Pinneberger Islamist in Haft : "Diesem Jungen muss geholfen werden"

Wolfgang Seibert, Vorsitzender der Jüdischen Gemeinde in Pinneberg,  erinnert sich: Vor rund zwei Jahren wurde der 65-Jährige von dem jungen Islamisten Harry M. bedroht.
1 von 2
Wolfgang Seibert, Vorsitzender der Jüdischen Gemeinde in Pinneberg, erinnert sich: Vor rund zwei Jahren wurde der 65-Jährige von dem jungen Islamisten Harry M. bedroht.

Wolfgang Seibert wurde von einem jungen Islamisten bedroht. Jetzt sitzt der Täter in Haft. Seibert fürchtet aber, dass das Gefängnis aus Harry M. einen Märtyrer macht.

Avatar_shz von
15. April 2013, 11:08 Uhr

Pinneberg | Wolfgang Seibert zieht an seiner Zigarette. Überlegt kurz. "Ja, ich hatte Angst um meine Familie", sagt er dann. Rund zwei Jahre ist es her, dass der Vorsitzende der Jüdischen Gemeinde von dem jungen Islamisten Harry M. bedroht wurde. Zuvor hatte Seibert die Schließung eines Salafisten-Treffpunkts gefordert. Einer Hinterhof-Moschee, in der radikale Muslime ein- und ausgingen.

Harry M. sitzt in Haft. Mit islamistischem Hass wird Seibert immer noch konfrontiert. "Scheiß Jude, wir kriegen Dich - so etwas darf ich mir beim Einkaufen anhören", sagt der 65-Jährige im Gespräch mit den Pinneberger Tageblatt. Dass die radikalen Salafisten, die sich bis März 2011 in der Mini-Moschee nahe der Dingstätte trafen, Pinneberg komplett den Rücken gekehrt haben, glaubt Seibert nicht. "Wir kennen einige von den Jungs, sie treffen sich jetzt in einer Privatwohnung." Er gehe davon aus, dass auch die Behörden von dem neuen Treffpunkt wissen. "Ich glaube, Pinneberg ist immer noch so etwas wie ein Zentrum."

Harry M. könnte zum Märtrer werden

Gegen Harry M., der im März 2012 wegen Unterstützung terroristischer Vereinigungen zu drei Jahren und drei Monaten Haft verurteilt wurde, hegt Seibert keinen Groll. "Ich hätte mir gewünscht, dass das Gericht eine Alternative zum Gefängnisaufenthalt aufzeigt." Seibert fürchtet, dass der junge Pinneberger, der keinen Schulabschluss hat, im Knast die Rolle des Märtyrers annimmt. "Ich hoffe, die Verantwortlichen führen Gespräche mit dem Jungen. Ihm muss eigentlich geholfen werden." Sollte das nicht geschehen, sei nicht auszuschließen, dass Harry M. irgendwann in einem Terrorcamp lande. Seibert war im Prozess gegen Harry M., der sich zuletzt nur noch Isa Al Khattab nannte, zunächst als Nebenkläger aufgetreten. Doch angesichts der schwerer wiegenden Vorwürfe rückte der Fall des 65-jährigen Gemeindevorsitzenden in den Hintergrund.

Seibert hofft auf eine vernünftige Resozialisierung für den heute 22-jährigen Pinneberger, der zuletzt in Neumünster lebte. "Dort wohnt seine Mutter, ich gehe davon aus, dass er dort nach der Haft hingeht." Fürchtet er, dann wieder ins Fadenkreuz des jungen Mannes zu geraten? "Ich hoffe nicht, dass er die Fehde wieder aufnimmt", antwortet Seibert. "Ich hatte damals Leibwächter, auf die könnte ich wieder zurückgreifen."

Chronologie
Am 8. August 2010 schließt die Hamburger Innenbehörde die Taiba-Moschee am Steindamm. Wegen Terror-Verdachts. Harry M. betete dort. Radikale Muslime orientieren sich ab sofort nach Pinneberg, eröffnen die Al-Sunna-Moschee in der Dingstätte 39.
Dort wird am 14. Januar 2011 der Hass-Prediger "Deso Dogg" erwartet. Der Verfassungsschutz spricht von einer "Problem-Moschee".
Am 19. Januar fordert Wolfgang Seibert, Vorsitzender der Jüdischen Gemeinde in Pinneberg, die Schließung der Moschee. Für Harry M. Grund genug, Seibert zu bedrohen. Der 18-jährige Pinneberger nennt sich jetzt Isa Al Khattab, betreibt eine Internet-Seite mit Hass-Propaganda - und beschimpft Seibert als "dreckigen Juden". Seibert stellt Strafanzeige und wird von der Polizei geschützt. Harry M. macht sich in der Folge im Internet über die Ermittler lustig - und verherrlicht den Märtyrertod.
Die Pinneberger Moschee wird am 1. März dicht gemacht. Harry M. produziert sich weiterhin in den Medien. Mit Videos ruft er zum Heiligen Krieg auf, liefert Anleitungen zum Bombenbau.
Am 28. Juni greift die Bundesanwaltschaft zu, nimmt Harry M. in Neumünster fest. Er kommt in U-Haft.
Mitte Dezember 2011 erhebt die Staatsanwaltschaft Anklage wegen Unterstützung zweier terroristischer Vereinigungen im Ausland. Der Pinneberger führt sich vor Gericht auf wie ein Terrorfürst. Harry M. muss ins Gefängnis. Drei Jahre und drei Monate Haft, so das Urteil des Oberlandesgerichts in Schleswig im März 2012.

zur Startseite

Diskutieren Sie mit.

Leserkommentare anzeigen