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Vermeintliche Einbruch-Serie : Die Wahrheit hinter den weißen Rumänen-Transportern

vom
Aus der Onlineredaktion

Ein Facebook-Post warnt im Norden von SH vor angeblich kriminellen Rumänen in einem weißen Transporter, die Häuser ausräumen und Kinder entführen. Für das Landeskriminalamt sind diese Geschichten „Nonsens“.

Flensburg | Ein weißer Transporter fährt durch ein Dorf im Kreis Schleswig-Flensburg. Der rumänische Kastenwagen wird von einem Fahrzeug verfolgt. Ein wachsamer Bürger zückt das Smartphone. Ein Klick, zwei Klicks, drei Klicks. Auf den Fotos sind der Transporter und das Kennzeichen gut zu erkennen – trotz des regnerischen Wetters. Es sind Personen in dunkler Kleidung zu sehen, die den Bürgersteig entlanglaufen. Später landen die Fotos in der Facebook-Gruppe „Flensbook“ mit mehreren Zehntausend Mitgliedern. Der wütende, wachsame Nachbar schreibt unter die hochgeladenen Fotos: „Achtung das dreckspack von Rumänen schlägt wieder zu, rauben Hauser aus und entführen Kinder“. Schnell verschwindet der Post wieder von der Seite, entfernt durch die Betreiber. „Wir löschen so etwas immer sofort, also sobald wir es sehen“, sagt „Flensbook“-Gründer Mark Jürgensen. „Es ist ja eigentlich eine Gruppe, wo andere sich helfen und nicht, um Leute schlecht zu machen.“

Ein rumänischer Transporter auf Kinderfang? Wohl kaum, sagt das Landeskriminalamt.
Ein rumänischer Transporter auf Kinderfang? Wohl kaum, sagt das Landeskriminalamt. Foto: Screenshot/Facebook

Doch es sehen trotzdem mehrere Leute die Hetze. In einer anderen Gruppe taucht ein Screenshot des Original-Posts auf, das Kennzeichen wurde geschwärzt. Der Ersteller des Originals ist Mitglied in einer Facebook-Gruppe mit knapp 160 Nutzern: „Aktiv gegen Bandenkriminalität in SL-FL“. Es gibt sie seit dem 25. April. „Durch die vermehrte Bandenkriminalität müssen wir uns gegenseitig warnen und aufmerksamer werden“, heißt es in der Gruppenbeschreibung. Es wird dazu angehalten, die Banden gezielt zu verfolgen und sie nach und nach zu verdrängen. Von Selbstjustiz wird abgeraten, heißt es weiter.

Abgesehen von der fraglichen Vorgehensweise besorgter Bürger stellt sich die Frage, was es mit den scheinbar Kriminellen in den weißen Transportern auf sich hat.

Eine erste Antwort hat Marina Bräuer von der Pressestelle der Polizei in Flensburg. „Ja, es gibt osteuropäische Tätergruppen, die auch in Schleswig-Holstein aktiv sind“. Diese haben bei ihren kriminellen Aktivitäten feste Aufgabenstrukturen und verschwinden danach schnell wieder. Dies bestätigt auch Stefan Jung, Pressesprecher des Landeskriminalamtes. „Es gibt in Schleswig-Holstein, aber auch in anderen Bundesländern, organisierte Tätergruppen“. Dies sei allerdings kein neues Phänomen. Die Täter würden vorzugsweise die Einfuhrschneisen und Einfallstraßen nutzen, damit sie schnell hin und schnell wieder weg kämen. „Die A7 ist als Nord-Süd-Achse eine beliebte Region“, sagt Jung.

Immer wieder liest man in sozialen Netzwerken von weißen Transportern, von Rumänen, Bulgaren oder Polen, die potenzielle Einbruchsorte ausspähen und Kinder entführen. Für Jung alles „Nonsens“. „Wir von der Polizei wären die ersten, die von Kindesentführungen und Einbrüchen erfahren würden“, sagt der LKA-Beamte. Dass so was tatsächlich passiere, „davon wissen wir nichts“. Komischerweise sei im Netz immer von weißen Transportern die Rede. Letztlich würde mit solchen Kommentaren nur Panik in der Bevölkerung geschürt, ist sich Jung sicher. „Derzeit ist die Lage im Norden entspannt.“

Natürlich seien die Einbruchszahlen vor allem im Winter – in der dunklen Jahreszeit – höher, sagt der Pressesprecher. „Im Moment haben wir Frühsommer, es ist lange hell und die Einbruchszahlen gehen zurück“. Auch bei den Tageswohnungseinbrüchen gebe es keine Hinweise auf einen Anstieg. Die Polizei sei jedoch auf die Hilfe und Hinweise aus der Bevölkerung angewiesen, sagt Jung, denn man könne ja „leider nicht überall Streife fahren“.

Die Kriminalitätsstatistik für 2014 zeigt, dass das im Herbst 2012 gestartete landesweite Konzept der Polizei zur Bekämpfung von Wohnungseinbrüchen offenbar erste Erfolge zeigt. Davon war Innenminister Stefan Studt bei der Veröffentlichung des Berichts im März überzeugt. 2014 gab es demnach erneut keinen weiteren Anstieg der Einbruchszahlen; sie gingen sogar geringfügig um 0,1 Prozent zurück. Die Aufklärungsquote ist 2014 gegenüber 2013 von 10,2 Prozent auf 12,6 Prozent gestiegen. Die Höchstzahl an Wohnungseinbrüchen in den vergangenen zehn Jahren gab es 2012 mit 7654 Delikten. Mit 7534 Fällen in 2013 und 7529 Fällen in 2014 setzt sich der Abwärtstrend weiter fort.

Studt bleibt in seiner Beurteilung der Lage und weiteren Entwicklung aber zurückhaltend. „Auch wenn der fortgesetzte Anstieg der Einbruchszahlen gestoppt werden konnte, besteht kein Grund zur Entwarnung“. Die Fallzahlen bewegten sich nach wie vor auf einem vergleichsweise hohen Niveau. „Die Bekämpfung des Wohnungseinbruchsdiebstahls wird auch zukünftig ein Schwerpunkt in der Polizeiarbeit sein“, kündigte der Minister an. Der Mehraufwand durch die flächendeckenden und personellen Anstrengungen sei ebenso erforderlich wie gerechtfertigt. Angesichts der erheblichen Eingriffe in den persönlichsten Lebensbereich der Opfer und der damit einhergehenden Beeinträchtigung des Sicherheitsgefühls der Bevölkerung, muss die Arbeit verstärkt werden, sagte der Minister.

Ist denn ein Statusbeitrag eines aufmerksamen Bürgers gerechtfertigt, der andere Menschen als Kriminelle darstellt? Marion Bräuer von der Flensburger Polizei ist der Meinung, dass die angefertigten Fotos ohne die Verfremdung von Kennzeichen oder Gesichtern an sich einen Straftatbestand darstellt: „Jeder hat letztlich das Recht am eigenen Bild, hinzu kommt eventuell auch Beleidigung und Volksverhetzung“. Dies müsse im Einzelfall geprüft werden. Auch Stefan Jung vom LKA ist der Meinung, dass solche Veröffentlichungen in sozialen Netzwerken mit Vorsicht zu genießen sind. „Wer unbedacht solche Beiträge postet, kann sich strafbar machen“. Gerade wenn es um offenbare Hetzkampagnen gehe.

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erstellt am 30.Apr.2015 | 14:43 Uhr

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