Ein Leben auf dem Schiff

Sonja und Alfons Schmidt ziehen am gleichen Strang: Das ist auch nötig, wenn das Zuhause ein alter Schlepper ist.   Foto: Schulz
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Sonja und Alfons Schmidt ziehen am gleichen Strang: Das ist auch nötig, wenn das Zuhause ein alter Schlepper ist. Foto: Schulz

sh:z-Entdeckertour: Das deutsche Paar Sonja und Alfons Schmidt hat sich auf einem ehemaligen Dampfschlepper häuslich eingerichtet

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07. Juli 2012, 03:59 Uhr

Faaborg/Fünen | Schiffe gibt es viele im Hafen von Faaborg, dem Tor zur Dänischen Südsee. Weiße Yachten sind hier vertäut, kleine Fischerboote, und ein paar liebevoll restaurierte Holzschiffe. Ein malerisches Gewirr aus Masten, Segeln und Takelagen, aus Stegen und roten Holzhäuschen auf dem Kai. Direkt an der Ausfahrt des Hafens hat ein schwarzes Ungetüm festgemacht. Auf den ersten Blick will es so gar nicht zum bunten Bild passen. Ein ehemaliger Dampfschlepper: Bullig, martialisch, als wolle er gleich in See stechen, um große Pötte an den Haken zu nehmen. "Falke" steht in weißen Lettern auf dem Bug, den ganz vorne ein Fender aus alten Treckerreifen ziert.

"Willkommen an Bord" begrüßt mich Alfons Schmidt, als ich über die Bordwand klettere. Aus der engen Tür des Aufbaus kommt mir seine Frau Sonja entgegen: "Hereinspaziert. Aber Vorsicht: Die Räume sind niedrig." Wie die typischen, ölverschmierten Schleppermechaniker kommen die beiden Deutschen mir nicht vor. Alfons im grünen T-Shirt, mit langem, wehendem Haar um die hohe Stirn. Sonja in orange und schwarz, mit rotem Schopf. Seit vielen Jahren ist der Schlepper das Zuhause der Schmidts - und sie scheinen sich dabei wohl zu fühlen.

Im kleinen, gemütlichen Salon an Bord, bei einer guten Tasse Kaffee, kommen Sonja und Alfons ins Erzählen. Neun Monate haben sie überlegt, ob sie vom festen Land auf ein Schiff ziehen sollen. Alfons, geboren im Sauerland, gelernter Möbeltischler und Intarsienkünstler, interessierte sich seit frühester Jugend für alles Maritime. "Wo in der Schule die Anderen Feuerwehrautos malten, da zeichnete ich Boote." Zwölf Monate lang war er in Neustadt bei der Marine. Danach stand sein Entschluss fest: "Ich will an der Ostsee leben, wenn möglich, auf einem Schiff." Sonja fand die Idee anfangs gar nicht so toll. Aber irgendwann war sie weichgekocht: Sie kündigte ihren Job als Verwaltungsangestellte und folgte Alfons zuerst auf seine historische Motoryacht, später dann auf den Schlepper "Falke". "Seitdem habe ich weniger Schuhe und flachere Absätze", meint sie lachend. Ihr Lebenstraum war der Wechsel nicht: "Aber derzeit könnte ich mir nicht vorstellen, irgendwo anders zu wohnen."

"Nun ist ja ein Dampfschlepper nicht gerade das typische Hausboot", merke ich an, "Wie kommt man darauf, sich gerade für solch ein Monstrum zu entscheiden?" Prompt trete ich damit ins Fettnäpfchen. "Unser Schiff ist kein Hausboot", kontert Alfons mit gespielter Entrüstung. Die "Falke" sei fahrbereit, voll funktionsfähig, und stillgelegt werde sie nie. Dann fügt er hinzu: "Das Schiff war bezahlbar, technisch funktionsfähig und groß genug - denn schließlich sollte an Bord Platz sein zum Wohnen und für eine Werkstatt." "Ich war entsetzt, als ich den Schlepper zum ersten Mal sah", wirft Sonja ein. "Rostig, blau gestrichen, versifft, eine Schönheit war das Schiff damals nicht. Und dann lief auf der ersten Probefahrt auch noch der Motor trocken. Ich hätte den Kahn damals nicht gekauft." Aber inzwischen ist sie wohl mit dem Oldtimer versöhnt.

Bei einem Rundgang über die "Falke", zwischen frisch gestrichenen Aufbauten, Winschen und armdicken Tauen, erzählen mir die stolzen Besitzer ein paar Details: 23,65 Meter ist das 200-Tonnen-Schiff lang, bei einem Tiefgang von 3,20 Meter. Gebaut wurde die "Willy Charles", wie der Schlepper damals hieß, im Jahr 1911. 635 PS leistet der 1969 eingebaute 8-Zylinder MWM Diesel. Bei "normaler" Fahrt von etwa 15 km/h schluckt er etwa 30 Liter pro Stunde. 24 000 Liter Diesel fasst der Haupttank. Zum Fahren müssen jeweils 300 Liter in den Tagestank umgepumpt werden.

Allein der Motorstart ist ein Abenteuer: Seewasserventile öffnen, Generator per Handkurbel starten, Bordnetz einschalten, Kompressor einschalten, Luftflaschen auffüllen auf 30 bar, Schmieröl für die Hauptmaschine vorpumpen, und schließlich den Starthebel umlegen. Hat man alles richtig gemacht und nichts vergessen, dann wirft die Pressluft den Motor an. Viel Aufwand, um mal kurz rauszufahren zum Angeln. "Aber für Ausflüge zu anderen Inseln lohnt sich die Aktion", meint Alfons, und Sonja fügt hinzu: "Es gibt wunderschöne Ankerplätze. Dort kann man die herrlichsten Sonnenuntergänge erleben."

Drei Stunden später verlasse ich die "Falke". Sonja will noch etwas Rost klopfen, Alfons hat einen Auftrag bei der Werft. Auf den Fischkuttern werden die Netze sortiert, am Hafenrand reparieren die Taucher noch immer die Kaimauer. Aus der Fischräucherei zieht der würzige Duft der Räuchermakrelen. Über allem ragt der Bug eines großen Forschungsschiffes empor, das im benachbarten Hafenbecken festgemacht hat. Etwas neidisch blicke ich zurück auf den Schlepper und empfinde den Anblick des schwarzen Riesen jetzt ganz anders. Die Segelyachten mögen eleganter sein, die alten Holzschiffe schmucker. Aber so ein 100 Jahre alter Schlepper, ein echtes Stück Technikgeschichte, das hat doch auch was.

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