Konkurrenzdruck : Dünne Luft für Kioske

Von zunehmender Konkurrenz bedroht: Kioske. Fotos: dpa
1 von 2
Von zunehmender Konkurrenz bedroht: Kioske. Fotos: dpa

Der Kiosk an der Ecke hat schwer zu kämpfen. Längere Öffnungszeiten der Discounter, das Rauchverbot und neue Konzepte für City-Shops lassen die Umsätze schwinden.

Avatar_shz von
16. September 2008, 06:24 Uhr

"Die Anzahl der Kioske wird schrumpfen", sagt Rudolf Pritzl von der Unternehmensberatung Bain & Company, die gerade eine umfassende Studie zum deutschen Kioskmarkt vorgelegt hat. In den vergangenen fünf Jahren sank die Zahl der Kioske zwar "nur" von 48.000 auf 47.500, Experten befürchten aber besonders bei Fensterkiosken ein Sterben.
Hamburg, Reeperbahn. Bis 23 Uhr haben hier Discounter geöffnet, am Wochenende bis 24 Uhr. Majid Nejati hat an der Bahnstation Reeperbahn seinen Kiosk. "Es ist wirklich schlimm, seit die Discounter so lange geöffnet haben, verkaufen wir nur noch Tabak und Zigaretten, denn das kostet überall das gleiche." In 15 Jahren sei es noch nie so schlecht gelaufen. "Süßigkeiten und Getränke werden fast nur noch bei Penny oder Lidl gekauft", sagt Nejati. Im Schanzenviertel wenige Kilometer weiter hat ein kleiner Edeka-Express-Shop in der Woche von 7 Uhr bis 24 Uhr geöffnet, an Wochenenden sogar bis 2 Uhr. "Wir sind ein Mittelding zwischen Kiosk und kleinem Supermarkt, nur weit billiger als ein Kiosk", sagt Inhaber Tuncer Yüksel.
Die Zielgruppe sind eilige Kunden
Viel zu verdienen gab es für die Büdchen noch nie, aber solche Mini-Märkte und die generell längeren Öffnungszeiten in Innenstadt- Lagen werden die Geschäfte der Kioskbesitzer beeinträchtigen. Edeka testet zur Zeit in der Region Minden/Hannover weitere City-Shops mit reduziertem Verkaufsangebot und einem Augenmerk auf "Convenience- Produkte" wie kleine Speisen, belegte Sandwiches oder verzehrfertige Früchte. "Die Zielgruppe sind eilige Kunden, die im Vorbeigehen einen Einkauf machen wollen oder in der Mittagspause einen günstigen Snack suchen", sagt Sprecher Alexander Lüders.
Die Öffnungszeiten können die Pächter oft selbst bestimmen. Sollte die Übernahme der Plus-Supermärkte endgültig genehmigt werden, sind bei Edeka 700 bis 800 kleine City-Discounter geplant. Die Märkte seien nicht gegen Kioske gerichtet, betont Lüders. Aber immer mehr ältere Menschen und die steigende Zahl der Singles suchen den kleinen Einkauf in der Nachbarschaft, statt raus auf die grüne Wiese fahren zu müssen. Auch die Treibstoffpreise spielen eine Rolle, heißt es bei Rewe. Das Unternehmen testet ein Konzept mit Läden mit wenigen hundert Quadratmetern Fläche. Sechs Märkte gibt es bereits, 30 Stadt- Märkte folgen bald. "Wir sehen ein Potenzial von 400 Märkten", sagt Sprecher Andreas Krämer.
Mehr Kreativität gefragt
Ein Aussterben der Kioske ist dadurch zwar nicht zu befürchten, immerhin machen Kioske in Deutschland pro Jahr noch 8,5 Milliarden Euro Umsatz. Aber es drohen weitere Einbußen durch Pläne, den Verkauf von Alkohol zwischen 22 und 5 Uhr zu verbieten. Analyst Pritzl meint, aufgrund des schwierigen Marktumfelds müssten die Besitzer umdenken: "Der Kiosk der Zukunft sollte auf möglichst viel Verkaufsfläche auch frische Produkte und Mahlzeiten anbieten", sagt Pritzl. Kiosken mit mehr als 50 Quadratmetern Verkaufsfläche gehöre die Zukunft.
Vor allem der Convenience-Markt (Umsatz in Deutschland: Rund 22 Milliarden Euro) verspreche Wachstum. "Bisher bieten erst 23 Prozent der Kioske warme Mahlzeiten an und nur in 44 Prozent wird Kaffee ausgeschenkt", sagt Pritzl. Kaffee und Snacks seien Produkte mit hohen Gewinnmargen. Allerdings sei mehr Kreativität gefragt, nur ein warmes Bockwürstchen oder fader Kaffee aus dem Becher seien zu wenig.
90 Prozent der Betreiber von Kiosken sind "Einzelkämpfer"
"Innovationen werden umso wichtiger, weil das Rauchverbot und der Rückgang beim Zeitungsverkauf Auswirkungen auf die Umsätze haben." Zwar verdienen die Besitzer mit dem Verkauf einer Packung Zigaretten oder einer Zeitung nur ein paar Cents, aber diese Kunden kaufen in der Regel auch noch Dinge wie einen Schokoriegel oder Kaugummis.
Pritzls Kollege Tobias Mehrer ergänzt, dass Kioskbesitzer auf die Herausforderungen zu wenig vorbereitet seien. "Es ist ein Trial-and- Error-Geschäft." Man übernehme vom Vorbesitzer die Einrichtung und schon ginge es los. "Frei nach dem Motto, ich versuch" es einfach mal", sagt Mehrer. "Oft fehlen eine ausreichende Schulbildung und betriebswirtschaftliche Kenntnisse", ergänzt Pritzl. Die Verweildauer eines Pächters sei im Vergleich zu früher deutlich zurückgegangen.
Dass es im Zuge der verschärften Marktsituationen zur Etablierung von Kiosk-Ketten wie zum Beispiel an Flughäfen und Bahnhöfen kommt, wird nicht erwartet. In der Schweiz gehören 80 Prozent der Kioske dem Konsumgüterhersteller Valora. "Valora arbeitet mit Angestellten, so entstehen hohe Personalkosten", sagt Pritzl. In Deutschland seien die Gewinnmargen für so eine Lösung zu gering. 90 Prozent der Betreiber von Kiosken sind "Einzelkämpfer". Die Läden überleben oft nur, weil der Besitzer selbst bis in die Nacht hinter der Ladentheke steht.

zur Startseite

Diskutieren Sie mit.

Leserkommentare anzeigen