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Prostitution : Die Wanderhuren von Neumünster

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Eigentlich ist das älteste Gewerbe der Welt in Neumünster kein Thema, nur eine Erotik-Disko und ein Swinger-Club werben dezent. Seitdem Prostituierte erst vorm Friedhof und dann vor einer Schule standen, ist die Stadt in Aufruhr.

shz.de von
erstellt am 01.Sep.2013 | 17:39 Uhr

Neumünster | Angefangen hat alles in der Hanssenstraße, doch dann zogen die drei jungen Frauen ausgerechnet vor den Südfriedhof. Immer abends positionierten sich dort  die Rumäninnen in knappen Kleidern. Sie telefonieren viel und steigen gelegentlich in haltende Autos. Die Anwohner zeigten sich ob des zunehmenden Verkehrs vor dem Friedhof erregt, doch sowohl Ordnungsamt als auch Polizei sind machtlos. „Wir haben die Personalien der Frauen überprüft und beobachten die Situation. Aber es liegt nichts gegen die Damen vor“, sagte Polizeisprecher Rainer Wetzel. Man wisse nicht einmal sicher, ob die Frauen der Prostitution nachgingen. Und selbst wenn: Das ist in Deutschland nicht verboten. Solange niemand belästigt werde, weder Drogen noch Gewalt im Spiel seien oder die Friedhofsruhe nicht gestört werde, habe die Polizei keine Handhabe. Das ist auch die Linie der Stadtverwaltung: „Wir beobachten die Sache intensiv und prüfen in enger Abstimmung mit der Polizei mögliche Maßnahmen“, sagte Stadtsprecher Stephan Beitz. Als die Kirche ihr Hausrecht durchsetzte („Uns liegt viel daran, die Würde des Ortes aufrecht zu erhalten“, erklärte Pastorin Simone Bremer, Vorsitzende des Kirchengemeindeverbandes die Gründe), wanderten die Huren weiter – zur Bushaltestelle vor dem Parkplatz  einer nahegelegenen Schule und lösten nun in Neumünster erst recht eine Welle der Empörung aus.

„Das geht so gar nicht. Diesen Zustand werden wir nicht tolerieren“, erklärte Schulleiterin Silke Rohwer. Die Schule habe eine Fürsorgepflicht gegenüber den Schülern und müsse auf den Jugendschutz achten. „Da können wir nicht akzeptieren, dass in unseren Grünanlagen benutzte Kondome und Tampons liegen“, sagte sie. Die Stadtvertreter diskutierten über den Einsatz von Videokameras – oder zumindest von Attrappen zur Abschreckung. Die Wanderhuren dagegen zogen erneut weitere 200 Meter stadtauswärts und haben so die Stadtgrenze bald erreicht.

Mit dem Straßenstrich verfügt Neumünster für Schleswig-Holstein über ein Novum, denn sonst hat sich das horizontale Gewerbe im einstigen „Land der Horizonte“ hinter vier Wänden etabliert. Laut Bericht der Landesregierung zur Auswirkung des Prostitutionsgesetzes gibt es in Schleswig-Holstein rund 100 Bordelle oder bordellähnliche Betriebe und weitere 300 Modellwohnungen. Besonders häufig leuchte die rote Laterne in den Städten Flensburg, Lübeck und Kiel. Landesweit verkaufen knapp 14000 Frauen ihren Körper. Allerdings: Nur 107 von ihnen haben sich als selbstständig tätige Prostituierte bei den Behörden gemeldet, eine weitaus höhere Anzahl vermuten Justiz- und Steuerbehörden unter der Gewerbekennziffer für „sonstige Dienstleistungen, Massagepraxen und Saunabetriebe“. Der Markt für den käuflichen Sex ist riesig. Bundesweit bedienen zwischen 400000 und 500000 Frauen die Nachfrage von Freiern, die sich aus allen gesellschaftlichen Schichten rekrutieren. Bei einem durchschnittlichen Lohn von 100 Euro geht Manfred Paulus, Erster Kriminalhauptkommissar a. D. und einer von Deutschlands führenden Experten für Rotlicht- und Organisierte Kriminalität, bei 1,5 Millionen Freier-Prostituierten-Kontakten täglich von einem Umsatz im bundesdeutschen Milieu von 150 Millionen Euro aus. Für Schleswig-Holstein bedeutet dies über 52070  Bordellbesuche am Tag und einen Umsatz von mindestens 5,2 Millionen Euro. „Das sind Umsätze, wie sie sonst wohl nur von weltweit tätigen Unternehmen getätigt werden und bei denen so manche treusorgende Ehefrau ins Grübeln kommen könnte“, schreibt Paulus in einem Aufsatz für die Zeitschrift der Polizeigewerkschaft.

Wie die Neumünsteraner Wanderhuren kommen die meisten Prostituierten zurzeit aus Rumänien oder Bulgarien, erklärt Silke Dörner, Kieler Kriminalhauptkommissarin der Ermittlungsgruppe Milieu. In Kleinbussen werden sie nach Schleswig-Holstein gebracht, manchmal kommen sie auch mit Überlandbussen am Kieler ZOB an. „Steigen die Frauen aus, haben sie bereits Schulden bei denjenigen, die ihre Fahrt bezahlt haben“, erklärt die Kommissarin.

„Die fehlenden Sprachkenntnisse und das fremde Land machen sie zu schwachen Frauen, die auch in der Folge immer weiter abkassiert werden.“ Zur Prostitution gezwungen werden sie allerdings nicht. „Der Nachschub an Frauen ist schier unerschöpflich, weil die Zustände in den Heimatländern unvorstellbar schlecht sind. Oft leben 20 Angehörige in einem Zimmer – oder die Heimat der Familie ist eine Müllkippe.“  Antrieb ist also die ökonomische Not. Den Frauen sei  auch klar, auf welche Weise sie in Deutschland Geld verdienen sollen, betont  Dörner. Aber nicht, was sie erwarte.   Zumeist stehen sie unter strenger Kontrolle von Banden, die die Frauen abkassieren.  In Neumünster   tauchen immer wieder  jungen Männer    auf und sprechen mit den Frauen, kontrollieren die Lage. „ Es ist schon erschreckend und nicht mehr schön, hier in der Gegend zu wohnen“, sagte die Anwohnerin, die aus Angst vor den Unbekannten ihren Namen nicht in der Zeitung lesen wollte.

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