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Christian Franke : Ein Dithmarscher will Görings Goldschatz bergen

vom
Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

An der Grenze zu Tschechien, südöstlich von Chemnitz, vermutet Christian Franke aus Meldorf einen Schatz aus der Nazizeit. Eine Kladde seines Vaters führte ihn auf diese Fährte.

shz.de von
erstellt am 21.Sep.2013 | 12:16 Uhr

Meldorf | Es geht um das Gold von Reichsmarschall Hermann Göring. Seit Jahren durchwühlen Schatzgräber verlassene Stollen unter der Gemeinde Deutschneudorf im Erzgebirge, direkt an der tschechischen Grenze. Sie vermuten, dass die Nazis in dem alten Bergwerk Kunstschätze und Gold versteckt haben. Einer von ihnen ist der Dithmarscher Christian Franke (55). Der Mann mit dem auffälligen Kinnbart hat eine ungewöhnliche Geschichte zu erzählen. Dabei geht es nicht nur um seine Jagd nach dem Nazi-Gold. „Es ist eine Familiengeschichte“, sagt er.

Sie beginnt mit Vater Paul Hanisch und Schwiegervater Karl Franke, die im Zweiten Weltkrieg bei der Luftwaffe waren, in derselben Staffel dienten. Beide erlebten, wie der Landsitz von Hitler-Stellvertreter Hermann Göring geräumt wurde. Wie Kunstschätze in Sonderzüge und Flugzeuge verladen wurden. Denn der Oberbefehlshaber der Luftwaffe war ein berüchtigter Kunsträuber, allein seine Gemäldesammlung zählte 1800 Exponate. Auch soll er Gold gehortet haben.

Frankes Vater war Funker und Navigator von Hermann Göring, gehörte der Wettererkundungsstaffel (Wekusta) auf dem Flugplatz Fürstenwalde an. Zum Ende des Krieges wurde er von Engländern über Tornesch abgeschossen, Schwiegervater Karl erwischten die Engländer vor der Küste von St. Peter-Ording – „Die mussten über der Nordsee raus.“

Nach der Gefangenschaft ging Paul Hanisch zurück in den Harz, wo er in der Forstwirtschaft arbeitete, zog aber Jahre später mit seinen beiden Brüdern nach Olbernhau in der Nähe von Deutschneudorf, wo er 1998 im Alter von 87 Jahren starb. „Die Brüder waren hinterher recht vermögend“, sagt Franke.

Schwiegervater Karl Franke arbeitete nach dem Krieg als Elektriker, wohnte mit seiner Familie in Krumstedt (Dithmarschen). Wie der Zufall es wollte, lernte seine Tochter den Sohn seines Kriegskameraden Paul kennen. Die beiden heirateten vor kurzem, Schatzsucher Christian Hanisch nahm den Namen Franke an.

In der Familie erzählten Vater und Schwiegervater viel über Göring, den sie den „Dicken“ nannten. Auch vom letzten Auftrag: Die Evakuierung von Carinhall, Görings Landsitz in der Schorfheide.

Dort hatte der Reichsmarschall Kunstschätze ausgestellt und gelagert, die er in ganz Europa hatte rauben lassen. Vier Sonderzüge, so Franke, wurden beladen. „Ein Zug rollte nach Deutschneudorf, denn dort wurden 1944 im Berg unterirdische Produktionsstätten angelegt.“

Und es starteten mehrere Junkers JU 52 vom Sonderlandeplatz Templin/Groß Dölln, nur sieben Kilometer von Görings Landsitz entfernt. Franke will von seinem Vater erfahren haben, dass er dabei war, als 23 Kisten mit einem Gesamtgewicht von fast zwei Tonnen in einem Flugzeug verladen wurden. Die JU 52, so Franke, landete mit der geheimen Fracht auf einem zugefrorenen Acker bei Oberseiffenbach. Görings Kisten wurden in Lkw verladen und über einen zwei Kilometer langen Weg nach Deutschneudorf transportiert. „Da hat die SS alles in Empfang genommen.“

Als Franke 2002 seine erste Suchaktion nach dem Göring-Schatz begann, meldete sich eine Augenzeugin, die im Bund Deutscher Mädel war und kurz vor Kriegsende im Bahnhof mit fünf weiteren Mädchen Sanitätsdienst leistete. Die jungen Frauen, so Franke, hatten bis 18 Uhr Dienst. Als sie am nächsten Morgen zurückkehrten war der Bahnhof leer – und die Lkw der SS auch.

Franke ließ daraufhin den Bahnhof mit einem Radargerät abtasten. Schließlich machten seine Experten unter der alten Bahnhofswaage einen fünf tiefen Schacht aus, von dem ein zugeschütteter Gang Richtung Berg führt. Bei einer weiteren Suche mit teurer Technik wurde er von Bürgermeister und Unternehmer Heinz-Peter Haustein unterstützt, der im dortigen Fortuna-Stollen (heute Besucher-Bergwerk) das legendäre Bernstein-Zimmer vermutet. Franke: „Sein Vater hat ihm am Sterbebett erzählt, dass dort etwas versteckt wurde. Ich glaube aber nicht, dass es das Bernsteinzimmer ist.“

Im Februar 2008 vermeldeten die Presseagenturen: „Auf der Suche nach dem Bernsteinzimmer wollen Schatzsucher in Deutschneudorf rund zwei Tonnen Gold in einem Hohlraum im Felsgestein geortet haben.“

Der Bürgermeister erklärte damals, bei den Untersuchungen seien elektromagnetische Wellen ins Bergmassiv geschickt worden. Die Messergebnisse hätten eindeutig ein Vorkommen von Edelmetall belegt. „Es ist definitiv kein Eisen. Das ist Gold, vielleicht auch Silber. Wir erwarten entweder Gold vom Bernsteinzimmer oder von diesem Gold Hinweise zu einem weiteren Versteck.“

Begleitet wurde diese Aktion von Reportern aus der ganzen Welt. Doch weder auf Gold noch auf Silber stießen die Schatzsucher, der Berg gab nur Wasserfontänen frei. Groß die Enttäuschung, und die Presse wurde immer kritischer, zweifelte Frankes Glaubwürdigkeit an. In einem Zeitungsartikel hieß es: „Der Mann aus Schleswig-Holstein gerät zunehmend ins Abseits. So kursieren mindestens vier Legenden über seinen persönlichen Hintergrund: Er sei ein ehemaliger Fremdenlegionär. Er arbeite im Landratsamt Dithmarschen (wo man ihn nicht kennt). Er sei Rettungsdienstler. Oder Frührentner.“

Doch Franke, der tatsächlich in der Fremdenlegion diente, ließ sich nicht entmutigen, bohrte unbeirrt auf eigene Faust weiter. Denn neben den Familie-Erzählungen soll es auch Notizen geben. So fand er nach dem Tod seines Schwiegervaters im Jahre 2006 auf dem Dachboden einen Gasmaskenbehälter mit Wehrmachtskarten, Flugbücher und Aufzeichnungen von Funktrassen. Und sein Vater Paul habe ihm eine Kladde mit Koordinaten hinterlassen, aus denen das Versteck in Deutschneudorf hervorgehen soll. „Da fing es bei mir an zu rumoren.“

Die Kladde mit dem geheimnisvollen Titel „Orfe“ will Franke aber nicht öffentlich zeigen. Er erzählt lieber, dass er als ehrenamtlicher Helfer auf dem Büsumer Seenotrettungskreuzer anheuerte, um das Navigieren zu lernen. Danach sei er sich sicher gewesen: Die Koordinaten führen nach Deutschneudorf, zum Berg hinter dem Bahnhof des Ortsteils Deutschkatharinenberg.

Deshalb suchte Franke weiter, ließ tiefe Löcher ins Erzgebirge bohren, stieß auf ein Stollen-System. Auf seinem Laptop zeigt er eine Zeichnung von dem Labyrinth, angefertigt von einem Experten. Durch die Bohrlöcher will er auch eine Kamera mit einem Fischauge-Objektiv in die Schächte gelassen haben. Was er gesehen hat, verrät Franke aber nicht. „Ich muss nicht mehr suchen, ich muss den Berg nur aufmachen“, sagt der Schatzsucher vieldeutend, der bereits ein Vermögen in die Goldsuche investierte und jetzt noch etwa 90 000 Euro für die Bergung benötigt. Abgesichert hat er seine vermeintliche Schatzgrube bereits, erwarb einen schmalen Grundstücksstreifen auf dem Bahnhofsgelände, pachtete Flächen am Berg. Doch bevor er wieder mit seinem Bagger anrückt, möchte Franke alles rechtlich abklären lassen. Mit dem Bergamt, mit dem zuständigen Ministerium. Und was macht Bürgermeister Haustein? Der sucht weiter nach dem Bernsteinzimmer und hält lockeren Kontakt zu Franke, denn er ist überzeugt: „Der weiß etwas“.

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