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Pflichtwehr Friedrichstadt : Die unfreiwillige Feuerwehr: So läuft es in Burg und List

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Die Freiwillige Feuerwehr Friedrichstadt wird zur Pflichtwehr - es stehen nicht genug Ehrenamtler bereit. Was passiert, wenn zufällig Ausgewählte zum Löschen verpflichtet werden? List und Burg haben Erfahrungen gemacht.

Friedrichstadt | Es ist eine Mischung aus Lotterie und Einladung zur Musterung, wenn 50 zufällig ausgewählte Friedrichstädter am Freitag Post bekommen. Eine Mitteilung, dass sie ab jetzt Mitglied der Pflichtwehr sind. Persönlich zugestellt, damit sich keiner mehr drücken kann. Die Friedrichstädter Wehr ist ein Trümmerhaufen, offiziell gibt es sie nicht einmal mehr. Es steht zwar noch das Gerätehaus, die Fahrzeuge sind auch noch da. Aber die gesamte Wehrführung ist zurückgetreten, mehrere Mitglieder wanderten in die Nachbarwehren nach Koldenbüttel oder Seeth ab. Der Rest teilt sich in zwei Lager - der Streitpunkt wird nicht öffentlich gemacht. Intern wurde lange versucht, die Wogen zu glätten. Selbst eine Anzeige bei der Polizei wegen Nötigung steht im Raum. Doch auch Mediatoren halfen nicht. Jetzt soll aus der Freiwilligen Wehr eine Pflichtwehr werden. Bis die steht, ist das Städtchen im Brandfall auf die Nachbarwehren Seeth, Koldenbüttel und Drage angewiesen.

Feuerwehren klagen immer wieder über eine mangelnde Teilnahme. Die Ursachen dafür können vielfältig sein. Es wohnen immer weniger junge Menschen in ländlichen Räumen - bedingt durch den demografischen Wandel und die Arbeitsplatzsituation.

Doch wie funktioniert eine Wehr, wenn ihre Mitglieder dazu gezwungen werden? Ein Blick nach List und Burg - denn dort gibt es sie bereits, die unfreiwilligen Feuerwehren.

List auf Sylt: „Wir sind eine coole Truppe“

Die Feuerwehr bei Einsatz im Schützenheim in List auf Sylt. Foto: Sylt-Picture
Die Feuerwehr bei Einsatz im Schützenheim in List auf Sylt. Foto: Sylt-Picture

Die Einrichtung der Lister Pflichtwehr sorgte bundesweit für Schlagzeilen - schließlich ging es hier auch darum, das Feriendomizil von Promis wie Günther Jauch vor Flammen zu schützen. Und damit erklärt sich auch schon eine Schwierigkeit auf Sylt: Die Hälfte der Lister Einwohner hat nur einen Zweitwohnsitz in dem idyllischen Inselörtchen. Für regelmäßige Übungen - oder gar einen Einsatz, wenn es brennt - fallen die Teilzeit-Sylter aus. Doch die Wehr muss wegen der erheblich höheren Einwohnerzahl in der Saison gut ausgestattet sein. Als klar wurde, dass die Marineversorgungsschule geschlossen wird, fing es an zu bröckeln in der Wehr. Den Ausschlag gaben aber Unstimmigkeiten mit der Wehrführung. Als innerhalb von etwa anderthalb Jahren reihenweise Feuerwehrleute austraten, musste die Gemeinde 2005 einsehen: Es gab nur noch 18 Mann auf der Liste - von denen einige schon gestorben, andere weggezogen waren. Ohne Pflichtwehr hatte List ein brenzliges Problem.

Gesetz über den Brandschutz und die Hilfeleistungen der Feuerwehren

(Brandschutzgesetz - BrSchG)
Vom 10. Februar 1996

§ 16

Pflichtfeuerwehr

(1) Die Gemeinde hat eine Pflichtfeuerwehr aufzustellen, wenn der abwehrende Brandschutz und die Technische Hilfe aufgrund fehlender freiwillig dienstleistender Personen nicht ausreichend erfüllt werden können. Ist eine freiwillige Feuerwehr vorhanden, kann diese durch eine Pflichtfeuerwehr verstärkt werden.

(2) Die Gemeindevertretung beschließt die Satzung der Pflichtfeuerwehr.

(3) Alle Bürgerinnen und Bürger vom vollendeten 18. bis vollendeten 50. Lebensjahr sind verpflichtet, Dienst in der Pflichtfeuerwehr als ehrenamtliche Tätigkeit für die Gemeinde zu übernehmen und auszuüben, sofern sie nicht nachweisen, daß sie den gesundheitlichen Anforderungen des Feuerwehrdienstes nicht gewachsen sind. § 20 der Gemeindeordnung für Schleswig-Holstein gilt entsprechend.

(4) Die Bürgermeisterin oder der Bürgermeister bestellt die erforderliche Anzahl von Bürgerinnen und Bürgern für höchstens zwölf Jahre durch schriftlichen Verpflichtungsbescheid. Eine Wiederbestellung ist zulässig. Die Wehrführung und ihre Stellvertretung sind von der Gemeindevertretung zu berufen. Ist eine freiwillige Feuerwehr vorhanden, ist die Wehrführung der freiwilligen Feuerwehr auch Wehrführung der Pflichtfeuerwehr.

(5) Die Ausbildung der Pflichtfeuerwehr richtet sich nach den Bestimmungen für die freiwilligen Feuerwehren. § 9 Absatz 8, 9 und 11 gilt entsprechend.

In einem Gespräch mit dem Spiegel muffelte damals eine der neuen, unfreiwilligen Wehrfrauen gegen die unleidige Verpflichtung: „Warum ausgerechnet ich? Was habe ich mit dieser blöden Feuerwehr zu tun?“ Ein Familienvater bezeichnete die Verpflichtung als „Schock“.

Der heutige Wehrführer Andreas Fließ bezeichnet hingegen die Umstellung als „Schnitt“. Die freiwillige Wehr hatte sich zu sehr in Richtung „Feierwehr“ entwickelt, die Fachkompetenz war in den Hintergrund geraten. Auch Fließ war damals deswegen ausgetreten. Heute, so sagt er, sei die Lister Pflichtfeuerwehr eine „coole Truppe, wo man sich aufeinander verlassen kann“.  Es wurden alle auf dem aktuellsten Stand ausgebildet - und „alte Zöpfe“ wurden abgeschnitten, sagt er.

Einwohner in List Feuerwehrleute
1548 35

Der Neustart aber, den Fließ als stellvertetender Wehrführer begleitete, war aber nicht ganz einfach. Er stand vorn, als den 51 unfreiwilligen neuen Mitgliedern im Großen Aufenthaltsraum die Verpflichtung erklärt wurde. „Wenn Blicke töten könnten, wären wir an dem Abend verstorben“, erinnert er sich. Unmut hätten sie alle gehabt, die neuen Wehrleute, einige waren richtig wütend. So seien die ersten Monate auch verlaufen. „Nach Dienstschluss sind alle vom Stuhl hoch, wie von der Hummel gestochen“, sagt Fließ. „Sie sind gekommen, wenn sie mussten und gegangen, wenn sie durften.“ Irgendwann, nach etwa vier Monaten, erinnert sich Fließ, habe er zu seiner Frau gesagt: „Gott sei Dank, wir sitzen am Tresen.“ Von da an sei aus der Pflichtveranstaltung eine Gemeinschaft geworden.

Burg in Dithmarschen: „Ruhe bewahren und viele Gespräche führen“

Thomas Kusch leitet die Feuerwehr Burg - ein Team, auf das sich der Wehrführer verlassen kann. Foto: Rother
Thomas Kusch leitet die Feuerwehr Burg - ein Team, auf das sich der Wehrführer verlassen kann. Foto: Rother
 

„Am Anfang wird es schwierig“, auch Burgs Wehrführer Thomas Kusch hatte erst einmal einige Probleme mit der Pflichtwehr. In der Dithmarscher Gemeinde zersprengte ein Generationenkonflikt die Freiwillige Feuerwehr. Und auch hier bahnte der große Knall sich schon länger an. Auf der einen Seite der Wunsch nach der guten alten Kameradschaft, auf der anderen der nach Modernisierung und Weiterbildung. 33 altgediente Mitglieder traten schließlich aus Protest aus, darunter der damalige Wehrführer - und Burg musste zwölf Neue verpflichten. 2009 war das und mittlerweile, findet Kusch, ist die Pflichtwehr eine „schlagkräftige Truppe, auf die man sich verlassen kann“. Auch in Burg gab es einen Umbruch, vor allem einen Generationenwechsel: Der Altersdurchschnitt der Burger Wehr liegt inzwischen bei 33 Jahren, denn bei der Verpflichtung werden bewusst junge Leute zwischen 18 und 35 Jahren ausgewählt.

Einwohner in Burg Feuerwehrleute
4185 45

Die Frage „Warum ich?“ stellten sich auch hier die neuen Wehrleute, berichtet Thomas Kusch. Den einen oder anderen erlebte er auch schon unmotiviert. Er begegnet den Zweifeln mit vielen Gesprächen und findet dann auch schon mal deutliche Worte. „Ich muss dann ganz klar sagen, dass es irgendeiner ja machen muss“, sagt er. Es sei dabei wichtig, auf die Leute einzugehen. Nicht jeder ist für jede Aufgabe geeignet, schließlich hilft die Pflichtwehr auch Verletzten. „Nicht jeder kann das ab, wenn aus einer Verletzung ein Knochen rausguckt“, sagt Kusch.

Mittlerweile ist Burg im achten Jahr eine Pflichtfeuerwehr und freiwillig einen Zusatzdienst als „First Responder“ eingerichtet - eine Unterstützung für den Rettungsdienst. „Es kommen alle mittlerweile gerne und vollziehen ihren Dienst gewissenhaft“, sagt Kusch. Sein Ziel: im Jahr 2021 wieder eine Freiwillige Feuerwehr zu werden.

Wie es in Friedrichstadt weitergeht

Die Gerätewarte der FF Friedrichstadt bei der Arbeit.

Die Gerätewarte der FF Friedrichstadt bei der Arbeit.

Foto: Bandixen
 

50 Friedrichstädter erhalten am Freitag eine schriftliche Mitteilung. Die neuen Feuerwehrleute werden zufällig ausgewählt unter den Einwohnern zwischen 18 und 50 Jahren. Doch nicht jeder wird damit automatisch zum Feuerwehrmann. Wer nicht geeignet ist, darf den Dienst mit Begründung ablehnen. Zum Beispiel wenn man tagsüber meist gar nicht im Ort ist.

§ 20 der Gemeindeverordnung: Ablehnungsgründe, Abberufung

(1) Bürgerinnen und Bürger können die Übernahme eines Ehrenamts oder einer ehrenamtlichen Tätigkeit ablehnen oder ihre Abberufung verlangen, wenn ein wichtiger Grund vorliegt. Ob ein wichtiger Grund vorliegt, entscheidet die Gemeindevertretung; sie kann die Entscheidung übertragen.

(2) Als wichtiger Grund im Sinne des Absatzes 1 gilt besonders, wenn die Bürgerin oder der Bürger

- bereits mehrere öffentliche Ehrenämter innehat,

- ein geistliches Amt verwaltet,

- ein öffentliches Amt verwaltet, soweit die Anstellungsbehörde feststellt, dass das Ehrenamt oder die ehrenamtliche Tätigkeit mit ihren oder seinen Dienstpflichten nicht vereinbar ist,

- schon sechs Jahre als Mitglied der Gemeindevertretung tätig war oder ein öffentliches Ehrenamt ausgeübt hat,

- bereits mehrere Vormundschaften; Pflegschaften oder Betreuungen führt,

- häufig oder langdauernd von der Gemeinde geschäftlich abwesend ist,

- anhaltend krank ist,

- mindestens 60 Jahre alt ist,

- durch die Ausübung des Ehrenamts oder der ehrenamtlichen Tätigkeit in der Fürsorge für den Haushalt der Familie besonders belastet wird.

(3) Ehrenbeamtinnen und -beamte und ehrenamtlich tätige Bürgerinnen und Bürger können abberufen werden, wenn ein wichtiger Grund vorliegt. Ein wichtiger Grund liegt insbesondere vor, wenn die betreffende Person

- ihre Pflicht gröblich verletzt oder sich als unwürdig erwiesen hat oder

- ihre Tätigkeit nicht mehr ordnungsgemäß ausüben kann.

Wer abberufen wird, scheidet aus dem Ehrenamt oder der ehrenamtlichen Tätigkeit aus. Die §§ 25 und 40 a bleiben unberührt.

 

Die Neuen müssen zunächst die sogenannte Truppmann-Ausbildung durchlaufen. Die dafür erforderlichen Übungsabende enthalten theoretische und praktische Teile und erstrecken sich über mehrere Wochen. Bis dahin werden die umliegenden Wehren stärker belastet sein. Thomas Kusch und Andreas Fließ haben in Burg und List die Erfahrung gemacht, dass es hilft, auch innerhalb der Pflichtwehr ähnliche Strukturen wie bei der Freiwilligen Feuerwehr aufzubauen. „Die Gruppenführer werden zum Beispiel gewählt“, sagt Fließ. Außerdem werde viel geredet - „auf Augenhöhe“, wie Fließ betont.

Für Fließ ist die Feuerwehr eine Einstellungssache. Der Gedanke an eine Pflichtfeuerwehr habe zunächst einen „negativen Touch“, sagt auch er. Es sei politisch nicht so korrekt, wenn der Bürger verpflichtet werde. „Das hat auch etwas mit dem Zeitgeist zu tun. Mit dieser Vollkaskomentalität, dass man sich selbst keine Umstände machen und lieber auf der Couch sitzen möchte“, sagt er.  Auf Sylt sei der Status als Pflichtfeuerwehr mittlerweile kein Thema mehr.

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erstellt am 21.Apr.2016 | 19:31 Uhr

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