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Knigge-Gesellschaft : "Dieses Rumdoktern ist ja peinlich"

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Man macht sich so seine Gedanken über Fettnäpfchen, wenn man mit dem Chef der Knigge-Gesellschaft verabredet ist. Doch Hans-Michael Klein bleibt locker.

shz.de von
erstellt am 04.Dez.2012 | 09:50 Uhr

Herr Dr. Klein, habe ich schon was falsch gemacht, seit ich hier angekommen bin?
Sie müssen nicht denken, dass die Knigge-Benimmonkel alle schrecklich verstrahlt sind und mit abgespreiztem Finger durch die Gegend laufen. Wenn man Bauchgefühl und Instinkt hat, macht man eigentlich nichts falsch, wenn man irgendwo reinkommt. Man kann sich ja nicht in jedem Moment an alle Regeln erinnern, sondern sollte einfach seinen Instinkt walten lassen.
Scannen Sie Ihre Gesprächspartner darauf ab, ob sie alle Benimmregeln einhalten?
Ich bin sowieso der lockere Vertreter der Zunft, das ist mir ganz wichtig. Die Deutsche Knigge-Gesellschaft ist ja das Gegenmodell zu diesen verstrahlten Benimmonkeln. Und ich möchte nicht in meinem Alltag die Leute scannen und schulmeistern. Auf der anderen Seite erwische ich mich schon manchmal bei der Berufskrankheit, dass ich gucke: Stimmt das an dem Anzug?
Haben Sie denn manchmal den Eindruck, dass andere Menschen verunsichert sind, weil sie gerade mit dem Vorsitzenden der Knigge-Gesellschaft sprechen?
Ja, und das ist ein großes Problem. Es fängt schon beim Telefonieren an: Da rufen mich Frauen an, die eine Ausbildung als Knigge-Trainerin machen wollen, und sind so was von unnatürlich und distanziert, nur weil sie denken, ich sei der Knigge-Papst. Die sagen zum Beispiel: "Wir müssen diesbezüglich im Hause Rücksprache nehmen. Der Herr Müller ist heute außerhäusig und wird sich zum gegebenen Zeitpunkt melden". Dann denke ich immer: Kommt runter, Leute. Das ist doch nicht Knigge.
Die Ansicht ist eben weit verbreitet, dass der Knigge Etikette und eine damit verbundene Steifheit mit sich bringt.
Weil die Leute den Knigge nicht kennen. Er hat 1788 sein Buch über den Umgang mit Menschen geschrieben, und da steht fast nichts drin von Tischsitten und ähnlichem.
Wenn Sie jemanden treffen, den Sie noch nicht kennen - googeln Sie den- oder diejenige?
Ich sollte es auf jeden Fall verstärkt machen, um zu wissen, mit wem man es zu tun hat. Wenn ich im Internet auf etwas Intimes stoße, hat derjenige einen Fehler begangen. Es gibt die goldene Regel "Veröffentliche im Internet nichts, was nicht auch deine Mutter lesen könnte". Dadurch fallen ja schon mal alle Komaparty-Fotos weg.
Wie ist das mit dem "Herrn Doktor", Herr Doktor Klein? Muss man einen promovierten Gesprächspartner mit seinem akademischen Titel anreden oder hätte ich Sie auch "Herr Klein" nennen können?
Wenn ich von jemandem etwas erwarte oder will - zum Beispiel Chef oder Kunde - dann sollten Sie ein bisschen auf der Schleimspur fahren und das "Doktor" auf jeden Fall anbieten. Aber der Doktor muss dann auch so cool sein und sagen "Lassen Sie den Doktor weg, Durchlaucht reicht". Wenn er nicht anbietet, darauf zu verzichten, hat er ein Knigge-Problem. Ärzte sind teilweise sehr mit Standesdünkeln behaftet, da gilt der Doktortitel noch wie das Evangelium. Die doktern auch untereinander, Doktor Müller und Doktor Meier doktern sich an. Dabei ist ganz klar: Doktores sprechen sich gegenseitig nicht mit "Doktor" an.
Es soll auch Arztfrauen geben, die sich gern mit "Frau Doktor" anreden lassen.
Klarer Regelverstoß, das muss man denen auch mal sagen. Überhaupt ist der Doktortitel doch auf dem Rückzug - man sagt ja auch nicht "Frau Doktor Merkel". Dieses Rumdoktern ist ja peinlich, aber gerade in Arztpraxen immer noch alltäglich. Da werden auch Patienten mit Doktortitel die ganze Zeit mit "Doktor" angesprochen. Die Helferinnen sind so sehr in diesem Doktorschema, dass sie ständig sagen "Herr Doktor Müller, könnten Sie mal den Mund öffnen; Herr Doktor Müller, Sie dürfen spülen, Herr Doktor Müller..." - das ist doch peinlich. Auch bei Adelsprädikaten geht der Trend ganz klar dahin, sie understandment-mäßig wegzulassen.
Sie selbst haben Philosophie, Psychologie und Kunstgeschichte studiert. Wann und warum wurde denn aus dem Doktor Klein der "Professor Knigge"?
Ich habe ja nichts Gescheites gelernt, was wollen Sie mit Philosophie schon machen? Es gibt ja keine philosophischen Arbeitsplätze, die gab’s vielleicht mal in der DDR. Mein Thema war von Anfang an die Weiterbildung, da habe ich in verschiedenen Institutionen gearbeitet und mir die Frage gestellt: Was kommt als nächstes? Mein Prognose war schon Anfang der neunziger Jahre: Dass muss Knigge sein. Ich habe dann die Ausbildung als Knigge-Trainer gemacht, aber damals hat sich niemand für das Thema interessiert. Erst im Jahr 2000 habe ich ein Buch geschrieben, und seitdem ging’s wirklich steil nach oben und hört bis heute nicht auf.
Knigge boomt ja auch und vor allem bei jüngeren Leuten. Wie erklären Sie sich den Trend?
Das kann ich nicht erklären, aber es stimmt. Gerade erst haben in einer Forsa-Umfrage 80 Prozent der jüngeren Leute gesagt, dass sie Knigge als wichtig empfinden. Die 50- bis 60-Jährigen auf der Führungsebene haben noch einiges aus dem Elternhaus mitbekommen, die Jüngeren aber haben Defizite - und die wollen sie ausgleichen.
Ist es nicht das Ende der Individualität, wenn man sich für jede Lebenssituation eine Regel sucht?
Wenn ich englische Grammatik lerne, ist das auch das Ende der Individualität, weil ich dann nicht mehr frei sprechen kann. Wenn ich Fußball nach Regeln spiele, ist das auch das Ende der Individualität. Tango tanzen kann ich auch nicht ohne Regeln. Ohne Regeln geht’s eben manchmal nicht, und oft genug machen Sie uns das Leben leichter.
Gibt es so etwas wie ein oberstes Knigge-Gebot?
Der kategorische Imperativ von Kant. Wenn ich überhaupt nicht weiß, wie ich mich verhalten soll - der zieht immer: Was Du nicht willst, was man dir tut, das füg auch keinem andren zu. Wenn Sie überlegen, ob sie Ihr Kaugummi auf den Boden in der Fußgängerzone spucken, müssen Sie nur daran denken. Berge von Kaugummi - wer will die schon?
Gibt es eine Knigge-Regel, die Sie selbst herzlich gerne missachten?
Es gibt beim Besteck den sogenannten Putzfehler. Das heißt: Sie pieksen in ein Stück Fleisch, schneiden es und putzen dann das Messer am Fleisch sauber. Laut Knigge geht das gar nicht, aber meine Frau sagt: Das machst Du immer. Und tatsächlich habe ich es dann in einem Videofilm gesehen: Sie hat Recht. Herz und Hirn gehen da bei mir wohl getrennte Wege. Es gibt ja auch doofe Knigge-Regeln. Zum Beispiel, dass man nicht mehr "Gesundheit", "Prost" oder "Guten Appetit" sagen darf. Dagegen verstoße ich gerne. Die Deutsche Knigge-Gesellschaft ist ja der Rebell der Szene - und mit über 900 Mitgliedern der größte Verein.
Dann gibt’s ja sicher noch mehr Regeln, gegen die Sie verstoßen.
Natürlich, am liebsten gegen "Ladies first". Dieses in den Mantel helfen, Stuhl vorziehen, schützen - immer dieses Beschützen. Was hat das alles mit Emanzipation zu tun? Wir sind doch nicht mehr im 19. Jahrhundert. Warum muss ich die Frauen beschützen? Die sind heute stark.
Sie bürsten gerne mal gegen den Knigge-Strich - zum Beispiel wenn Sie sagen, das Schlussmachen per SMS sei zeitgemäß.
Daraufhin hat es eine Spaltung gegeben - der konservative Flügel hat sich abgespalten, 20 Damen sind entrüstet geflohen. Sie fühlten sich als Frau angegriffen nach dem Motto "Wir werden doch nicht bestellt und abbestellt wie eine Pizza". Was ist das für ein Rollenverständnis? Frauen können doch auch Schluss machen per SMS, die sind doch nicht nur Opfer, sondern können auch Täter sein.
Was spricht denn für das Schlussmachen per SMS?
Neue Technologien brauchen neue Knigge-Regeln. Die Kniggologen sind von Natur aus konservativ und schwerfällig. Sie meinen, SMS und E-Mails müssten wie ein Brief behandelt werden - als ob die Postkutsche noch unterwegs wäre. Wer sich über das Schlussmachen per SMS aufregt, hat das Medium noch nicht erkannt - das ist heute ein ganz normales adäquates Medium.
Mittlerweile sind Sie ja im Namen der Knigge-Gesellschaft ziemlich häufig in China. Wollen die Chinesen etwa Knigge-Regeln lernen?
Wir haben in Peking eine Filiale gegründet, weil die Chinesen alles superklasse finden, was aus Deutschland kommt. Sie können einen Haufen Pferdemist dahin schicken - wenn "Made in Germany" draufsteht, finden es die Chinesen gut. Ich wollte uns erst anders als Knigge nennen, weil es in China kein Mensch versteht - und da hieß es, wir müssen es Knigge nennen, weil es so deutsch klingt. So wie VW und Mercedes dort für das Allerbeste steht.
China muss doch für einen "Knigge-Papst" der reinste Horror sein - die Leute würgen und schlürfen beim Essen, spucken auf den Boden und sind ungeheuer laut.
Stimmt, die ziehen auch die Nase hoch und spucken auf den Teppichboden, selbst wenn man daneben steht, damit haben die überhaupt kein Problem. Aber was sie nicht machen: Nase putzen. Das finden die Chinesen nämlich ekelhaft und können uns nicht verstehen. Wir putzen uns die Nase, dann wandert das Sekret in einen 37 Grad warmen Brutofen - und wenn ich dann einem Chinesen später die Hand gebe, kann der das gar nicht gut haben. Da muss man beide Seiten verstehen. Wir neigen gerne zum Euro-Zentrismus und sagen: Was wir machen, ist immer besser. Aber Vorsicht: Andere Länder, andere Sitten.
Eine Frage, die ich immer wieder diskutieren muss, ist: Darf ich Kartoffeln mit dem Messer schneiden oder nicht?
Ja, Sie dürfen. Früher waren die Messer aus Stahl, da nahmen die Kartoffeln den Stahlgeschmack an. Heute sind sie legiert, da passiert nichts mehr.
Und was darf ich mit den Fingern essen?
Erst mal das Brot. Alle Schalentiere und Artischocken auch, Geflügel nur bis Wachtelgröße. Hähnchen darf ich normalerweise nicht mit den Fingern essen - mit zwei Ausnahmen: Erstens, wenn es eine Papiermanschette hat, oder aber wenn eine Zitronenkaltschale zum Reinigen der Finger auf dem Tisch steht. Viele trinken die auch, aber sie ist wirklich nur zum Händewaschen gedacht.
Gibt es eine Knigge-Regel, von der Sie sich ganz besonders wünschen, dass sie sich auf breiter Front durchsetzt?
Wir können so viel wir wollen über Besteck und Begrüßung reden - ob das wirklich so wichtig ist? Aber an einem Punkt hört der Spaß auf, das ist die Kindererziehung. Es graust mich, wenn ich sehe, was in Elternhäusern und Schulen passiert und wie darauf reagiert wird - nämlich mit Psychopharmaka, die exorbitant zunehmend verschrieben werden. Es ist unvorstellbar, wie damit Erziehungsfehler kaschiert werden. 1993 wurden bundesweit 37 Kilogramm Methylphenidat verschrieben. Heute sind es 2000 Kilogramm. Ritalin, so das Medikament, ist ein gefährlicher Irrweg, das zeigen uns fast täglich neue Studien.
Was wird da falsch gemacht?
So viele HDHS-Fälle kann es gar nicht geben. Aber Ritalin ist heute die Wunderdroge für alle, die aus der Reihe tanzen. Es entlastet vordergründig Eltern, Kind und Arzt. Meine Forderung lautet: Disziplin statt Ritalin. Die Kindererziehung muss vom Kopf auf die Füße gestellt werden. Knigge muss ins Kinderzimmer.

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