„Praxis ohne Grenzen“ : Ein Arzt, der keine Kasse kennt

Dr. Uwe Denker (links) aus Bad Segeberg gründete seine Praxis ohne Grenzen bereits vor vier Jahren. Nun folgen Hamburger Kollegen seinem Beispiel.
Dr. Uwe Denker (links) aus Bad Segeberg gründete seine Praxis ohne Grenzen bereits vor vier Jahren. Nun folgen Hamburger Kollegen seinem Beispiel.

Die Initiative „Praxis ohne Grenzen“ zieht im Norden Kreise – und Dr. Uwe Denker hilft, wo er kann. Der 76-Jährige rechnet nicht mehr mit Krankenkassen ab, sondern behandelt Hilfesuchende kostenlos.

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21. März 2014, 11:50 Uhr

Bad Segeberg | Während der blutigen Unruhen auf dem Maidan-Platz in Kiew bekam Dr. Uwe Denker sogar Anrufe aus der Ukraine. Ein schwerverletzter Demonstrant bat den Mediziner um Hilfe. Aus dem Internet hatte er von dem Arzt aus Bad Segeberg gehört. Denker vermittelte den Hilfesuchenden an das Auswärtige Amt. Inzwischen ist der Ukrainer zur Behandlung in eine Spezialklinik in Israel ausgeflogen wurden.

Auch bei einem Anruf aus Schwerin zu Beginn des Jahres handelte der Gründer der ersten „Praxis ohne Grenzen“ schnell. Ein selbstständiger Tischler rief morgens an, klagte über Druckschmerzen auf der Brust und bat, da er nicht krankenversichert sei, in Denkers „Praxis ohne Grenzen“ in Bad Segeberg vorbeikommen zu dürfen. „Als er seine Beschwerden schilderte, merkte ich, dass er unter einer schweren Angina Pectoris litt und ein akuter Herzinfarkt drohte“, erinnert sich Denker. Eine Fahrt des Tischlers zu ihm nach Bad Segeberg wäre zu gefährlich gewesen. Stattdessen sollte sich der unbekannte Anrufer sofort ein gefäßerweiterndes Nitrospray besorgen. Am späten Nachmittag rief der Mann erneut bei Denker an: Keine Apotheke wolle ihm das Notfallmedikament geben. Daraufhin griff Denker zum Hörer und bat die Nachtdienstapotheke in Schwerin, dem Patienten das Medikament herauszurücken. Doch der Apotheker verweigerte. Er benötige ein schriftliches Rezept.

Dr. Uwe Denker kennt solche Probleme. Doch der 76-Jährige, der immer noch volle Arbeitstage hat, nur dass er jetzt nicht mehr mit Krankenkassen abrechnet, sondern Hilfesuchende kostenlos behandelt, gibt nicht so schnell auf. „Ich riet dem Schweriner Tischler, sofort in die städtische Klinik zu fahren. Dort rief ich den diensthabenden Arzt an und teilte ihm mit, dass ich ihm einen Notfall-Patienten vorbeischicken würde“, sagte Denker. Als der Mann in dem Krankenhaus eintraf, war schnell klar, dass er einen Herzinfarkt erlitten hatte. „Bevor zwei Stents gesetzt wurden, musste ich die ‚Praxis ohne Grenzen’ aber erst noch per Fax schriftlich zur Kostenübernahme verpflichten“, schildert Denker den Einsatz. Das Geld muss von Spendern aufgebracht werden.

Der Mediziner ist weit über die Grenzen des Landes hinaus für viele Menschen zu einem Rettungsanker geworden. Als er sich 2005 mit 68 Jahren wegen der damaligen gesetzlichen Regelung – sie ist inzwischen aufgehoben – als Arzt zur Ruhe setzen musste, dachte er an die wachsende Zahl von Menschen in Deutschland, die nicht krankenversichert sind. Für solche in Not geratene Kranke müsse ein „Rettungsschirm“ her. 2010 eröffnete er in seiner Heimatstadt die erste „Praxis ohne Grenzen“. Seine Frau stellte sich ebenfalls in den Dienst der guten Sache und unterstützt seitdem als langjährige pharmazeutisch-technische Assistentin ihrem Mann bei der ehrenamtlichen Arbeit. Die Arbeiterwohlfahrt stellte einen Konferenzraum als provisorische Praxis zur Verfügung.

Inzwischen sind aus der ersten „Praxis ohne Grenzen“ in Deutschland mit modernster Technik ausgestattete Behandlungsräume geworden, und weitere Mediziner und Helfer unterstützen Denker ehrenamtlich bei der Arbeit. Mehr noch: Inzwischen haben in Stockelsdorf, Preetz, Husum, Rendsburg und Flensburg neue Praxen für nicht krankenversicherte Patienten eröffnet, im April startet ein Projekt in Neustadt, und im Mai wird die erste „Praxis ohne Grenzen“ in Hamburg ihre Tore öffnen.

Es gibt bei dem Projekt, das Denker 2010 angestoßen hat, keine Dachorganisation. Jede Praxis wird von eigenständigen Vereinen getragen, die auf Spenden angewiesen sind, damit in Not geratene Kranke mit Medikamenten versorgt werden können. Gibt es keine anderen Kostenträger, werden von den Spenden – wenn möglich – auch Operationskosten beglichen. Jeder Hilfesuchende, der in die Praxen kommt, wird kostenlos behandelt.

„Im Unterschied zu meiner früheren Praxis kommen in unsere Einrichtungen wirklich nur noch diejenigen, denen es richtig schlecht geht“, sagt Denker. Entsprechend groß sei die Dankbarkeit der Patienten. Dabei sind Hartz-IV-Empfänger oder ausländische Mitbürger eher die Ausnahme. „Es sind vor allem Menschen aus dem Mittelstand, die aus irgendeinem Grund abgestürzt sind und ihre private Krankenversicherung nicht mehr bezahlen konnten“, erklärt der Arzt. Unter seinen rund 400 Patienten ist der Kaufmann ebenso wie der Web-Designer, eine Ärztin ist darunter, die fünf Jahre lang ihre Mutter gepflegt und wegen fehlenden Einkommens keine Kassenbeiträge leisten konnte, es ist ein Immobilienmakler darunter, ein Transportunternehmer, ein Dachdeckermeister. „Das ist eine schleichende Katastrophe, die von Politik und Gesellschaft nicht wahrgenommen wird“, sagt Denker. Rund 800 000 Menschen in Deutschland stünden ohne Krankenversicherung da.

Denker und seine Frau wollen weitermachen; der wohlverdiente Ruhestand muss ausfallen. „Wir können diese Menschen doch nicht alleine lassen“, sagt der wegen seines sozialen Engagements vielfach ausgezeichnete Mediziner. Seine Forderung an die Politik: Die gesetzliche und private Krankenversicherung müsse umgewandelt werden in eine „Grundsicherung für alle“, die durch Solidarbeiträge aller Bürger und aller Krankenkassen sowie durch Steuern finanziert wird.

Bis dies so weit ist, freut sich der Initiator über jede neue „Praxis ohne Grenzen“. Allerdings fügt er hinzu, dass diese kostenlose ärztliche Hilfe nicht selbstverständlich werden dürfe. „Die ehrenamtliche Hilfe entlässt nicht den Staat aus seiner Verantwortung.“

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