Behördenkampf : Drama um eine Ersatzmutter

Sie liebt die Kinder wie ihre eigenen: Die Tante Amal mit Dylara (1) auf dem Arm. Hinten, Delav (7) und Nehad (3) mit ihrem Vater Mohddin Abdi. Foto: Grätsch
Sie liebt die Kinder wie ihre eigenen: Die Tante Amal mit Dylara (1) auf dem Arm. Hinten, Delav (7) und Nehad (3) mit ihrem Vater Mohddin Abdi. Foto: Grätsch

Eine dreifache Mutter aus Flensburg wird in Syrien erschossen. Doch die syrische Tante, die sich um die Kinder kümmert, bekommt keine verlängerte Aufenthaltsgenehmigung.

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14. April 2008, 04:14 Uhr

Manchmal entscheiden Sekunden. Im Fall der Familie Abdi entschieden sie über Leben und Tod: Eine dreifache syrische Mutter aus Flensburg, wurde beim gemeinsamen Urlaub mit ihren Kindern Delav (7), Nehad (3), Dylara (1) und ihrem Mann in Syrien erschossen. Der Vater überlebt schwer verletzt. Ein Schicksal, das erschüttert. Und das anscheinend kein Ende nehmen will. Denn nun sieht sich die Familie vielen Problemen ausgesetzt. Und sie schweben weiterhin in Lebensgefahr. Denn die Täter, die aus einem Auto auf sie schossen und den syrischen Behörden bekannt sind, sind noch immer auf freiem Fuß.
Der Vater, Mohddin Abdi, der lange Zeit in der Hauptstadt Damaskus im Krankenhaus behandelt werden musste, möchte die Tante der verstorbenen Frau mit in seine neue Heimat und die seiner Kinder nehmen. Seit zwölf Jahren arbeitet Mohddin Abdi in der Taruper Baumschule und besitzt genau wie seine Kinder einen deutschen Pass. "Die Kinder haben nach dem tragischen Verlust ihrer Mutter zu der Tante Amal eine besondere Beziehung aufgebaut. Besonders die kleinste, Dylara (1), braucht sie", sagt der Bruder des Witwers, Cheilch Abdi Ibrahim.
"Meine Kinder sollen wieder glücklich werden"
Er setzt in Deutschland alle Hebel in Bewegung, um seinem Bruder zu helfen. Doch der schier endlose Kampf mit den Behörden fällt ihm schwer. "Ich war bei der Ausländerbehörde, dem Bürgerbüro, hatte Kontakt mit der deutschen Botschaft in Damaskus und mehreren Kirchen", sagt er. Die Hilfe, die er erwartet hatte, habe er aber nirgends bekommen.
Nach den ersten Schritten der gesundheitlichen Genesung, ist der Vater mit seinen beiden ältesten Kindern nach Flensburg zurückgekehrt. Die Kleinste ließ er zurück. Schweren Herzens. "Wenn man sie von ihrer neuen Bezugsperson wegnimmt, fängt sie sofort an zu schreien", erklärt er. Mitgenommen sieht er aus. Mit den Nerven ist er am Ende. Doch will er weiter kämpfen. Sein größter Wunsch: "Meine Kinder sollen wieder glücklich werden."
"Dies ist auch für uns kein Standardfall"
Ein kleinen Teilerfolg haben die Brüder inzwischen erreicht: Seit einigen Tagen ist die Tante mit Dylara in Flensburg. Für 81 Tage darf sie in Deutschland bleiben. Danach muss sie zurück. "Das ist das ganze normale Touristenvisum“, erklärt der Zweite Bürgermeister Flensburgs Jochen Barckmann. Auch ihn erschüttert die Geschichte, doch seien ihm, wie er sagt, die Hände gebunden. Barckmann meint jedoch, dass der Aufenthalt der Tante nur so lange sinnvoll sei, bis die Kinder in Deutschland wieder Fuß gefasst haben."
Was passiert mit der Tante nach den 81 Tagen ? "Die Entscheidung über ein längerfristiges Visum liegt nicht mehr bei uns, sondern bei der Ausländerbehörde in Flensburg", sagt eine Sprecherin des Auswärtigen Amtes in Berlin. Auch dort ist der Fall sehr bekannt: "Dies ist auch für uns kein Standardfall." Die Behörden bei der Deutschen Botschaft in Damaskus möchten sich der Presse gegenüber nicht äußern.
Neben diesen Sorgen plagen die Familie nun auch noch finanzielle Probleme. "Wir haben alles verkaufen müssen, ich habe meine Job verloren und mein Bruder kann wegen der schweren Verletzung noch nicht wieder arbeiten“, sagt Cheilch Abdi Ibrahim, den Tränen nahe. „Wir hatten es einmal so schön." Aber die Familie gibt nicht auf. Die Tante lernt fleißig deutsch, der Bruder kämpft sich weiter durch den Behördendschungel und Mohddin Abdi versucht seine Trauer hinter sich zu lassen. "Ich will für meine Kinder da sein. Schließlich brauchen sie mich jetzt so dringend, wie noch nie zuvor."
(Schleswig-Holstein am Sonntag)

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