EHEC : "Ein Keim wie ein Kampfstoff"

Die Quelle der EHEC-Infektion bleibt mysteriös. Hinweise auf einen politisch motivierten Anschlag gibt laut Bundesregierung jedoch nicht.

Avatar_shz von
04. Juni 2011, 10:38 Uhr

Kiel / Berlin | Einen kriminellen Hintergrund hingegen hält der Berliner Hygiene-Chefarzt Klaus-Dieter Zastrow für möglich. Es könne sein, "dass ein Schwachkopf unterwegs ist und denkt, ich bringe mal ein paar Leute um oder verpasse 10.000 Leuten Durchfälle". Das aus dem Blickfeld zu nehmen, halte er für "geradezu fahrlässig".
Die Zahl der EHEC-Fälle steigt nach Angaben des Robert-Koch-Instituts weiter. Binnen 48 Stunden wurden bundesweit 199 Neuerkrankungen gemeldet. Bei 50 Betroffenen habe sich die Infektion zum Hämolytisch-Urämischen Syndrom (HUS) entwickelt, das mit blutigem Durchfall und Nierenversagen einhergeht. Insgesamt haben sich bislang 1733 Menschen mit dem EHEC-Erreger an gesteckt, 18 Patienten starben. Allein im Uni-Klinikum Schleswig-Holstein (UKSH) werden derzeit 100 Patienten mit einem HUS-Syndrom behandelt. Der Blutspendedienst Nord in Lütjensee erhält jetzt Plasma aus Süddeutschland für den Blutaustausch bei HUS-Patienten. Je nach Größe und Gewicht des Erkrankten wird dafür Blutplasma von bis zu zehn Spendern benötigt.
Gen-Experiment der Natur
Wie sich jetzt bei der genetischen Entschlüsselung des Keims heraustellte, handelt es sich um die Kombination zweier gefährlicher Bakterien "Dieser Keim hat alle heimtückischen Eigenschaften, um sich im Darm zu verhaften, ihn maximal zu entzünden, und er produziert zusätzlich Toxine, die HUS und die schweren neurologischen Nebenwirkungen verursachen", sagte UKSH-Professor Stefan Schreiber. Es handelt sich um ein Gen-Experiment der Natur. "Wenn Sie aus diesen beiden Keimen eine Art Kampfstoff schmieden wollten, könnte dies dabei herauskommen - nur dass es mit Sicherheit natürlich entstanden ist."
Inzwischen wurden im Landeslabor Neumünster 197 Proben von Lebensmitteln und Tierkot untersucht - alle waren negativ. Da die Infektionsquelle immer noch nicht gefunden ist, raten die Behörden, weiterhin Tomaten, Gurken und Blattsalate nicht roh zu essen.
Nach dem Fund von EHEC-Erregern auf vier Gurken in Hamburg ermittelt die Polizei gegen zwei Großhändler und ein Restaurant wegen des Verstoßes gegen das Lebensmittelgesetz. Die Gurken-Keime sind zwar nicht für die aktuelle EHEC-Welle verantwortlich - stellten aber eine Gesundheitsgefahr dar, heißt es.
(kim, shz)

zur Startseite

Diskutieren Sie mit.

Leserkommentare anzeigen