Alan Norman : Ein Engländer fürchtet die Elbvertiefung

'So schön soll es hier bleiben.' Alan Norman ist nahezu täglich am Elbdeich von Brokdorf - unten am Deichfuß liegt der Sandstrand, wo sich im Sommer die Menschen tummeln. Foto: Ruff
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"So schön soll es hier bleiben." Alan Norman ist nahezu täglich am Elbdeich von Brokdorf - unten am Deichfuß liegt der Sandstrand, wo sich im Sommer die Menschen tummeln. Foto: Ruff

Alan Norman, der Cousin des Smokie-Sängers Chris Norman, lebt seit 31 Jahren hinterm Elbdeich. Er hat Angst vor dem Ausbaggern - aus Erfahrung.

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08. Mai 2012, 09:45 Uhr

St. Margarethen/New Brighton | Jeden Tag ist Alan Norman am Elbstrand von Brokdorf. Geht dort spazieren mit seinem kleinen Hund. Im Sommer wagt er sich auch mal ins Wasser. Oder legt sich am Elbstrand in den Sand. "Solange der noch da ist", sagt der 69-Jährige aus St. Margarethen (Kreis Steinburg). Das könnte sich bald ändern, fürchtet er. "Die da drüben", Alan Norman zeigt ans andere Ufer, "haben ja jetzt zugestimmt." Er meint Niedersachsen. Das Bundesland hat nach langem Widerstand doch bei der Elbvertiefung eingewilligt. Wenn es mit dem Ausbaggern der Fahrrinne losgeht, "dann wird der Strand vom Fluss davongetragen", glaubt Norman.
Der Brite hat als Kind und Jugendlicher damit seine Erfahrungen gemacht. Nicht an der Elbe, sondern im nordwestenglischen Badeort New Brighton. Norman wurde ganz in der Nähe geboren, in Birkenhead am River Mersey. Am anderen Flussufer liegt Liverpool. Die Nähe zur englischen Hafen- und Industriemetropole forderte seinen Tribut. "Auch bei uns wurde der Fluss immer tiefer ausgebaggert, damit noch größere Schiffe Liverpool anlaufen können. Der Effekt: "Erst verschwand der Sand, dann die Menschen." Nur nackter Felsen wäre noch geblieben. New Brighton, einst einer der beliebtesten Badeorte an der englischen Westküste, sei dann verödet.
"Die Befürchtungen des Mannes sind nicht unberechtigt"
Gleiches befürchtet Alan Norman jetzt auch für "sein" Elbufer entlang von Brokdorf. "Ich lebe inzwischen 31 Jahre hier", berichtet der einstige Werftarbeiter und Rohrschlosser. Hier habe er seine Frau Heike getroffen, "dank ihr bin ich hier der einzige Gefangene in Deutschland in Friedenszeiten", beschreibt er mit typisch englischem Humor seinen Willen, unbedingt auch in der Wilstermarsch wohnen zu bleiben. Aber er wolle nicht erneut erleben, wie erst der Sand und später die Menschen sich verflüchtigen. Seiner Wahlheimat solle das Schicksal von New Brighton erspart bleiben, fordert der 69-Jährige.
"Die Befürchtungen des Mannes sind nicht unberechtigt", sagt Georg Ramm (66), Vorsitzender der Kreisgruppe Cuxhaven des Bundes für Umwelt und Naturschutz (Bund). Bei der jetzt geplanten Elbvertiefung werde das feste, weitgehend stabile Flussbett angekratzt. Ganz im Gegensatz zur Ausbaggerung von 1999: Damals seien Bereiche der Elbe betroffen gewesen, in denen Sedimente ohnehin in Bewegung sind. "Es wird zu einer noch stärkeren Strömung kommen mit der Gefahr von Erosionen an den Prallhängen", sagt Ramm voraus.
Sandschwund möglich
Die Strände von Brokdorf liegen an einem solchen "Prallhang". Sandschwund wäre möglich. Eine ähnliche Situation bestehe am niedersächsischen Elbufer am Glameyer Stack zwischen Otterndorf und Cuxhaven. "In diesem Bereich musste mit aufwendigen Steinschüttungen und Steinbuhnen die Strömung eingedämmt werden", berichtet Ramm, der nicht nur Meeres- und Wattenbiologe, sondern auch Landwirt ist. "Sonst wäre der Deich uns einfach weggerutscht." Und noch etwas könne das Ufer belasten: "Der Schwall der dann noch größeren Schiffe auf der Elbe hat ebenfalls mechanische Wirkung", warnt Ramm.
Bislang hätten die Schiffswellen am Hauptstrand von Brokdorf eher Spaß gemacht - nämlich den Badegästen, sagt Olaf Prüß (42) von der Geschäftsstelle des Vereins Holstein Tourismus in Glückstadt und Itzehoe. "An dieser Stelle geht der Strand ganz flach in die Elbe rein." In Spitzenzeiten im Sommer tummelten sich bis zu 2000 Menschen am Strand von Brokdorf und im Freibad hinterm Deich. Allerdings werde gerade hier der Elbdeich von Naherholungssuchenden aus der Region auch für Spaziergänge genutzt - und zwar ganzjährig. Da werde die Vertiefung kaum eine Rolle spielen, glaubt Prüß. Sie sei aus touristischer Sicht bislang auch kein Thema.
Positiver Effekt für die Gastronomie
Selbst für die Gastronomie dürfte die Vertiefung eher einen positiven Effekt haben - wenn nämlich die noch dickeren Pötte kommen und die Leute deshalb über den Deich gucken. Werner Schultze (67), Bürgermeister in Brokdorf, sieht der Tieferlegung des Flussbetts ebenfalls "eher unbesorgt" entgegen. "In den Gutachten war nichts Dramatisches für unsere Region dargestellt." Schultze betont aber auch: "Ich erwarte von den Experten zugleich, dass sie wirklich sämtliche Fakten abklären." Grundsätzlich glaubt der Bürgermeister eher an Vorteile. "Ich möchte nicht, dass Hamburg wirtschaftlich abgehängt wird. Denn auch wir gehören noch zum Speckgürtel", betont Schultze. Seine Devise: "Stadt und Land - Hand in Hand".
So steht Alan Norman - zumindest am schleswig-holsteinischen Ufer - allein mit seinen Sorgen da. Selbst seinen Cousin Chris Norman (61), den Sänger der britischen Pop-Band Smokie, konnte er noch nicht für das Thema begeistern, geschweige denn ans Elbufer locken. "Ich habe ihn zuletzt in einer Hamburger Diskothek getroffen. Er ist viel unterwegs - und hat immer keine Zeit."
An den Orten seiner Kindheit hingegen habe sich in jüngster Zeit viel getan. Den einstigen Hafen von Liverpool gebe es nicht mehr, es sei ein neuer entstanden vor der Mündung des River Mersey, berichtet der 69-Jährige. Und weiter? "Der Sand in New Brighton ist wieder da", freut sich Alan Norman. "Und die Menschen - sie kommen wieder." Es drängt sich der Vergleich mit dem JadeWeserPort in Wilhelmshafen auf. Schon bald sollen dort auch die größten Containerschiffe der Welt tide unabhängig an legen können.

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