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Polemik zum Weihnachts-Stress : Durchhalten! Schon bald gibt es wieder Spargel

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Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

Verordnete Weihnachtsharmonie, Konsum- und Gut-Menschen-Terror haben das Fest der Feste längst ausgehöhlt, findet Jan-Philipp Hein.

shz.de von
erstellt am 30.Nov.2014 | 14:45 Uhr

Glühwein bis zum Abwinken, Belegschaftsfeste am laufenden Band, Lebkuchen und Calvados bis zum Erbrechen und als Krönung „Wham“ bis die Ohren bluten – Sie wissen schon: das sind die mit dem Song „Last Christmas“, wobei dieses englische „last“ sich vermutlich den Wortstamm mit dem deutschen Begriff „lästig“ teilt. Ganz sicher sogar!

Dazu wird jetzt auch noch die Fernseh- und Radiowerbung dümmlicher als sowieso schon üblich. Ständig spazieren irgendwelche unfassbar gut gelaunten, perfekt gekleideten Familienoberhäupter durchs Bild, die tiefenentspannt ein fünfgängiges Festmahl bereiten, während eine fußballmannschaftsgroße und schwer harmonische Sippschaft im Hintergrund plaudert. Und natürlich: Es schneit im Fernsehen. Weihnachten, dieses Fest der Heuchelei und Zwangsharmonie, ist also wieder ganz nah. Schlechte Wochen für streitlustige Zeitgenossen.

Nur: Das stimmt gar nicht. Weihnachten ist schon noch einen ganzen Monat weg – mithin eine Ewigkeit. Aber wir haben ja alle eine Irrsinnsfreude an der besinnlichen Zeit, die in Wahrheit so ruhig und andächtig ist wie ein Junggesellenabschied in der Norddeutschen Tiefebene, der mit dem leeren Bollerwagen um kurz nach Mitternacht die Tabledance-Bar stürmt. Was haben sich die Erfinder des Kirchenkalenders nur dabei gedacht, den Advent über vier Wochen zu strecken? Wie soll man da die Spannung hoch halten?

Wobei: Erklärt sich so der Glühwein? Billigen Alkohol erhitzen, mit Zucker tunen und damit eine Mischung aus Verdauungs- und Stumpfsinnsbeschleuniger machen – da ging es den Rezepttüftlern womöglich nicht um Genuss, sondern um Betäubung. Wahrscheinlich ist der Glühweinglimmer die einzige und damit beste Möglichkeit, die elend lange Weihnachtszeit ohne größere mentale Tiefs zu überstehen.

Gegen die üblichen Geschenkorgien werde ich allerdings nicht anschreiben. Nach Umfragen wollen die Deutschen dieses Jahr für Geschenke durchschnittlich mehr als 400 Euro ausgeben. Und das ist auch das beste an den Festwochen. Was ist im guten alten Kapitalismus dagegen zu sagen, dass die Geschäfte und Online-Läden gestürmt werden, um den Liebsten und denen, die gefälligst lieb zu haben sind, eine Freude zu machen?

Nüscht. Als Konjunkturprogramm ist Weihnachten ein Knüller, gegen den die Abwrackprämie sich wie ein Witz ausnimmt. Und ja: Das „Storytelling“ drumrum ist auch nicht schlecht. Wie die drei heiligen Könige vor nunmehr 2000 Jahren das Christuskind beschenkten, so tun wir es eben heute auch. Gold, Weihrauch und Myrrhe sind zum Glück nicht mehr gefragt. Playstation, iPhone und Schnellkochtopf sind auch feine Sachen – und so schön persönlich.

Aber bitte: Kann irgendwer was gegen den entsetzlich aufgesetzten Blödsinn drumrum machen? Können wir es nicht wenigstens zeitlich etwas einschränken, dieses Weihnachten? Braucht es wirklich so viel Vorlauf? Vielleicht kann ja wenigstens mal versucht werden, den Zirkus etwas einzudämmen. Wie wäre es, ARD und ZDF? Kommendes Jahr lost ihr untereinander aus, ob das Erste oder das Zweite erst wenige Tage vor Heiligabend weihnachtlich werden und ernst machen dürfen. Mal schauen, ob und wem da eigentlich was fehlen würde. So wie es für Eltern mit Kindern auch Kassen ohne Süßkram gibt, sollte es außerdem ganze Supermärkte... ach was; Einkaufsstraßen ohne Glitzer, Tannenbäume, Lametta und Gedöns geben. Im Gegenzug können meinetwegen Spekulatius das ganze Jahr über verkauft werden. Aber wer irgendwo „O Tannenbaum“ oder „Leise rieselt der Schnee“ summt, wird rausgeschmissen.

Schon komisch: Permanent lesen wir in den Feuilletons Tiraden gegen die angebliche Oberflächlichkeit unserer Gesellschaft. Jeder Pastor und Prediger kann mitten in der Nacht aus dem Schlaf gerüttelt werden und sogleich aus dem Stand eine kapitalismuskritische Rede gegen Konsumterror und die Werbeindustrie aufsagen. Zur Weihnachtszeit gibt es dann aber die ganz große Verbrüderung. Von der Weihnachtsandacht am Sonnabendmittag geht es rüber zum Weihnachtsmarkt und dann ab ins Kaufhaus zum Weihnachtsshopping. Wer hat diese Dezemberliturgie nur gewollt?

Und dann sind da noch die lästigen Auftritte pseudobesorgter und meist abgehalfterter Künstler, die kurz vor Weihnachten mal schauen, wo es so brennt auf der Welt. Denn dort ist der Nektar, um die eigene angestaubte Sanges-Karriere nochmal mit einem Kurzfristschub zu versehen. So gesehen: Wie praktisch, dass da noch dieses Ebola irgendwo in Afrika sein Unwesen treibt. Ein Geschenk rechtzeitig zum Fest – die Welt retten und auch noch selbstlos dabei tun.

Immerhin: Dieses Jahr wurde es sogar dem nach den ersten Tassen Glühwein vorweihnachtlich ansedierten Publikum zu doof und abgeschmackt. Die Textzeilen „Wo ein Kuss der Liebe dich töten kann und wo der Tod in jeder Träne lauert“ fliegen Bob Geldof und seinem Betroffenheitschor „Band Aid“ gerade um die Ohren. Sinéad O’Connor, der unvermeidliche Bono, Robert Plant, Chris Martin und die vielen anderen kriegen mal so richtig auf die Weihnachtszipfelmützen. Die Popsängerin Lilly Allen brachte es auf den Punkt: „Ich tue lieber meinen Teil, indem ich richtiges Geld spende, anstatt mit Leuten wie diesen in einen Topf geworfen zu werden“, sagte sie der „Mail on Sunday“.

Diese Leute sind in Deutschland übrigens „Tote Hosen“-Chef Campino und Gefolge – darunter Udo Lindenberg, Ina Müller, Wolfgang Niedecken, Jan Delay, Peter Maffay, Silbermond-Sängerin Steffi Kloß oder Rapper Michi Beck von den „Fantastischen Vier“. „Der Tod kennt keine Feiertage, und schon ein Kuss kann tödlich sein, kein Abschied und keine Umarmung, jeder stirbt für sich allein“, singen die teutonischen Geldof-Jüngerinnen und Jünger, während sie das grell ausgeleuchtete Massensterben an der westafrikanischen Küste ausschlachten. Da wird sogar „Last Christmas“ zum Seelenbalsam.

Den Kirchen ist ihr eigener Gründungsmythos schon lange abhanden gekommen. Sie sind also nicht geeignet, uns zur Vernunft zu rufen und an den Kern der Sache zu erinnern. Aus Angst, bald gar nichts mehr vom Fest zu haben, halten sie sich mit Kritik am Irrsinn weitgehend zurück und machen gute Miene zum bösen Spiel. Man muss dem Publikum ja wenigstens noch etwas gefallen, sonst richten bald Coca-Cola und McDonalds die Mitternachtsmessen aus. Aus Weihnachten ist eine Art Karneval geworden. Der echte Karneval unterliegt jedoch noch gewissen Regeln, über die bierernste Vereine und ihre Organe wachen. Das Kommando über Weihnachten liegt hingegen bei skrupellosen Werbetextern, Programmdirektoren und Produktmanagern. Und wer das närrische Treiben rund um Weiberfastnacht hohl, nervig oder bekloppt findet, muss sich dafür auch nicht rechtfertigen, sondern findet in jeder Runde Verständnis und ein paar Gleichgesinnte.

Wer hingegen das real existierende Weihnachten zum Weglaufen findet, wird sofort als gefühlskalt, soziophob oder unromantisch pathologisiert. Da muss doch was in der Kindheit schief gelaufen sein, oder? Nein, es ist alles in Ordnung. Ich bin gesund. Frohe Weihnachtszeit allenthalben! Bald gibt es wieder Spargel.

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