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Bomben und Munition : „Ein Ende von Kampfmittelfunden ist nicht absehbar“

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Das Drama im nordrhein-westfälischen Euskirchen zeigt: Fast 70 Jahre nach Kriegsende liegen noch immer tonnenweise Bomben und Munition in deutschen Böden und Gewässern. Im Norden hatten es die Kampfmittelräumdienste 2013 mit etlichen Großfunden zu tun.

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erstellt am 04.Jan.2014 | 09:12 Uhr

Kiel/Hamburg | Die Bombenräumer im Norden haben im vergangenen Jahr sehr viele große Sprengkörper aus Kriegszeiten unschädlich gemacht. Wie aus Zahlen des Kampfmittelräumdienstes Schleswig-Holstein hervorgeht, kümmerten sich die Experten 2013 um insgesamt 106 Bomben mit einem Gewicht von mehr als 250 englischen Pfund sowie maritime Großsprengkörper. 2012 hatte die Zahl demnach bei 38 gelegen, 2011 waren es 25 Funde dieser Größenordnung. Die Stückzahl unterliege von Jahr zu Jahr erheblichen Schwankungen, erklärte der Kampfmittelräumdienst. Die jeweils untersuchten Flächen seien unterschiedlich stark mit Kampfmitteln belastet, zudem variiere der Zeitaufwand für ihre Beseitigung.

Insgesamt wurden 2013 laut Bilanz 23.095 Stück Munition entdeckt, darunter kleine Gewehrpatronen und große Fliegerbomben. 2012 waren es 28.631, im Jahr 2010 allerdings 194.202. Damals hatten Taucher bei Arbeiten in Binnengewässern ganze Kisten mit Gewehrmunition gefunden.

Erst am Freitag hatte sich gezeigt, welche Gefahren noch immer von den Überbleibseln ausgehen. Im nordrhein-westfälischen Euskirchen starb ein Baggerfahrer, als er mit seinem Bagger auf einen Blindgänger stieß. Auch die Entschärfer leben gefährlich, selbst wenn laut Kampfmittelräumdienst 2013 keine Unfälle passiert seien.

Als größte Aufgabe in Schleswig-Holstein stellte sich im vergangenen Jahr die Räumung von 31 englischen Grundminen im Wasser der Kieler Förde heraus. Jahrzehntelang waren Frachtschiffe und Passagierfähren über die unentdeckten Sprengkörper hinaus auf die Ostsee gefahren. Um sie zu entschärfen, nutzten die Experten nach eigenen Angaben erstmals sogenannte Schneidladungen. Dabei wird der Zünder von der Sprengladung der Mine abgesprengt. 29 Mal habe die neue Technik funktioniert. Zweimal blieb den Bombenräumern nichts anderes übrig, als die komplette Mine kontrolliert hochgehen zu lassen.

Nicht nur auf dem Wasser, sondern auch an Land hielten die Altlasten aus Kriegstagen die Schleswig-Holsteiner in Atem. Im Juli mussten rund 3500 Menschen ihre Wohnungen in der Kieler Innenstadt verlassen, damit eine amerikanische 500-Kilo-Fliegerbombe entschärft werden konnte.

„Ein Ende von Kampfmittelfunden ist nicht absehbar und für das 21. Jahrhundert nicht zu erwarten“, sagte Mark Wernicke vom Kampfmittelräumdienst Schleswig-Holstein. Insgesamt seien rund 45.000 Tonnen Munition über dem Bundesland abgeworfen worden, davon rund 30.000 Tonnen auf die Landeshauptstadt Kiel.

In der Regel müssen die Bomben-Experten trotz technischer Weiterentwicklungen noch mit den eigenen Händen an die Blindgänger heran. Um die Kampfmittel am Land zu finden, durchforsten sie unter anderem alte Kriegsluftbilder der Alliierten.

Eine Bilanz des Kampfmittelräumdienstes in Hamburg liegt nach Angaben der Feuerwehr für 2013 noch nicht vor. Allerdings habe es auch in der Hansestadt einige größere Einsätze gegeben. Im Stadtteil Wilhelmsburg musste im September eine rund 1000 Pfund schwere Bombe unschädlich gemacht werden. Sie war bei Bauarbeiten auf dem Gelände einer Kindertagesstätte in etwa vier Meter Tiefe entdeckt worden.

Rund 4800 Menschen verließen ihre Wohnungen, bis die Bombenräumer Entwarnung geben konnten. Im Oktober legte eine Weltkriegsbombe den Bahn- und Autoverkehr in der Hansestadt lahm. Zu ihrer Entschärfung hatten die Behörden die Elbbrücken gesperrt - Hamburgs wichtigste Verkehrsader in Richtung Süden.

Als besonders schwierig ist den Hamburger Bombenräumern allerdings ein Fund aus dem Jahr 2012 in Erinnerung geblieben. Damals waren gleich zwei Blindgänger auf dem Heiligengeistfeld im Stadtteil St. Pauli entdeckt worden. Die Entschärfung stellte sich zunächst als kompliziert heraus, da beide Bomben aufeinanderlagen. Da in der Stadt mehr gebaut werde, seien auch immer wieder Munitionsfunde zu verzeichnen, erklärte ein Sprecher der Feuerwehr.

Was versteht man unter einem Blindgänger?

Blindgänger sind Bomben, die bei ihrer Benutzung (Abschuss oder Abwurf) nicht oder nicht vollständig explodiert sind. Grund dafür kann neben falscher Bedienung auch technisches Versagen sein.

Woher stammen die alten Fliegerbomben in der Landeshauptstadt?

Allierte Flugzeuge warfen vor 70 Jahren tausende Bomben auf Kiel. Das hat Folgen bis heute: Immer wieder finden sich im Boden Blindgänger, die eine Gefahr darstellen. Als Marine- und Werftenstandort war Kiel im Zweiten Weltkrieg wiederholt schwer bombardiert worden. Die ersten Luftangriffe fanden nach Angaben des Stadtarchivs am 2. Juli 1940 statt, die letzten in der Nacht zum 3. Mai 1945. Insgesamt fielen bei 90 Luftangriffen 44.000 Sprengbomben, 900 Minenbomben und rund 500.000 Brandbomben. Fast 3000 Zivilisten starben, 167.000 Einwohner wurden obdachlos.

Wie werden die Bomben entdeckt?

Häufig werden Blindgänger unabhängig von der gezielten Suche bei Baumaßnahmen gefunden. Im aktuellen Fall der Meimersdorfer Bombe geschah dies durch die Auswertung von Luftbildern.

Wie lange dauert eine Bombenentschärfung?

Das ist von Fall zu Fall unterschiedlich.

Wie sollte ich mich als Bürger verhalten, wenn ich Munition entdecke?

Als Faustregel gilt: Munition nicht berühren und sofort den Kampfmittelräumdienst verständigen. Dies kann rund um die Uhr über die örtliche Polizei (110) oder das Lagezentrum des Kieler Innenministeriums (0431/1600) erfolgen. Der unsachgemäße Umgang mit Munition oder Teilen davon kann tödlich sein.

 
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