Kindesmissbrauch : Döring will Pädophile therapieren

Döring
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Justizminister Uwe Döring will mit dem Projekt "Dunkelfeld" verhindern, dass aus möglichen Kinderschändern tatsächlich welche werden.

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08. Oktober 2008, 12:32 Uhr

Kiel | "Lieben Sie Kinder mehr als Ihnen lieb ist?" Mit dem Slogan sollen Pädophile angesprochen werden, die Kinder in ihren sexuellen Träumen berühren oder sie tatsächlich missbrauchen. Die, vor denen sich Eltern fürchten und die als Sexmonster und Kinderschänder verschrien sind. Davon gibt es viele. Experten der Kieler Universitätsklinik gehen davon aus, dass 0,73 Prozent aller Männer pädophile Neigungen haben. Bezogen auf die männliche Bevölkerung in Schleswig-Holstein im Alter zwischen 18 und 79 Jahren sind das bis zu 7800 Personen.
Längst nicht alle Übergriffe werden strafrechtlich aufgedeckt. Von den geschätzten jährlich 60.000 Fällen von Kindesmissbrauch in Deutschland werden nur knapp 20.000 bekannt und etwa 16.000 angezeigt. Wissenschaftler sprechen von Dunkelfeldtätern.
Erfolgreiche Vorbeugung "der beste Opferschutz"
Aus diesem Dunkel will Schleswig-Holsteins Justizminister Uwe Döring (SPD) Männer jetzt herausholen und ihnen vorbeugende therapeutische Maßnahmen anbieten. Döring: "Unser Dunkelfeld-Projekt soll dafür sorgen, dass aus potenziellen Tätern keine wirklichen Täter werden, und so mögliche Opfer schützen." Zwar sei eine konsequente strafrechtliche Verfolgung von sexuellem Kindesmissbrauch unerlässlich, "sie macht aber keine Taten ungeschehen". Bei aller Wut über Kindesmissbrauch: Erfolgreiche Vorbeugung sei "der beste Opferschutz".
Ein Vorbild-Projekt gibt es seit drei Jahren in Berlin. Dort wird Pädophilen eine Kombination aus triebdämpfenden Mitteln, verhaltenstherapeutischen Gesprächen und Übungen angeboten, damit sie ihren Alltag besser meistern. 700 Männer haben sich bereits gemeldet und um Hilfe gebeten, weil sie sich vor ihrer Veranlagung fürchten und Schlimmeres verhindern wollen. Hilferufe kamen aus dem ganzen Bundesgebiet, darunter von 15 Menschen aus Schleswig-Holstein.
"Grundpfeiler des Projektes sind Anonymität und ärztliche Schweigepflicht"
Jetzt will Döring das Berliner Modell kopieren und im Januar am Kieler Uni-Klinikum eine eigene Anlaufstelle einrichten. "Der Weg nach Berlin ist zu weit, um regelmäßig an Therapiestunden teilzunehmen. Eine Anlaufstelle in Schleswig-Holstein ist deshalb sinnvoll", meint der Minister. Er wirbt bei den Fraktionen im Landtag um Unterstützung. 80 000 Euro will er in den Haushaltsberatungen locker machen: für die Stelle eines Psychotherapeuten mit sexualmedizinischer Zusatzweiterbildung sowie für eine Hilfskraft.
Die Krankenkassen können die Behandlungskosten nicht übernehmen. Grund: Sie würden für die Abrechnung Namen und Diagnose des Therapierten benötigen. Und diese Daten müssen geheim bleiben. "Grundpfeiler des Projektes sind Anonymität und ärztliche Schweigepflicht", so Döring. Angaben über die Neigung der Hilfesuchenden oder gar über begangene, jedoch strafrechtlich nicht bekannt gewordene Taten dürften auf keinen Fall nach draußen dringen.
Wenn die Geldbeschaffung klappt, können sich bei der neuen Kieler Anlaufstelle ab Januar Betroffene melden, die sich erstmals gefährdet sehen, und solche, die nie strafrechtlich aufgefallen sind, weil sie nicht erwischt wurden, sowie Männer, die bereits als Täter in Erscheinung getreten sind, aber nicht rückfällig werden wollen. "Behandelt werden nur Männer, die nicht mehr unter der Aufsicht der Justiz stehen, also insbesondere eine verhängte Strafe vollständig verbüßt haben", so Döring. Federführend bei dem Projekt soll der Kieler Sexualwissenschaftler Professor Harmut Bosinski sein, der auch im Beirat des Berliner Projektes sitzt.

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