit sauber.

Obwohl der Kreis derer, die ziemlich genau wussten, wer sich hinter dem Namen Sawade verbarg, im Lauf der Jahre immer größer geworden war, schien niemand ernsthaft daran interessiert zu sein, den Gesuchten zu verraten. Auch schriftliche Hinweise auf die wahre Identität des fleißigen Gutachters und Festredners hatten keine Folgen. Dazu zählte ein Schreiben des renommierten ehemaligen Direktors der Universitäts-Nervenklinik, Prof. Gerhard Creutzfeldt, in dem er sich über das unkollegiale Verhalten des Dr. Sawade beim Leiter des Landessozialgerichts Buresch beschwerte und gleichzeitig darauf hinwies, wer sich hinter dem Namen Sawade verbarg. Buresch zog zwar einen Staatsanwalt zu Rate, aber, wie schon gewohnt, verlief die brisante Angelegenheit einmal mehr im Sande. Sehr zügig entschied dagegen ein Senat des Sozialgerichts, dass der auf Fehmarn lebenden Witwe von Hitlers berüchtigten Handlanger Reinhard Heydrich eine Rente zustehe.

Allmählich verbreitete sich das Wissen über die wahre Identität des Dr. Sawade im Land derart, dass sich das Innenministerium zum Handeln genötigt sah. Es verlangte daher, der Gutachter Sawade möge seine Approbationsurkunde vorlegen. Da wusste Heyde, dass er verloren war. Er verließ fluchtartig das Land und stellte sich im November 1959 der Frankfurter Generalsstaatsanwaltschaft, die ihn wegen Tötung von mindestens 100.000 Menschen anklagte. Kurz vor Eröffnung des Verfahrens nahm sich Heyde in der Strafanstalt Butzbach das Leben, indem er sich am Heizkörper seiner Zelle erhängte. In einem Abschiedsbrief schrieb er, er fühle sich „weder juristisch, noch moralisch“ schuldig.
Einen Monat nachdem sich Heyde gestellt hatte, beschloss der Schleswig-Holsteinische Landtag gleich zwei Untersuchungsausschüsse, in denen die Hintergründe des Skandals geklärt werden sollten. In beiden Ausschüssen hatte der spätere Landtagspräsident Paul Rohloff den Vorsitz. Von Bedeutung war nur der erste Ausschuss, gegen dessen Einrichtung allerdings CDU und FDP stimmten, weil sie fürchteten, die Ermittlungen könnten Schaden für das Land bringen.

Der zweite Ausschuss war als eine Art Ablenkungsmanöver von der Regierungskoalition durchgesetzt worden. Sein Ziel war nicht die Aufklärung der Affäre, sondern es ging um Vorwürfe, die der SPD-Abgeordnete Jochen Steffen in einem Zeitungsartikel gegen Mitglieder der Regierungsseite erhoben hatte.

Nach anderthalbjährigen sehr gründlichen Untersuchungen legte Rohloff die Ergebnisse vor, aus denen hervorging, dass eine beträchtliche Zahl hochrangiger Beamter, Wissenschaftler und Juristen das Geheimnis des Dr. Sawade kannte, ihn aber schützte.

Strafrechtlich verfolgt wurden lediglich der Flensburger Staatsanwalt Bruno Bourwig und der Präsident des Landessozialgerichts Buresch. Bourwig wurde vorgeworfen, früh von Sawades wahrer Identität gewusst, aber von einer Enttarnung abgeraten zu haben. Nachdem sich die Justiz jahrelang mit den beiden Fällen befasst hatte, erfolgte jedoch keine Verurteilung.
Obwohl die Zahl der Schuldigen groß war, musste nur einer büßen. Es war der Chefreporter der Frankfurter Rundschau, Volkmar Hoffmann. Ihm hatte ein Informant berichtet, auch Ministerpräsident von Hassel und andere Kabinettsmitglieder hätten früh gewusst, dass sich hinter Dr. Sawade der gesuchte Prof. Heyde verbarg. Da der Journalist keine Beweise für seine Behauptung vorlegen konnte und wollte, verurteilte ihn das Landgericht Frankfurt wegen übler Nachrede zu einer Gefängnisstrafe von sechs Monaten auf Bewährung und einer Geldbuße von 2000 Mark.

 

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