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Erdbeben in Chile : Drei Minuten Todesangst

vom

Seit zwei Wochen arbeitet der Kieler Medizinstudent Rene Pahl in einem Krankenhaus in Chile. Das schwere Erdbeben überraschte ihn im Schlaf.

shz.de von
erstellt am 05.Mär.2010 | 04:16 Uhr

In Deutschland berichten die ersten Medien vom Erdbeben in Chile, da hat Rene Pahl bereits die schlimmste Erfahrung seines Lebens gemacht. Als in Santiago de Chile am Samstag die Erde zu beben beginnt, ist es halb vier Uhr morgens. Rene Pahl schläft tief und hat einen Gehörschutz gegen den Straßenlärm und die surrenden Kühlungsventilatoren in den Ohren. Erst als sein Bett vibriert und schließlich auf dem Boden hin und her rutscht, wird der Medizinstudent aus Kiel wach. "In meinem Zimmer fingen alle Türen und Gegenstände an zu scheppern und die ganze Zeit hörte ich einen unheimlichen, dumpfen Unterton", beschreibt Pahl die Situation im Gespräch mit shz.de.
Für ein Praktikum im Universitätsklinikum der Hauptstadt Chiles hatte er sich im 14. Stock eines Apartmenthochhauses einquartiert. In den zwei Wochen vor dem Erdbeben schlich sich fast schon Alltäglichkeit ein. Nun sagt Pahl, er habe noch nie etwas Vergleichbares erlebt.
Auf spanisch schreien die Menschen nur "Runter, Runter, Runter!"
Der 26-Jährige erschrickt über die Bewegungen seine Zimmers, als er aus dem Bett gesprungen ist: „Das war wie auf einer Hängebrücke zwischen zwei Bergen, die kräftig pendelt“. Die nächsten drei Minuten sind eine Tortur. Pahl erinnerte sich an die Nachrichten über das Beben von Haiti und dessen verheerende Folgen, während er an der Wand Halt suchte und sich zum Türrahmen bewegt.
Der Strom fällt aus und so ist auf dem Flur kaum etwas zu sehen. Als das Beben nachlässt, rennt er zum Treppenhaus, wo bereits Touristen und Einheimische mit den leuchtenden Displays ihrer Mobiltelefone als Taschenlampen nach unten laufen. Wimmern und panische Rufe sind alles was Pahl hört. Erst jetzt wird ihm bewusst, dass er keine Schuhe trägt. "Ich wollte sie und die nötigste Kleidung holen, aber alle riefen nur auf Spanisch Runter, Runter, Runter!".
Wasser sprudelt aus den Steckdosen
Erleichterung macht sich breit, als sie die Straße erreichen, wo sich bereits Menschen gesammelt haben. Nach zwei Stunden ohne weitere Erschütterungen wagt er sich wieder nach oben, um die wichtigsten Sachen zu holen. Einer der stabilisierenden Wassertanks, die man nach dem Beben von 1985 vorsorglich auf viele Dächer baute, wurde durch das Beben beschädigt. Jetzt fließt Wasser durch den Aufzugsschacht, sprudelt aus den Steckdosen heraus und läuft die Treppen hinunter.
Den Rest der Nacht verbringt der Student draußen. Es gibt keine Verletzten in seiner Nähe. Ein Stromausfall hat die Straßenbeleuchtung lahm gelegt. Nur die Scheinwerfer der Autos werfen flüchtiges Licht über die Gesichter der Wartenden. Zu jeder Stunde spricht ein Angestellter des Hauses zur Gruppe. Er scheint vom Zustand des Gebäudes zu berichten, aber Pahl kann nicht alles verstehen. Ein Mann aus Costa Rica spricht ihn an und übersetzt für ihn. "Wir sind jetzt sehr gut befreundet. Es ist erstaunlich, wie man durch Krisen neue Menschen kennenlernt, die man im Alltag nie getroffen hätte", sagt er.
Ein Lebenszeichen kommt erst spät nach Deutschland
Auch für seine Familie, die über die deutschen Medien vom Erdbeben erfahren, ist es schwer. Da das Mobilfunknetz durch das Beben zusammengebrochen ist, kann sich ihr Sohn erst zehn Stunden nach dem Beben melden.
Inzwischen hat sich die Situation beruhigt. Nur leichte Nachbeben erinnern ihn an die Nacht zum Samstag. In Santiago hat man aus früheren Erdbeben gelernt und strenge Baurichtlinien erlassen. Hauptsächlich historische Bauwerke haben sichtbare Schäden, während die modernen Gebäude verschont blieben. Pahl wird über das Wochenende von einem Arzt eingeladen, dessen zweistöckiges Haus sicher ist. Auch Javir - der Mann aus Costa Rica – hat ihn besucht. Zusammen haben sie Einkäufe in einem der wenigen geöffneten Supermärkte erledigt. "Ich bin wirklich beeindruckt von der Gastfreundlichkeit der Chilenen, die mich als Fremden in allem unterstützen", sagt Pahl.

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