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Was erzähle ich meinem Kind? : Ein Plädoyer für den Weihnachtsmann

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Kleine Kinder glauben noch an ihn, die größeren zweifeln - und irgendwann lässt sich der Nachwuchs einfach nichts mehr erzählen. Die Kieler Professorin Birgit Brouer möchte Kindern den Zauber von Weihnachten erhalten.

Kiel | Glaubt er an den Weihnachtsmann? Von ihrem eigenen siebenjährigen Sohn wusste Birgit Brouer, Professorin am Institut für Pädagogik der Christian-Albrechts-Universität zu Kiel, es nicht. Sie musste ihn erst einmal fragen. "Er hat mir dann eröffnet, dass er schon lange nicht mehr an ihn glaubt", sagt sie. Zuvor war in der Familie allerdings nie darüber gesprochen worden, was Brouer im Rückblick selbst erstaunlich findet. "Mein Sohn hat uns nicht gefragt, und wir haben ihm nicht erzählt, dass es einen Weihnachtsmann gibt, aber auch nicht das Gegenteil behauptet", erinnert sie sich. "Man könnte sagen, das war etwas feige von uns."
Bei den Brouers zu Hause sei aber immer klar gewesen, dass die Geschenke zu Weihnachten von den Eltern kamen, nicht vom Weihnachtsmann. Und das trotz allgegenwärtiger Präsenz des alten Mannes mit der tiefen Stimme und dem Rauschebart. "Mein Sohn fand die Geschichten vom Weihnachtsmann immer sehr schön und hat sie dankbar angenommen", sagt Brouer.

"Der Weihnachtsmann ist ein gütiger alter Mann"

Aber was fasziniert Kinder eigentlich am Weihnachtsmann? "Der Weihnachtsmann ist ein gütiger alter Mann. Unabhängig vom Alltag und davon, ob sie wirklich immer ganz brav gewesen sind, meint er es gut mit ihnen", erklärt Brouer. Der Weihnachtsmann stehe - nicht nur bei Kindern - für Glaube, Liebe, Hoffnung und Licht. Er beflügele zudem die Fantasie der Kinder. "Die müssen sich ja vorstellen, wo er wohnt, wie er lebt, was er sonst so macht."
Sollen Eltern also den kleinen Kindern vom Weihnachtsmann erzählen? "Ich würde sagen, man soll das machen", sagt Birgit Brouer nach kurzem Zögern mit entschlossener Stimme. "Man muss den Kindern nicht sagen, dass es keinen Weihnachtsmann gibt. Wenn der Nachwuchs aber irgendwann anfängt, ernsthaft Fragen zu stellen, sollte man nicht lügen."

Kein Vertrauensbruch

Einen Vertrauensbruch stelle der kleine Schwindel keineswegs dar. Kinder seien in ihrem Urvertrauen gegenüber den Eltern nur sehr schwer zu erschüttern. Sie könnten gut mit jenem Moment umgehen, in dem sie feststellen, dass sie in diesem Punkt quasi hinters Licht geführt wurden. "Kinder schwindeln ja auch, wenn sie etwa mal wieder trotz gegenteiliger Behauptung nicht ihre Hände gewaschen haben." Das fänden sie nicht schlimm und könnten die Schwere einer Lüge ohnehin noch nicht gewichten.
"Es gibt eine interessante Studie aus den USA: Kinder entwickeln demnach zwischen vier und sechs Jahren die Fähigkeit, zwischen Illusion und Wirklichkeit zu unterscheiden", sagt Brouer. Genau zu dieser Zeit fange in der Regel auch der nagende Zweifel am Weihnachtsmann an. Wenn Kinder in der Schule von anderen gehänselt würden, weil sie noch an den Weihnachtsmann glauben, sei das Kinderschicksal, daran würden Mädchen und Jungen wachsen. "Wenn sie dann das Geheimnis aufgedeckt haben, sollten Eltern ihnen diesen Triumpf auch gönnen."

Oberstes Ziel der Erziehung ist heute die Mündigkeit des Kindes

Ein Problem sieht Brouer allerdings im zunehmend inflationären Auftauchen des Weihnachtsmanns. "Spätestens ab Ende November sieht man überall auf den Straßen der Innenstädte Weihnachtsmänner, durch lauter verkleidete Menschen wird der Weihnachtsmann leider sehr stark entzaubert, der Mythos zerstört." Kleine Kinder könnten jedoch allgemein mit solchen Widersprüchen recht gut umgehen. "Die denken sich dann; es gibt Menschen, die sich wie ein Weihnachtsmann kostümieren - und es gibt den echten Weihnachtsmann."
Eine aktuelle Tendenz vieler Eltern, ihre Kinder immer früher erwachsen wirken zu lassen, kritisiert Brouer. "Oberstes Ziel der Erziehung ist heute die Mündigkeit des Kindes, es soll an Entscheidungen partizipieren, ernstgenommen werden. Aber viele Eltern nehmen ihren Kindern viel zu früh die Kindheit weg. Es ist jedoch wichtig, diese Zeit und diesen Zauber eine Weile zu erhalten, den Nachwuchs vor der Realität ein Stück weit zu schützen."
Sie selbst habe in ihrer Kindheit die Erwachsenenwelt noch als verschlossen und geheimnisvoll wahrgenommen. "Ich war ganz natürlich mit der Geschichte um den Weihnachtsmann groß geworden. Als ich mit vier Jahren mal gesagt habe, dass es keinen Weihnachtsmann gibt, haben sich meine Eltern darüber lustig gemacht. Aber sie haben nichts gesagt", erinnert sich Birgit Brouer. Später habe sie von größeren Kindern die ganze Wahrheit gesagt bekommen. "Da war ich dann sehr stolz und fühlte mich erwachsener."

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erstellt am 26.Dez.2012 | 03:48 Uhr

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