Hitlerjugend : "Du bist nichts - Dein Volk ist alles"

Sport, Spaß, Drill und Indoktrination: festlicher Alltag im Bund Deutscher Mädel beim BDM-Sportfest 1936 oder 1937 in Schleswig.
Sport, Spaß, Drill und Indoktrination: festlicher Alltag im Bund Deutscher Mädel beim BDM-Sportfest 1936 oder 1937 in Schleswig.

Wie die Hitlerjugend auch in Schleswig-Holstein die arischen Jugendlichen "linientreu" formte und Andersdenkende ausschloss.

Avatar_shz von
23. September 2010, 08:51 Uhr

Schleswig | Jugend, begriffen als eigene Lebensphase, die sich selbst organisiert, existiert als Idee erst seit etwa 1900. In der Weimarer Republik entfaltete sich eine bunte Vielfalt: Bündische Jugend ging "auf Fahrt", Arbeiterjugend versammelte sich unter gewerkschaftlichen, sozialdemokratischen oder kommunistischen Vorzeichen, außerdem gab es mitgliederstarke Sportverbände und konfessionelle Jugendvereinigungen. Die 1926 im Reich, 1928 in Schleswig-Holstein gegründete "Hitlerjugend" (HJ) aber blieb bis 1933 völlig unbedeutend. Nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten wuchs sie zur mächtigen Staatsjugend. Mit Drill und Zwang indoktrinierte sie ideologisch, bot aber auch jugendliche Gemeinschaft, Sport und "Abenteuer". Der Amateurfilmer Alfred Jünke drehte 1936 oder 1937 Aufnahmen auf einem Sportfest des nationalsozialistischen Bundes Deutscher Mädel (BDM) in Schleswig. Die Kamera zeigt die Mädchen beim Marsch durch die Schleswiger Innenstadt und Impressionen des Sportfestes.
Im Rahmen der "Gleichschaltung" wurden bereits 1933 mit der HJ konkurrierende Jugend-Vereinigungen verboten oder zur Selbstauflösung gedrängt. Uniformität, NS-Ideologie und Pflichten der HJ schreckten einige Jugendliche ab, aber die "Fahrt", das "Führerprinzip" und jugendliche Selbstverwaltung waren für viele attraktiv. Für die Knabenmittelschule in Lübeck notierte deren Rektor im März 1934, dass 302 von 419 Schülern in der HJ seien. Ihr Anspruch lautete, alle Jungen und Mädchen arischer Herkunft zu erreichen, die neue "Volksgemeinschaft" ohne Klassengrenzen und Standesdünkel zu leben und das Führerprinzip zu pflegen. Bis 1936 galt: Sonnabend war schulfrei für alle Angehörigen der HJ, während die anderen in der Schule - sozusagen zur Strafe - nationalpolitischen Unterricht erhielten. Die Drohung eines "Abseitsstehens" wirkte auf viele Kinder und Jugendliche durchaus. Trotzdem waren in Kiel 1936 erst 58 Prozent der Jungen und nur 28 Prozent der Mädchen Mitglieder der HJ. Ende 1936 wurde die HJ per Gesetz zu einer "obersten Reichsbehörde". Als dritte erzieherische Säule neben Elternhaus und Schule sollte sie die Jugend "körperlich, geistig und sittlich im Geiste des Nationalsozialismus zum Dienst am Volk und zur Volksgemeinschaft erziehen." Fortan wollte man ganze Jahrgänge der Zehnjährigen "einziehen", wenn sie die Aufnahmebedingung - arische Herkunft - erfüllten. Ab März 1939 galt "Jugenddienstpflicht", 1940 war die Totalerfassung erreicht.
Die strikte Trennung der Geschlechter blieb Prinzip. Und es galt: "Du bist nichts. Dein Volk ist alles." Der programmatische Leitspruch der NS-Volksgemeinschaft zierte die Heime der HJ: Jeder Junge und jedes Mädchen begegnete diesem "Erziehungsideal". Ein richtiger Junge hatte "Soldat und Träger einer Weltanschauung des Kampfes und Forderns zu sein", wie es im Dezember 1936 im HJ-Organ Nordmark-Jugend hieß. Er kannte unbedingten Gehorsam, war abgehärtet, sportlich und diszipliniert sowie wettkampferfahren. Ein Jungenbild, das unmittelbar ins Soldatentum führte! Das Mädchenideal war zunächst die Mutter, die Rolle der Gebärenden; Ziel jeder "Trägerin eines kommenden Geschlechts" sollte sein, "künftig gesunde Kinder zu haben", wie es 1934 in der Ausgabe der Nordmark-Jugend hieß. Dort lasen die Mädchen auch von einem "gesunden, klaren, sauberen Mädeltum".
Auf mehreren Ebenen boten militärische Ordnungsstrukturen der vier HJ-Untergliederungen zahlreichen Kindern und Jugendlichen frühe Führerrollen. Diese Struktur, insbesondere die Richtschnur "Jugend führt Jugend", konnten jugendliches Selbstbewusstsein und Geltungsdrang anheben, allerdings auch bis zum Terror nach innen oder außen führen. Der große Einfluss der Staatsjugend rüttelte auch an hergebrachten Rechten von Eltern und Schule.
Die Gemeinschaft der gesunden, nationalsozialistisch orientierten Arier in der HJ schloss "die Anderen" gewalttätig aus: jüdische Jugendliche, die ausgegrenzt und schließlich ermordet wurden, behinderte Jugendliche, die in der Jugendfürsorge nicht mehr geborgen, sondern - im Rahmen des Behindertenmordes - bedroht waren. Auch nur individualistisch eingestellte Jugendliche, die sich nicht unterordneten, sahen sich bedrängt oder verfolgt.

zur Startseite

Diskutieren Sie mit.

Leserkommentare anzeigen