Brandanschlag Mölln : Ein Kranker als Staatsfeind?

Zeigt solz sein Tattoo: Lars Christiansen, einer der Brandstifter von Mölln.
Zeigt solz sein Tattoo: Lars Christiansen, einer der Brandstifter von Mölln.

Heute vor 15 Jahren starben in Mölln drei Türkinnen nach einem rechtsextremen Brandanschlag. Zwei Täter wurden gefasst und verurteilt - einer davon war Lars Christiansen. Er ist bis heute - offenbar krankhaft - von seiner Unschuld überzeugt.

shz.de von
23. November 2007, 06:15 Uhr

Am 23. November 1992 setzten in Mölln rechtsradikale Täter zwei von türkischen Familien bewohnte Häuser in Brand. Drei Menschen starben in den Flammen, die 51-jährige Bahide Arslan, ihre zehnjährige Enkelin Yeliz und die 14-jährige Ayse Yilmaz. Neun Menschen erlitten zum Teil schwere Verletzungen. Als Tatverdächtige wurden der 20-jährige Lars Christiansen und der 26-jährige Michael Peters festgenommen und vor Gericht gestellt. Den Opfern dieser Verbrechen wird Jahr für Jahr gedacht, ohne dass die Taten wirklich begreifbar werden.
Wendet man sich 15 Jahre nach den verbrecherischen Brandanschlägen den verurteilten Tätern zu, besteht die Gefahr, dass das Leid, das den Opfern und ihren Angehörigen zugefügt worden ist, verblasst. Das darf nie geschehen. Die Brandanschläge in Mölln dürfen nicht vergessen werden. Sie trafen unschuldige ausländische Bürger, die friedlich unter uns lebten. Trotzdem kann auch der Blick auf die Täter dazu beitragen, dass unfassbare Geschehen ein wenig begreifbarer zu machen.
Lars Christiansen bestreitet die Taten bis heute
46 Verhandlungstage lang rang das Gericht in Schleswig um eine Entscheidung, bis es am 8. Dezember 1993 das Urteil sprach. Nie konnte der Gedanke aufkommen, das Gericht habe es sich leicht gemacht. Dennoch darf aber heute, nach 15 Jahren, die Frage gestellt werden, ob die Ahndung der Verbrechen in Mölln 1992 nicht geradezu nach bewusst handelnden, politisch motivierten und hartnäckig leugnenden Tätern verlangte und ernsthafte Zweifel daran nicht aufkommen ließen.

Lars Christiansen bestreitet bis heute die Taten, für die er zur Höchststrafe von zehn Jahren nach Jugendrecht verurteilt wurde. Der zweite - erwachsene - Angeklagte, Michael Peters, erhielt eine lebenslängliche Freiheitsstrafe. Nach mehr als acht Jahren im Strafvollzug wurde Christiansen mit Bewährungsauflagen vorzeitig entlassen. Er sieht sich auch heute noch als Opfer eines "Justizmordes". Sein "Letztes Wort" vor dem Oberlandesgericht in Schleswig, bevor sich die Richter zur Beratung zurückzogen, war eine bittere Anklage, in der er Vernehmungsbeamte und Bundesanwaltschaft der Erpressung von Geständnissen, manipulierter Falschaussagen und willkürlicher Tatkonstruktionen bezichtigte; die Gerichtsverhandlung als Alibiveranstaltung, die Presse als Rufmörder, die Gutachter als unfähig.
"Die Wahrheit können Sie nicht verfälschen"
Aber sie alle könnten ihm eins nicht nehmen, "mein gutes, reines Gewissen, dass ich es nicht war". Und an den Vertreter der Bundesanwaltschaft gerichtet: "Die Wahrheit können Sie nicht verfälschen, (). Sie werden sich eines Tages verantworten müssen, wenn nicht auf Erden, dann im Himmel". Es war eine Erklärung, die in ihrer Dramatik Betroffenheit auslöste. Die danach auf den Pressebänken am häufigsten gestellte Frage war die nach der Glaubwürdigkeit Lars Christiansens. Es konnte von mir nur eine Antwort geben: Ja, ich habe keine Zweifel daran, dass er von seiner Unschuld überzeugt ist.
Christiansens ständige Aufforderung, doch "die wahren Täter" zu ermitteln - wie einfach ließ sich dies als Schauspiel, als "Verdrängung" abtun - war der Schrei eines verzweifelten Menschen, der in sich etwas ahnte, ohne darüber zu wissen. Die Krankheit, die in ihren Anfängen schon den Neunjährigen belastete, beim 20-Jährigen ein Schuldeingeständnis nicht zuließ, hat sich manifestiert und lässt keine Heilung erwarten. Es ist das Erbe der leiblichen Mutter, das er mit sich herumschleppt.
Es scheint, als seien zwei Seelen in seiner Brust
Lars Christiansen verliert seine Mutter, als er neun Jahre alt ist. Sie leidet an Schizophrenie und nimmt sich in der geschlossenen Abteilung eines psychiatrischen Krankenhauses das Leben. Der Tod der Mutter lässt sich vor dem Kind nicht geheim halten, wohl aber die Umstände ihres Todes. Aber Lars glaubt nicht daran, dass die Mutter tot ist, sieht sie im Auto an sich vorbeifahren und ihm zuwinken. In seinen Träumen ist sie bei ihm und weint. Als sein Vater zwei Jahre später wieder heiratet - eine warmherzige, dem Jungen zugewandte Frau - verblasst die Erinnerung, aber mehr und mehr wird er zum Einzelgänger, höflich, gehorsam und in sich gekehrt.
Zum Ende der Realschulzeit und in der Einzelhandelskaufmannslehre nimmt er Verbindung zur rechtsradikalen Szene auf, dort wird er akzeptiert, obwohl er als Sonderling gilt. Sympathie und Ablehnung rechtsradikaler Gedanken und Handlungen sind bei ihm im Wechsel vorhanden, einerseits als fixe Idee, die ihn auch zu Aktionen veranlasst, andererseits als Ängste und moralische Bedenken, die ihn davor zurückschrecken lassen. Die Rechten bezeichnen ihn als "Weichei". Es scheint, als seien zwei Seelen in seiner Brust. Es sind die klassischen Symptome der Schizophrenie, die spätestens nach seiner Festnahme hervortreten. Er ist überzeugt, dass "man" ihn in den Selbstmord treiben will, hat Wahnvorstellungen - rotierendes Blaulicht in der Zelle, sieht fliegende Blätter, hört Stimmen, die ihn bedrängen, glaubt an Mordabsichten von Aufsichtspersonal und Mitgefangenen.
Lebenslänglich bleibt das Leid der Hinterbliebenen
Er versucht, sich zu töten und fügt sich erhebliche Schnittverletzungen an den Handgelenken zu. Seine Angst verfolgt ihn auf Schritt und Tritt, zeitweise traut er sich nur in Begleitung von Vollzugsbeamten aus seiner Zelle, sein Gang ist unsicher, seine Miene verschlossen, er will mit keinem Gefangenen Kontakt haben. Oft verabschiedet er mich mit den Worten, dass ich ihn vielleicht zum letzten Mal lebend gesehen habe. So geht es jahrelang.
In Lars Christiansen hatte sich eine Krankheit, ein unglückseliges Erbe, mächtig und unaufhaltsam Bahn gebrochen. Es war eine Entwicklung, aus der es für ihn kein Entweichen gab. Aus seiner Täterschaft - so, wie das Gericht sie feststellte - konnte ihn das nicht befreien. Lars Christiansen lebt heute in einem anderen Teil der Republik. Es hat sich bestätigt, was sich früh abzeichnete. Er ist schwer krank, arbeitsunfähig und wird es lebenslänglich bleiben. Lebenslänglich bleibt auch das Leid der Hinterbliebenen und die Trauer um die Opfer.
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Der Autor, Günter Kahl, nahm an nahezu allen Verhandlungstagen vor dem II. Strafsenat des Oberlandesgerichts Schleswig - dem Staatsschutzsenat - als Beobachter teil. Er hatte unmittelbar nach der Eröffnung des Gerichtsverfahrens am 22. April 1993 Gespräche mit allen Verfahrensbeteiligten aufgenommen, auch mit den beiden Angeklagten. Seine Dokumentation des Verfahrens fand international Beachtung. Die Gespräche mit einem der beiden Verurteilten, dem damals 20-jährigen Lars Christiansen, hat Günter Kahl über acht Jahre fortgeführt.

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