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Nissenhütte in Husum : Ehepaar wehrt sich gegen Denkmalschutz

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Die Siegfriedts wohnen in etwas Besonderem – einer Nissenhütte. Diese soll nun unter Denkmalschutz gestellt werden. Das Ehepaar will das aber gar nicht, es sorgt sich um den Wert ihrer Immobilie. Die Senioren haben Widerspruch eingereicht. Aber Kulturministerin Anke Spoorendonk hat etwas dagegen.

shz.de von
erstellt am 29.Jan.2014 | 12:13 Uhr

Husum/Kiel | Zunächst haben sie sich gefreut. „Wir wollen ja auch, dass die Nissenhütten erhalten bleiben“, sagt Johannes Siegfriedt. Der 81-Jährige sitzt an seinem Wohnzimmertisch und tippt mit dem Finger auf einen Brief des Landesamtes für Denkmalpflege. In dem wird ihm und seiner Frau Ilse mitgeteilt, dass sein Haus bald unter Denkmalschutz stehen wird. „Einfach so – ohne, dass wir was dagegen machen können“, sagt sie. Dabei sehen die Siegfriedts das Grundstück im Husumer Birkenweg als Altersvorsorge. „Wenn das Land die Hütte darauf unter Denkmalschutz stellt, kriegen wir das Grundstück nie verkauft. Wenn aber jemand darauf bauen dürfte, bekämen wir locker 50.000 Euro“, sagt Johannes Siegfriedt. „Wenn das Land hier Denkmalschutz machen will, will ich eine Entschädigung.“ Er hat erstmal Widerspruch eingelegt.

Den Siegfriedts ist klar, dass sie in etwas ganz Besonderem wohnen: eine der letzten bewohnten Nissenhütten, die es in Schleswig-Holstein noch gibt. Nach dem Krieg entstanden die zu Hunderten in Schleswig-Holstein – vor allem für Flüchtlinge. 

Dr. Uwe Carstens ist Experte für Nissenhütten und hat deren Geschichte erforscht. „In der Anfangszeit waren die Zustände in den Hütten katastrophal. Manchmal wohnten 20 Menschen auf 47 Quadratmetern, im Winter in eisiger Kälte, im Sommer glühten die Hütten.“ Ausgestellte Nissenhütten im Tierpark in Neumünster oder im Freilichtmuseum Kiekeberg zeigten dies nur unvollständig. „Deswegen bin ich sehr dafür, eine Nissenhütte möglichst im Original zu erhalten“, sagt Carstens. In Itzehoe und Kropp (Kreis Schleswig-Flensburg) gibt es weitere bewohnte Nissenhütten, wie viele andere es in Schleswig-Holstein gibt, die umgebaut oder aufgestockt wurden, das wisse wohl keiner so genau, so Carstens.

„Bei den sechs Nissenhütten im Husumer Birkenweg handelt es sich um die letzte noch in Teilen in sich geschlossene Bebauung mit Nissenhütten“, sagt Astrid Hansen vom Landesamt für Denkmalpflege. Sie legten „von der durch den Zweiten Weltkrieg ausgelösten Flucht und Vertreibung Zeugnis ab. Es handelt sich um Kulturdenkmale aus geschichtlichen Gründen.“ Noch sei das Verfahren nicht abgeschlossen. Aber wenn die Hütten unter Denkmalschutz gestellt werden, dürfen Abrisse oder Umbauten nur noch mit Genehmigung der Denkmalschützer erfolgen. „Bei der Bewertung des Antrages sind immer die berechtigten Belange der Eigentümer zu berücksichtigen“, so Hansen. Allerdings: „Wirtschaftliche Belange finden bei der Frage, ob es sich um Baudenkmale handelt oder nicht, keine Berücksichtigung.“ Diese Frage berücksichtige der Gesetzgeber im denkmalrechtlichen Verfahren.

Kulturministerin Anke Spoorendonk (SSW) will noch mehr. Sie hat gerade einen neuen Gesetzesvorschlag erarbeitet, der auf viel Kritik gestoßen ist. Denn wirtschaftliche Interessen sollen demnach bei Eingriffen in denkmalgeschützte Häuser noch weniger Gewicht haben als bisher. Widersprüche wie sie die Siegfriedts eingelegt haben, sollen künftig nicht mehr möglich sein, sondern nur noch der Weg über eine Klage. „Das kann doch nicht wahr sein“, sagt Johannes Siegfriedt, der Angst davor hat, dass er sich einen möglichen Heimaufenthalt nicht mehr leisten kann, wenn er sein Grundstück wegen des Denkmalschutzes nicht mehr verkauft bekommt. „Wer soll denn ein Interesse daran haben, so ein altes Haus wie unseres zu bewohnen – so wie es ist?“, fragt Johannes Siegfriedt.

Für 15 Jahre sei das Haus beim Bau 1948 ausgelegt gewesen. Seit die Siegfriedts vor 55 Jahren die Hütte für 10.000 Mark gekauft haben, hat der Automechaniker viel an- und umgebaut. „Wir hatten nie viel Geld“, sagt er. Zu Anfang gab es nur fließend kalt Wasser und ein Plumpsklo. Die Fenster hat Siegfriedt ersetzt, die Hausfassade verklinkert, die Hütte neu isoliert. Siegfriedt hat den ehemaligen Schuppen zum Kinderzimmer für die mittlerweile erwachsenen Söhne ausgebaut, dazu ein Bad installiert. Fast alle Zimmer gehen  ineinander über, die Wände sind an den oberen Enden abgeschrägt. Die Eichenmöbel sind angepasst, genau wie die Küche. Das Wellblech auf dem Dach ist noch original, Johannes Siegfriedt hat es mit einer wetterbeständigen Schicht eingestrichen.

Gemütlich haben sie es sich gemacht in ihrem rund 70 Quadratmeter großen Heim und wollen am liebsten dort nie wieder weg. „Es ist alles gut, so wie es ist“, sagt Ilse Siegfriedt. „Wenn die Hütte noch völlig original wäre, könnte ich ja verstehen, dass man sie schützen will, aber die hier ist ja wie fast alle umgebaut“, sagt ihr Mann Johannes.

Alle Hütten? Nicht ganz. Von den noch stehenden Hütten im Birkenweg in Husum ist eine seit dem Bau vor 75 Jahren fast unverändert. Ingeborg Petersen wohnt dort. Für 3200 Reichsmark hat sie die Hütte für sich und ihre Familie 1948 gekauft. Ingeborg Petersen ist gerade 104 Jahre alt geworden. „Ich habe nie daran gedacht, wegzuziehen“, sagt die alte Dame, die seit 1948 in dem kleinen Haus mit dem Wellblechdach wohnt. Vor dem Denkmalschutz hat sie keine Angst. Ihr Mann, der vor fünf Jahren im Alter von 100 Jahren starb, hat bereits mit dem Freilichtmuseum Molfsee verabredet, dass ihre Hütte in Husum abgetragen und dort wieder aufgebaut wird – als echtes Denkmal.

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