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Bischofswahl : Ein Brandbrief aus Kellinghusen ans Erzbistum

vom
Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

Vor der Wahl eines neuen katholischen Erzbischofs fordert ein Geistlicher im Ruhestand Reformen. Der Kellinghusener wendet sich mit einer Liste von Kritikpunkten an die Öffentlichkeit.

Drei Kandidaten für die Nachfolge des katholischen Erzbischofs Werner Thissen hat das Hamburger Domkapitel Papst Franziskus unterbreitet. Nichtöffentlich. „Doch welche Erwartungen es an den neuen Amtsinhaber stellt, hat das Domkapitel nicht geäußert“, bemängelt Wolfgang Kroker, Pastor im Ruhestand aus Kellinghusen (Kreis Steinburg). „Weil sich sonst keiner traut zu sagen, was die Katholiken im Norden wirklich wollen“ geht der 77-jährige Geistliche in die Offensive. In einer Art Brandbrief an Zeitungsredaktionen in Norddeutschland listet Kroker Kritikpunkte auf, von denen er meint, „dass sie eine breite Meinungsbasis in der katholischen Kirche haben“. Auch wenn ganz große Fragen wie Zölibat oder Frauen als Priester darin ausgespart bleiben – die schonungslose Analyse eines Insiders formuliert auch so reichlich Reformbedarf.

Nicht zuletzt gilt das für das Verhältnis zur protestantischen Nordkirche. „In der Ökumene ist überwiegend Stillstand zu beobachten“, kritisiert Kroker. „Von der Ökumenekommission des Erzbistums ist wenig zu hören.“ Der Kellinghusener ruft auf zu „verantwortungsvollen Gesprächen zu strittigen Themen“ wie etwa der Frage eines gemeinsamen Abendmahls von Katholiken und Protestanten. Die „großen Gesten“ der Kirchentage beider Konfessionen würden „nicht beachtet“. Verbitterung schwingt mit, wenn Kroker davon berichtet, dass zu seiner aktiven Zeit Vorgesetzte im Erzbistum eine Absprache mit der evangelisch-lutherischen Kirche stoppten, deren Gotteshaus mitzubenutzen. Die katholische Kirche in Kellinghusen war zuvor wegen Baufälligkeit abgerissen worden.

Dass die Wege für die Gläubigen durch die Umgestaltung von Pfarreien zu großgeschnittenen „pastoralen Räumen“ derzeit wesentlich weiter werden, mag Kroker nicht hinnehmen. Beispiel Pfarrei Itzehoe: Deren 7500 Gemeindeglieder verteilen sich auf 1100 Quadratkilometer – eine Fläche vergleichbar derjenigen Berlins. „Die pastoralen Räume sind keine Seelsorgerräume, sondern Verwaltungsräume. Wer da von seinem Pfarrer etwas will, muss sich schon sehr lautstark rühren“, prangert Kroker an.

Ein Zuviel wiederum beklagt er bei der Zahl der Räte im Erzbistum: „Je mehr wir davon haben, desto weniger passiert“, ist seine Erfahrung – weil jeder Rat nur darauf gucke, was der andere treibe. Ob Priesterrat, Diözesanpastoralrat oder Kirchensteuerrat – überall bemängelt der umtriebige Pastor aus dem Kreis Steinburg eine fehlende Diskussionskultur. „Über Jahre ist es im Diözesanpastoralrat des Erzbistums nie zu einer ernsthaften inhaltlichen Diskussion gekommen“, stellt Kroker fest. „Es kann nicht angehen, dass über einige Fragen des Kirchenrechts nicht in den Gremien strittig diskutiert werden darf“, schreibt er. Das betreffe etwa die Zulassung von Frauen zum Diakonat. Um die Zurückhaltung zu ändern, bedarf es Krokers Ansicht nach in den genannten Räten stärkerer Mitsprache- und Entscheidungsmöglichkeiten für Priester und Laien.

Stellvertretend für viele von der Basis äußert Kroker den Wunsch: Der neue Erzbischof möge das Gespräch mit der „großen Anzahl von Priestern im Erzbistum Hamburg suchen, die aus ihrem Amt wegen Heirat ausgeschieden wurden“. Mit der Eheschließung hätten die Betroffenen schließlich weder die Kirche noch den Glauben verloren.

Und auch beim optischen Erscheinungsbild der Kirchenräume sieht Kroker Handlungsbedarf seitens des künftigen Erzbischofs: Die diözesanen Kommissionen für sakrale Kunst müssten dringend aufgewertet werden. Kroker, der gerade ein Buch über die kirchlichen Kunstwerke auf Schloss Gottorf veröffentlicht hat, erlebt in der Ausstattung der Gotteshäuser „viele Missgriffe“. Konzepte von Innenarchitekten würden zunichte gemacht, indem „hier noch eine geschenkte Marienfigur und da noch ein Tischchen, eine Öllampe oder ein Wandteppich hinzukommt“. Weil sich Gemeinden nicht trauten, Zuwendungen zurückzuweisen, „kommt viel zuviel Schrott in unsere Kirchen. Der Besucher weiß gar nicht mehr, wohin er sich orientieren soll“.

Beate Bäumer, Leiterin des katholischen Büros des Erzbistums Hamburg in Schleswig-Holstein mit Sitz in Kiel, sieht bei der Ökumene anders als der kritische Pfarrer Wolfgang Kroker im Norden „eigentlich eine gute Zusammenarbeit“. Grundlegend verschiedene Auffassungen wie zur Abendmahlsgemeinschaft oder zur besonderen Position der Ehe ließen sich jedoch nicht in der Region klären. Fast gleichlautend äußert für die Gegenseite Nordkirchen-Sprecher Frank Zabel: „Was die Themen Abendmahl, Priesterweihe etc. betrifft, werden die Unterschiede nicht zwischen Nordkirche und Erzbistum Hamburg geklärt werden können, sondern allein in Rom.“ Die gegenseitigen Kontakte im Norden empfindet Zabel als „stets konstruktiv“. Deutlich geworden sei dies zuletzt beim Kirchentag in Hamburg oder der Seligsprechung der Lübecker Märtyrer im Sommer 2011. Im Sprengel Schleswig und Holstein gebe es einen ökumenischen Konvent der Pröpste, in vielen Gemeinden herrsche ein intensiver Austausch.

Zum Vorwurf mangelnder Streitkultur innerhalb der katholischen Reihen meint Bäumer: „Da hat jeder seine eigene Erfahrung. Die will ich niemandem streitig machen – aber meine ist eine andere als die von Wolfgang Kroker.“ Was den Ruf nach  internen Debatten betrifft, verweist Bäumer letztlich auch auf höhere Ebenen: „Gesprochen werden kann schon über alles mögliche – nur steht  das Ergebnis schon. Die Bischöfe sind sich einig, was sie wollen und was sie nicht wollen. Das haben wir mehrfach bestätigt bekommen, auch wenn das für viele schmerzhaft ist.“ Dass der künftige Hamburger Erzbischof persönliche Kränkungen heilen könne, wenn er das Gespräch mit ehemaligen Pfarrern suche, die durch eine Heirat ausgeschieden sind, kann sich Bäumer „durchaus vorstellen“.

Vorsichtige Offenheit signalisiert sie für  eine stärkere Rolle von Laien und Priestern in dem Gremien. Die Durchsetzungsfähigkeit von Kommissionen für Sakralkunst oder Liturgie hängt für Bäumer nicht zwingend von einer Verleihung von mehr Macht durch den Erzbischof ab: „Es ist die Frage, ob eine Kommission nicht auch dadurch aufgewertet werden kann, wenn sie von sich aus aktiver wird.“

Oberhirte für 400.000 Gläubige
Das katholische Erzbistum Hamburg umfasst Schleswig-Holstein, die Elbmetropole und Mecklenburg. Insgesamt leben dort knapp 400.000 Katholiken, davon 172.000 in Schleswig-Holstein. Es wird erwartet, dass der Nachfolger des im Frühjahr in den Ruhestand getretenen Erzbischofs Werner Thissen frühestens zum Jahresende feststeht. Er wird vom Hamburger Domkapitel aus einer Dreierliste gewählt, die der Vatikan aufstellt. Dabei berücksichtigt Rom in der Regel Vorschläge aus dem Erzbistum selbst.
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erstellt am 12.Aug.2014 | 13:32 Uhr

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