Nach Sex-Skandal in Hamburg-Altona : Dithmarscher holt Großstädter zurück in die Kirche

Jan Steffens vor der Petri-Kirche, in die es immer mehr Hamburger zieht. Foto: Marco Grundt
Jan Steffens vor der Petri-Kirche, in die es immer mehr Hamburger zieht. Foto: Marco Grundt

Pastor Steffens aus Büsum wechselte vor einem Jahr in die von einem Sex-Skandal erschütterte Petri-Gemeinde in Hamburg-Altona. Er versucht, die Menschen wieder von der Kirche zu überzeugen.

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21. Dezember 2012, 11:18 Uhr

hamburg | Schmal sind die nach Dichtern und Denkern benannten Gassen in Altona. Die Elbe, die Landungsbrücken und die Reeperbahn liegen nur einen Steinwurf entfernt. Kurz nach dem Abbiegen in die Schillerstraße ragen sie plötzlich weit in den Himmel - die Zwillingstürme der St. Petri-Kirche, einem wunderschönen, mit roten Backsteinen ummantelten neugotischen Bau. Der imposante Anblick kommt für Ortsfremde überraschend. Überrascht und schockiert waren viele Bewohner des Viertels über das, was sich vor zwei Jahren zwischen den Mauern ereignete, die an sich einen Schutzraum bilden sollen. "Die Menschen waren enttäuscht, traurig, angewidert - viele haben sich von der Kirche abgewendet", sagt Jan Steffens. Vor einem Jahr packte der Pastor mit seiner Familie 360 Umzugskartons nach 25-jähriger Tätigkeit in Büsum und zog nach Altona, um mit Dithmarscher Bodenständigkeit das Vertrauen einer verunsicherten Großstadt-Gemeinde zurück zu gewinnen.
Steffens Vorgänger hatte mit einem Sex-Skandal bundesweit Schlagzeilen gemacht. Nach dem Bußtagsgottesdienst 2010 soll der Kirchenmann ein weibliches Mitglied des damaligen Kirchenvorstands auf einer Bank der Petri-Kirche vergewaltigt haben, beide sollen angetrunken gewesen sein. Die Frau wurde am Morgen danach lediglich mit einem Teil des Pastorentalars bekleidet in der Kirche aufgefunden und zeigte dessen Träger an. Die Staatsanwaltschaft stellte die Ermittlungen ein, das kirchliche Disziplinarverfahren gegen den suspendierten Pastor wurde mit einer "Rüge" abgeschlossen.

Viele Gespräche - und bald auch Trauungen

Ehrlich und offen stellt sich Jan Steffens den Wogen und Zweifeln, die dieser Vorfall ausgelöst hat. "Wahrhaftigkeit ist mir wichtig. Es kann zu nichts Gutem führen, ein Thema unter den Teppich zu kehren, das eine Gemeinde bewegt", sagt der 54-Jährige. Die direkte, klare und herzliche Art des neuen Petri-Pastors kommt an. "Einige meinen, ich wäre zu frech, aber damit kann ich gut leben", sagt der sympathische, groß gewachsene Pastor. Intensive Gespräche hat Steffens mit den Bewohnern seiner bunten Gemeinde geführt, zu der der edle Kreuzfahrtterminal ebenso wie der rustikale Fischmarkt zählen. Geredet wird bei den Treffen nach den Gottesdiensten und vielen Hausbesuchen. "Die waren hier vorher gar nicht üblich." Einen freien Tag hat der Lebensfreude ausstrahlende Nordfriese im ersten Jahr nur selten gehabt. "Ich wollte deutlich machen, Kirche ist da, nimmt sich an und will mit gestalten", betont Steffens.
Seine berufliche und persönliche Bilanz fällt durchweg positiv aus. 1750 Gemeindeglieder zählt der rund 8000 Einwohner umfassende Bezirk heute - mehr als vor dem Sex-Skandal. Die Zahl der Konfirmanden hat sich fast verdoppelt, und 2013 wird in St. Petri auch wieder geheiratet. "Anmeldungen für vier Trauungen liegen vor", freut sich Steffens. Das zurück gewonnene Vertrauen zeigt sich auch in einer beachtlichen Spendenaktion. Eine Million Euro müssen für die Sanierung der Zwillingstürme aufgebracht werden, ein Großteil von der Gemeinde. "Es fehlen nur noch 100.000 Euro, im Frühjahr beginnen die Arbeiten", freut sich Steffens.

St. Pauli statt Madonna

Auch die Ehefrau und die 14-jährige Tochter des Pastors haben den Umzug in die geräumige Wohnung neben der Kirche und mitten hinein in den Großstadttrubel nicht bereut. "Wir haben das Landleben und seine Vereinsmeierei intensiv gelebt - und fühlen uns hier nun sauwohl", sagt Steffens. Noch vor einem Jahr ritt er auf seiner Stute Madonna durch die Marsch, heute joggt er durch St. Pauli, trifft dabei öfter mal seinen Nachbarn Olaf Scholz. "Ich genieße dieses ganz andere Gemeinde-Setting, das intensive Miteinander verschiedener Kulturen, ich freue mich über die vielen Eintritte und über die gut besuchten Gottesdienste", sagt Steffens, der in seiner Gemeinde der Alleingestalter auf der Kanzel ist. Das bedeutet allein Heiligabend drei Gottesdienste, auf jede Predigt bereitet er sich einen Tag vor. Wenn der Pastor doch mal frei haben möchte, wird er durch Kollegen im Ruhestand vertreten.
Jan Steffens hat sich auf Altona ganz eingelassen, und hat gerade dadurch viel Vertrauen zurück gewonnen. Doch seine Verbundenheit zur Westküste, pflegt er weiter. "Wir haben dort Familie und Freunde. Der Chor aus Büsum hat schon hier gesungen, mit meinen Konfirmanden fahre ich zum Wattwandern nach Büsum", berichtet der Pastor, der seinem Berufsstand nur raten kann, über den Tellerrand zu schauen. "Auch Großstadt-Kollegen kann es nur gut tun, die Nase mal in die Landluft zu halten."

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