Kiel : Ehemann erwürgt seine Frau - und legt sich schlafen

Nach 30 Jahren Ehe fraßen Häme und Hass die Liebe auf. Vor dem Kieler Landgericht schwieg der Angeklagte.

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25. September 2011, 04:47 Uhr

Kiel | Das Leben hat sich tief in das Gesicht des Angeklagten gegraben, seine Mundwinkel her abgezogen und aus jeder Furche Verbitterung wachsen lassen. Er liebe seine Frau noch immer, lässt Egon S. (62) über seinen Anwalt verkünden, dann schweigt er.
Der kaufmännische Angestellte aus Neumünster steht wegen Totschlags vor dem Kieler Landgericht. "Am 27. April packte er seine Ehefrau mit beiden Händen am Hals und würgte sie, bis sie tot war", sagt der Staatsanwalt. So heftig, dass ihr das Blut aus den Ohren gelaufen sei, ist im Obduktionsbericht vermerkt. Auch sei der Hinterkopf des Opfers gegen eine Türzarge geschlagen worden.
Nach der Tat soll Egon S. die Leiche seiner Frau abgedeckt und eine Flasche Ramazzotti getrunken haben. Er schnitt sich mit einem Messer in den Unterarm und legte sich ins Bett. Polizisten fanden ihn Stunden später allerdings nicht tot, sondern schlafend. Einer der Beamten sagt zum Richter: "Wir weckten ihn, Herr S. wimmerte: ,Oh Gott, meine arme Frau."
Das Motiv für die Tat? Egon und Margit S. (63) waren 30 Jahre lang verheiratet. Doch bereits seit 1997 litt Egon S. an Depressionen, gab seine Arbeit beim Hamburger Aluminium-Werk auf und blieb zu Hause. "Er liegt fast den ganzen Tag nur noch im Bett", hatte Margit S. einem Freund kurz vor ihrem Tod anvertraut. Sie selbst soll voller Lebensfreude gewesen sein, betrieb in Neumünster die Boutique "Bonjour". Doch am Ende gingen die Geschäfte schlecht, Margit S. musste Insolvenz anmelden.
Danach konnten die Eheleute ihre schmucke Dachgeschosswohnung nicht mehr halten, zogen am Montag vor Ostern zu Freunden - in eine Wohnung im Stall eines ehemaligen Bauernhofs. Egon S. wollte dort nicht hin, half nur wenig mit. "Er wurde umgezogen", sagt der Kripobeamte, der Egon S. vernommen hat. Unter Weinkrämpfen habe der Angeklagte ihm berichtet, was in der neuen Wohnung passiert sei. "Für ihn war dieser Ort eine Bruchbude, etliche technische Geräte wie der Geschirrspüler funktionierten nicht. Seine Frau habe nach dem Umzug furchtbare Rheuma-Schmerzen gehabt, in der Nacht lange geschrien. Am nächsten Tag habe sie ihm beim Frühstück zur Last gelegt, dass noch so viele Dinge nicht angeschlossen seien."
In diesem Moment soll Egon S. zugepackt haben.
Der Kripobeamte: "Herr S. sprach mit liebevollen Worten über seine tote Frau, doch zwischen den Zeilen spürte ich Häme und Hass gegen sie." Der Prozess wird fortgesetzt.

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