"Gorch Fock" : Droht ein Abschied von Kiel auf Raten?

Vor dem 'Roten Schloss am Meer': Die 'Gorch Fock' besuchte die Marineschule Mürwik in Flensburg zu deren 100. Geburtstag im Jahr 2010. Foto: Dewanger
Vor dem "Roten Schloss am Meer": Die "Gorch Fock" besuchte die Marineschule Mürwik in Flensburg zu deren 100. Geburtstag im Jahr 2010. Foto: Dewanger

Die "Gorch Fock" soll für eine bessere Kadettenausbildung an die Marineschule Flensburg-Mürwik verlegt werden - erstmal für zwei Monate.

shz.de von
22. Juni 2011, 12:22 Uhr

Während der Windjammerparade an diesem Sonnabend als Höhepunkt der Kieler Woche muss die "Gorch Fock" - sonst das stolze Flaggschiff - an der Mole dümpeln. Der Todesfall einer Kadettin ist noch nicht vollständig aufgearbeitet, begründete das Verteidigungsministerium seine Anweisung zum Verzicht. "In unseren Herzen segelt die Gorch Fock vorweg!", erklärte pathetisch die Kieler Stadtspitze. Jetzt wird das Segelschulschiff, auf das die Kieler so stolz sind wie die Kölner auf ihren Dom, zumindest zeitweise nach Flensburg verlegt. Ein Abschied auf Raten?
"Heimathafen bleibt Kiel", versicherte am Dienstag ein Sprecher des Marine-Führungsstabs in Bonn. Zugleich aber wurde nun offiziell, was am Vortag bereits ein Radiosender gemeldet hatte: Für eine bessere Kadettenausbildung wird die weiße Bark im Herbst nach Flensburg an die Marineschule Mürwik verlegt. Im September und Oktober werde der neue Offizierslehrgang an Bord seine Segelvorausbildung erhalten.
Kadetten sollen Aufentern in die Masten im Flensburger Hafen üben
Die Kadetten sollen dabei unter anderem im Hafen das Aufentern in die Masten trainieren. Der geplante Übungsmast an Land, der mit einem Netz gesichert Schutz vor gefährlichen Unfällen bieten soll, wird wohl frühestens erst im nächsten Jahr auf dem Gelände der Marineschule errichtet werden können. Die Anschaffung sei inzwischen als vorrangig auf den Weg gebracht, aber das Geld - 600.000 Euro sind im Gespräch - müsse erst genehmigt werden, zudem müssten Auflagen der Berufsgenossenschaft beachtet werden, erläuterte ein Marinesprecher.
Hintergrund ist der Tod einer 25-jährigen Kadettin. Sie war am zweiten Tag ihrer Segelvorausbildung im November 2010 im brasilianischen Hafen Salvador de Bahia aus der Takelage in den Tod gestürzt - Medienberichten zufolge hatte sie sieben Mal auf- und abentern müssen.
Übungsmast ist nur in Aspekt von vielen
Als Konsequenz des Unfalls soll die seemännische Basisausbildung reformiert werden. Ende Juli will eine unabhängige Kommission ihre Empfehlungen vorlegen. Der Übungsmast ist nur ein Aspekt von vielen.
Denkbar wäre, dass der Sinn eines Segelschulschiffes für eine hochmoderne Marine grundsätzlich infrage gestellt wird. Andererseits verwies der Leiter der Kommission, Prof. Reiner Pommerin, darauf, dass 18 Länder Segelschulschiffe unterhalten und dies sicherlich aus ihrer Sicht begründet.
Marine Sprecher: "Es gibt zu viele Variablen"
Ob die "Gorch Fock" in Zukunft häufiger nach Flensburg verlegt wird, ist laut Marinesprecher zum jetzigen Zeitpunkt offen: "Es gibt zu viele Variablen." Erst im vergangenen Jahr, als die traditionsreiche Marineschule 100. Geburtstag feierte, wurde die Blücherbrücke so verlängert, dass der Windjammer jetzt überhaupt dort liegen kann. Der Anleger ist in der Flensburger Innenförde, direkt unterhalb der auf einer Anhöhe gelegenen Marineschule, die in ihrer trutzigen Backstein-Architektur an Festungsanlagen des Deutschen Ritterordens wie die Marienburg erinnert.
Bei Kaiserwetter war Bundespräsident Christian Wulff im August 2010 Gast in der Marineschule bei der Vereidigung des Kadettenjahrgangs, zu dem auch die später tödlich verunglückte Offiziersanwärterin gehörte. Nach der Vereidigung begleiteten hochrangige Marinevertreter sichtlich stolz das Staatsoberhaupt an Bord der erstmals an der Blücherbrücke festgemachten "Gorch Fock" zu einem Empfang.
Flensburg und Kiel - beide wollen die "Gorch Fock"
Der Bundestagsabgeordnete Wolfgang Börnsen (CDU) schlug am Dienstag vor, das Schulschiff regelmäßig und länger an die Flensburger Förde zu holen: "Die ‚Gorch Fock‘ gehört zur Marineschule Mürwik – und somit ist sie in der Förde zuhause", sagt der Flensburger Abgeordnete. Er könne sich vorstellen, dass die "Gorch Fock" jedes Jahr zur Offiziersausbildung an der eigens dafür umgebauten Blücherbrücke in Mürwik festmacht. Das würde bedeuten, dass die Bark jedes Jahr mehrere Monate in Flensburg liegt.
In den vergangenen Jahren war der Großsegler nie länger als wenige Tage an der Marineschule. Börnsen plädiert für einen Kompromiss mit der Stadt Kiel und der Marineführung, um dies zu erreichen. Auch Oberbürgermeister Simon Faber (SSW) freut sich sehr über die Visite des Schiffes: "Der Besuch der ‚Gorch Fock‘ stellt einen deutlichen Mehrwert für den Tourismus in Flensburg dar", sagte Faber. Die Kadetten aus aller Welt brächten ohnehin schon viel internationales Flair nach Flensburg.
Kiels Oberbürgermeister Torsten Albig (SPD) blieb am Dienstag gelassen angesichts der angekündigten zeitweiligen Verlegung des Schiffs nach Flensburg: "Das Signal der Marine ist eindeutig und richtig: Kiel bleibt Heimathafen der "Gorch Fock". Alle weitere Entscheidungen werden wir kommentieren, wenn sie denn getroffen sind." Landtagspräsident Torsten Geerdts (CDU) findet es selbstverständlich, dass die "Gorch Fock" für die Kadettenausbildung in Mürwik eingesetzt wird. Die Landeshauptstadt ohne das Patenschiff des schleswig-holsteinischen Landtags kann er sich aber nicht vorstellen: "Die "Gorch Fock" gehört zu Kiel."
(dpa, shz)

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