Promotion : „Dr. FH“ – Uni-Professoren stinksauer

Wende wünscht sich Achtung vor Forschungsleistung der FH.
Wende wünscht sich Achtung vor Forschungsleistung der FH.

Bildungsministerin Waltraud Wende will das Promotionsrecht erneuern. Das löst Empörung an den Universitäten aus – und Jubel an den Fachhochschulen.

shz.de von
27. November 2013, 07:01 Uhr

Kiel | „Ex-Landesvater Peter Harry Carstensen dementiert: Er will seinen neuen Doktortitel der Kieler Uni nicht gegen zwei Doktortitel der Fachhochschule eintauschen.“ Solche Witze, wie sie am Rande der Promotionsfeier für Carstensen die Runde machten, spiegeln die gegenseitige Wertschätzung der Hochschullehrer wider und zeigen zugleich, dass Bildungsministerin Waltraud Wende (parteilos) mit ihrem Vorschlag, auch Fachhochschulen das Promotionsrecht einzuräumen, einen Nerv getroffen hat. Die Uni-Professoren sind „stinksauer“.

Zur Erinnerung: Mit der Bologna-Reform ist der Zusatz „FH“ hinter dem Diplom-Titel verschwunden. Jetzt erwerben alle Hochschulabsolventen – egal ob an der FH oder der Uni – den Titel „Master“. Die letzte universitäre Bastion ist also das Promotionsrecht; ausgerechnet dieses Privileg macht Wende den Unis nun streitig. „Unser Entwurf sichert die Qualität auf einem Niveau, das auch für Universitäten vorbildlich ist“, versichert Wende und sieht den Norden in der Vorreiterrolle. Ob sie mit ihrem ehrgeizigen Plan, den Gesetzentwurf Anfang 2014 ins Kabinett einzubringen und Ende 2014 dafür den Segen des Landtags einzuholen, wirklich durchkommt, steht noch in den Sternen.

Erwartungsgemäß spaltet ihr Vorstoß die akademische Welt. Die alterwürdigen Universitäten, darunter auch die Christian-Albrechts-Universität (CAU) Kiel, laufen Sturm. „Hier wird eine rote Linie überschritten, das werden wir nicht akzeptieren und uns auch öffentlich zur Wehr setzen“, kündigt Uni-Kanzler Frank Kempken an. Und der Dekan der Agrar-Fakultät, Rainer Horn, erklärte bei besagter Promotionsfeier doppeldeutig: „Ich halte nichts von dieser Wende.“ Beide pochen darauf, dass an der traditionellen Aufgabenverteilung nicht gerüttelt wird: Fachhochschulen haben ihre Schwerpunkt in der anwendungsorientierten Ausbildung und berufsorientierten Lehre, und die Unis kümmern sich um die Forschung und die wissenschaftliche Lehre sowie Nachwuchsförderung. „Nur Uni-Professoren haben sich durch die Habilitation dafür qualifiziert, Promotionen zu begleiten“, betont Kempken. Diese akademische Leistung müssen FH-Professoren nicht vorweisen.

Die FH-Professoren klopfen Wende hingegen mehr oder weniger unverhohlen auf die Schulter. Der Präsident der Fachhochschule Flensburg, Herbert Zickfeld, freut sich, dass Wende endlich „die Monopolstellung der Unis in Frage stellt“ und spricht von einem „hochschulpolitischen Erdbeben“. Auch Hamburgs FH-Präsident Michael Stawicki zeigt sich hocherfreut, dass Wende endlich den „Knoten durchschlagen möchte“ und pocht bereits auf die vielfach beschworene gemeinsame Wissenschaftspolitik im Norden. Im Klartext: Hamburg soll Wendes Beispiel folgen. An Fachhochschulen werde heute längst genauso intensiv und erfolgreich geforscht wie an Universitäten.

Das ist auch Wendes Argument. Deshalb sollen forschungsstarke Fachhochschul-Professoren künftig Promotionen betreuen. Drei Gutachter sollen die Doktorarbeit bewerten: zwei Uni-Professoren und einer von der FH. Die Besonderheit: Der Hochschullehrer, der den Doktoranden betreut hat, gehört nicht zu den Prüfern. Bildungsministerin Wende nennt dieses im angelsächsischen Raum praktizierte Verfahren „vorbildlich“.

Zwar ist schon heute jeder sehr gute Master-Absolvent der FH zur Promotion berechtigt. Allerdings ist er darauf angewiesen, dass sein FH-Professor einen guten Draht zur Uni hat, denn nur dort kann er seine Promotion einreichen. Und hier beginnt das Problem. Zwischen 2009 und 2011 promovierten bundesweit nur 955 FH-Studenten an Unis. In Kiel waren es immerhin elf und in Flensburg ein gutes Dutzend. „Bei uns läuft es ganz ausgezeichnet“, erklärt Flensburgs Uni-Präsident Werner Reinhart. Wie vom Wissenschaftsrat empfohlen, habe man kooperative Promotionsstrukturen etabliert, wohlwissend, dass das universitäre Promotionsrecht auch die Pflicht beinhalte, mit den FHs zusammenzuarbeiten. Ähnliche Verträge hat auch die Uni Kiel mit den FHs geschlossen, erklärt CAU-Präsident Gerhard Fouquet.

Doch das reicht den FHs nicht. Die haben es satt, als „Bittsteller“ bei den Uni-Kollegen vorstellig werden zu müssen. „Manchmal klappt es, meistens jedoch scheitert es an künstlich hohen Hürden“, erklärt Christian Hauck, Chef des Hochschullehrerbundes im Norden und beklagt „die Kooperations-Unwilligkeit“ der Uni-Kollegen. Und dann teilt er kräftig aus: Die massive Kritik der CAU wirke „wie bittere Tränen über das eigene Eingeständnis, die Zeichen der Zeit nicht mehr zu verstehen“.

Und die Politik? Die Grünen sind begeistert von Wendes hochschulpolitischer Wende, vorausgesetzt sie führe nicht zu einem Qualitätsverlust. Die CDU ist eher skeptisch. „Das kostet viel Geld “, fürchtet deren Hochschulexperte Daniel Günther. Er schätzt, dass jährlich ein niedriger zweistelliger Millionenbetrag nötig ist, um die Forschungsbedingungen an den FHs auszubauen und den Kapazitätsverlust zu kompensieren, der entstehe, wenn die Professoren forschen und Doktoranden betreuen statt zu lehren. Das hervorragende Profil der Fachhochschulen dürfe nicht durch „eine vielleicht gut gemeinte Aufgabenübertragung“ geschwächt werden. Er geißelt den „falsch verstandenen Gleichheitswahn“ der SPD, der vorsehe, dass „alles allen ermöglicht wird“.

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