Demografie in SH : Die Zeit rennt dem Ehrenamt davon

Mehr als 80000 Einsätze absolvierten die Freiwilligen Feuerwehren des Landes im vergangenen Jahr. Ruff
Mehr als 80000 Einsätze absolvierten die Freiwilligen Feuerwehren des Landes im vergangenen Jahr.

Eine Gesellschaft im rasanten Wandel: Worauf sich Jüngere und Ältere in Zukunft einstellen müssen.

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20. Dezember 2014, 17:48 Uhr

Es sind die „Jungsenioren“, die heute eine zukunftsweisende Aufgabe haben: Sie müssen die Jüngeren davon überzeugen, dass es lohnt, sich ehrenamtlich zu engagieren. Denn das Ehrenamt ist angesichts des demographischen Wandels in Gefahr – der Nachwuchs geht aus. Die „Jungsenioren“ – damit definiert die BAT-Stiftung für Zukunftsfragen in Hamburg die heute um die 50-Jährigen.

Der ehemalige CDU-Landtagspräsident Torsten Geerdts (51) zählt sich dazu – dies machte im Oktober beim Feuerwehr-Marketing-Kongress in Kiel deutlich. Er gehört zu den geburtenstarken Jahrgängen, in denen sich heute noch viele Ehrenamtliche finden. Das wird sich ändern. „Die Jüngeren werden weniger, die Älteren mehr. Die verfügbare Zeit der Aktiven wird geringer, die Konkurrenz der Freizeitangebote steigt“, bringt es Geerdts, inzwischen Vorstandssprecher des Deutschen Roten Kreuzes in Schleswig-Holstein, auf den Punkt. Die BAT-Stiftung für Zukunftsfragen bestätigt diese Einschätzung voll. Die Rahmenbedingungen:

Faktor Demographie

„Die Bevölkerung schrumpft. Wir werden in Deutschland im Jahr 2050 wieder so viele sein wie dann 100 Jahre zuvor“, sagt Stiftungs-Referentin Ayaan Hussein (28). 1950 lebten 69,3 Millionen Menschen in Deutschland, Anfang 2000 waren es 82 Millionen – inzwischen schrumpft die Bevölkerung: 2050 werden es laut BAT-Stiftung nur noch 68,7 Millionen sein. Allerdings mit dem gewaltigen Unterschied zum Jahr 1950, dass sich das Verhältnis Ältere zu Jüngeren mehr als umgekehrt hat: Die unter 20-Jährigen stellen nur noch 15 Prozent, die über 60-Jährigen hingegen 40 Prozent der Bevölkerung. Und das bedeutet: „In einer alternden und zugleich schrumpfenden Bevölkerung gibt weniger potenziell Ehrenamtliche“, sagt Ayaan Hussein.

Faktor Zeit

Mit 18 Jahren kommt der Bruch. Üben bei den 14- bis 17-Jährigen noch 22 von 100 Befragten monatlich ein Ehrenamt aus, so sind es bei den jungen Erwachsenen zwischen 18 und 24 Jahren nur noch die Hälfte – elf Prozent. Die Zahlen der BAT-Stiftung kann Ingmar Behrens (47), ehrenamtlich zuständig für die Öffentlichkeitsarbeit beim Landesfeuerwehrverband, nur bestätigen: „Beim Übergang von der Jugendwehr in die aktive Feuerwehr verlieren wir zwei Drittel unserer Mitglieder.“ Zu hoch ist die Konkurrenz mit anderen Verpflichtungen und vor allem mit modernen Freizeitaktivitäten. So spielen soziale Medien, Musik hören und Computeraktivitäten für die heute 14- bis 29-Jährigen eine enorme Rolle.

„Die zunehmende Kommerzialisierung des Lebens fordert auch von Vereinen und ehrenamtlichen Institutionen seinen Tribut: Je mehr Angebote, desto größer ist der persönliche Zeitdruck und desto geringer die Bereitschaft sich an einen Verein oder eine Institution zu binden“, sagt dazu Professor Dr. Ulrich Reinhardt (44), Wissenschaftlicher Leiter der BAT-Stiftung für Zukunftsfragen. Wenn überhaupt, dann heiße es immer häufiger „Engagement ohne Verpflichtungen“. Auch in Schleswig-Holstein „möchte gerade die junge Generation die zeitliche Freiheit genießen, sich in einem Moment aktiv einzubringen, im nächsten Augenblick aber auch anderen Dingen zuwenden zu können“. Hierauf müssten sich alle Institutionen einstellen und entsprechende Angebote bieten.

„Kostet zu viel Zeit“ ist denn auch der Hauptgrund, der gegen ein Ehrenamt angeführt wird und einzig und allein stark angestiegen ist: 1999 sagten dies noch 41 Prozent, heute sind es knapp zwei Drittel der Befragten, wie die Hamburger Zukunftsreferentin Ayaan Hussein aufschlüsselt.

Gleichzeitig werden aber auch Gründe aufgeführt, weshalb ein Ehrenamt wertvoll sein kann: Knapp zwei Drittel sehen darin die Möglichkeit, Freunde zu gewinnen, 36 Prozent sagen, dass „es wirklich Spaß macht“ und für 42 Prozent der Befragten gibt ein Ehrenamt eine Chance, die Lebenserfahrung zu erweitern.
 

Faktor Wertewandel

Die Heranwachsenden erfahren gerade eine Epoche, in der sich gesellschaftliche Strukturen immer rasanter ändern, in der die Ökonomisierung des Einzelnen voll durchgreift und nichts mehr beständig erscheint. Die Folge: Ein Wertewandel bei den Jüngeren: „Wir stellen die Besinnung auf konservative Werte fest“, sagt Ayaan Hussein. Wie lange nicht mehr zählen gerade für die nachfolgenden Generationen Ehrlichkeit, Verlässlichkeit, Gerechtigkeit oder Menschenwürde. Den jungen Deutschen sind verstärkt persönliche und soziale Rahmenbedingungen wie Familie, Gesundheit, Kinder und Freunde „heilig“. Demzufolge steigt die Furcht vor sozialen Konflikten – hatten im Jahr 2002 noch 34 Prozent Angst davor, waren es zehn Jahre später bereits 50 Prozent von 100 Befragten. Im gleichen Maße ist die Furcht vor Perspektivlosigkeit und Gleichgültigkeit gestiegen.

Fazit

Die heute Aktiven, die zum großen Teil bei den lebenserfahrenen „Jungsenioren“ zu finden sind, müssen jetzt vorsorgen, dass das Ehrenamt auch in Zukunft attraktiv bleibt. Schleswig-Holsteins Rot-Kreuz-Vorstandssprecher Geerdts sagt, wie das gehen kann. Er kümmere sich regelmäßig um seine 270 vorwiegend jungen Freiwilligen im Norden, treffe sich mit ihnen stets in kleinen Gruppen, um zu hören, was ihre Wünsche sind. Geerdts: „Wir müssen den jungen Menschen ehrlich vermitteln, dass sie nicht als billige Kraft ausgenutzt werden, sondern vielmehr, dass sie als eine wichtige Stütze bei uns gebraucht werden.“

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