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Verirrt in der Nordsee : Die traurige Chronik: In nur sechs Tagen starben schon 12 Wale

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Wangerooge, Helgoland, Texel, Büsum und nun auch noch die Weser: Die Zahl der Pottwal-Kadaver steigt und steigt. Wie viele werden es noch?

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erstellt am 14.Jan.2016 | 12:53 Uhr

An der Nordseeküste sind mindestens 12 Pottwale verendet. Fünf Tiere starben nach einem stundenlangen Todeskampf in der Nacht zum Mittwoch an der Küste der niederländischen Wattenmeer-Insel Texel. Drei Pottwale kamen an der Küste Schleswig-Holsteins ums Leben, bereits am Freitag waren zwei Wale auf der ostfriesischen Insel Wangerooge gestrandet. Ein weiterer Meeressäuger trieb am Mittwoch in der Wesermündung. Berichte, nach denen ein zweiter Wal in der Außenweser treiben solle, bestätigten sich nicht. Am Donnerstag wurde vor der niederländischen Insel Texel ein weiteres totes Tier angespült.

Pottwale sind in der Nordsee sehr selten anzutreffen. Sie ist eigentlich zu flach für die riesigen Meeressäuger.

Hier wurden die Kadaver gefunden:

Wangerooge: Abtransport kostet 80.000 Euro

Hans Uhlmann vom Naturschutzverein Mellumrat misst den Unterkiefer eines der angeschwemmten Wale.
Hans Uhlmann vom Naturschutzverein Mellumrat misst den Unterkiefer eines der angeschwemmten Wale. Foto: Peter Kuchenbuch-Hanken/dpa
 

Auf Wangerooge wurden die ersten beiden toten Pottwale am 9. Januar gefunden. Einen solchen Fund habe es auf Wangerooge noch nicht gegeben, sagte Inselbürgermeister Dirk Lindner am Freitag. „Auf der einen Seite ist der Fund sehr beeindruckend, auf der anderen Seite sehr traurig. Die beiden Wale seien offenbar schon länger tot. Sie sind ziemlich eingefallen.“ Die Beseitigung der beiden Pottwale zieht sich seitdem hin. Laut der niedersächsischen Umweltstaatssekretärin Almut Kottwitz müsse für den rund 80.000 Euro teuren Abtransport der Kadaver zunächst eine Rinne gegraben werden.

Helgoland: Erster Wal an Land gezogen

Toter Wal in der Nordsee vor Helgoland: Zwei Tiere wurden am Dienstag entdeckt.

Toter Wal in der Nordsee vor Helgoland: Zwei Tiere wurden am Dienstag entdeckt.

Foto: Brigitte Rauch
 

Vier Tage nach dem Fund auf Wangerooge wurden auch vor Helgoland zwei tote Pottwale gefunden. Einer von ihnen trieb am Dienstagvormittag in Richtung Norden zwischen der Hauptinsel und der Düne hindurch. Da die Kadaver eine Gefahr für die Schifffahrt darstellen, müssen sie geborgen werden. Das erste Tier wurde am Mittwoch vom Gewässerschutzschiff „Neuwerk“ an Deck genommen. Mit Seilen und einem Kran hatte die Besatzung zuvor bereits über einen Tag lang an der Bergung der 12 bis 16 Meter langen Meeresriesen gearbeitet. Anschließend wurde das erste Tier auf den Schlepper „Odin“ des Landesbetriebes für Küstenschutz, Nationalpark und Meeresschutz (LKN) verladen.

Die Drohnenaufnahme zeigt zwei tote Pottwale, die am 14.01.2016 auf einem Anleger auf Nordstrand (Schleswig-Holstein) liegen.

Die Drohnenaufnahme zeigt zwei tote Pottwale, die am 14.01.2016 auf einem Anleger auf Nordstrand (Schleswig-Holstein) liegen.

Foto: dpa
 

Bis Mittwochabend waren beide Helgoländer Wale in Nordstrand angekommen. Experten haben am Donnerstag im Hafen mit den Vorbereitungen für die Zerlegung begonnen. Beide Skelette sollten erhalten bleiben, sagte der Leiter des Multimar Wattforums, Gerd Meurs. Eines gehe nach Amrum, das andere voraussichtlich an eine deutsche Universität.

Texel: Es war ein quälender Todeskampf

 

Am Mittwoch werden fünf weitere Tiere vor der niederländischen Insel Texel gefunden. Experten begannen sofort mit der Untersuchung der Kadaver. Eine Rettungsaktion war zuvor gescheitert. Augenzeugen berichteten von einem quälenden Todeskampf der Giganten. „Sie drehten sich hin und her und lagen auf der Seite“, sagte ein Fischer im niederländischen Fernsehen. Die fünf Wale waren am Dienstag noch lebend in der Brandung an der Südspitze der Insel entdeckt worden.

Büsum: Kadaver soll am Donnerstag geborgen werden

In Schleswig-Holstein entdeckten Mitarbeiter des Wasser- und Schifffahrtsamts (WSA) Tönning am Mittwoch ein weiteres totes Tier auf einer Sandbank, wie WSA-Sprecher Asmus Plötz sagte. Der zehn bis zwölf Meter lange Kadaver sollte an diesem Donnerstag geborgen werden. Auch er soll nach Nordstrand gebracht werden.

Eversand: Elfter und zwölfter Kadaver in der Wesermündung gefunden

Das niedersächsische Umweltministerium berichtete am Mittwoch auch von einem weiteren Wal an einer Sandbank vor dem Leuchtfeuer Eversand in der Wesermündung. Mit einem Patrouillenflug sollte zudem nach weiteren toten Walen Ausschau gehalten werden. Kurze Zeit später wurde ein weiteres totes Tier entdeckt. Wie Radio Bremen berichtet, liegen die Tiere im Watt rund zehn Kilometer vor der Küste. Laut Wasser- und Schifffahrtsamt gefährden die beiden toten Tiere bislang nicht die Schifffahrt und sollen deshalb zunächst auch nicht geborgen werden. Das weitere Vorgehen soll unter anderem mit der Nationalparkverwaltung Niedersächsisches Wattenmeer abgestimmt werden, berichtet Radio Bremen.

Wieder Texel: Der 13 tote Pottwal wird angetrieben

An der Küste der niederländischen Wattenmeer-Insel Texel wird am Donnerstag ein weiterer toter Pottwal angespült. Das teilt das Naturkundemuseum der Insel Ecomare am Donnerstag mit. Berichte, dass noch ein weiteres Tier tot vor der Küste treiben sollte, werden vorerst noch nicht bestätigt. Damit erhöht sich die Gesamtzahl der Tiere in beiden Ländern auf mindestens 13.

Ein Zusammenhang gilt als wahrscheinlich

Weshalb die Tiere sich in die Nordsee verirrten, ist unklar. „Bisher müssen wir davon ausgehen, dass das ein Phänomen ist, das seit vielen hundert Jahren auf der Wanderroute der Pottwale stattfindet“, erklärt die Leiterin des Büsumer Instituts für Terrestrische und Aquatische Wildtierforschung, Ursula Siebert. Dokumentiert seien Strandungen seit dem 16. Jahrhundert. „Bisher haben wir keine direkten Hinweise, dass ein bestimmter, einzelner Einfluss dazu geführt hat, dass die Tiere in die Nordsee kommen und stranden“, erklärte die Forscherin.

Wal-Experte Michael Dähne vom Deutschen Meeresmuseum in Stralsund berichtet von verschiedenen weiteren möglichen Gründen: „Es kann natürliche Ursachen haben, an Unterwasserlärm, an Solaraktivitäten oder an Krankheiten liegen, aber auch an seismischen Aktivitäten oder militärischem Sonar.“ Gestrandete Tiere noch zu retten, sei extrem schwierig.

Mit den jüngsten Funden sind nach Angaben des schleswig-holsteinischen LKN seit 1990 insgesamt 80 Pottwale an den Küsten Dänemarks, Deutschlands und der Niederlande gefunden worden. In aller Regel handle es sich um Jungbullen, die auf ihrer Wanderung durch den Atlantik zwischen November und März vom Kurs abkommen. Ein Zusammenhang zwischen den Strandungen gilt nach Einschätzung eines Sprechers als wahrscheinlich, da die Tiere in Gruppen auftreten.

Die gelegentlich in der Nordsee vorkommenden Tiere werden dem LKN zufolge dem Azoren-Bestand der weltweit rund einer Million Pottwale zugerechnet. Mit ihrem akustischen Orientierungssinn können sich die schweren Tiere in der Nordsee schlecht orientieren. Geraten sie ins Flachwasser und stranden kann das Gewicht ihres Körpers ihre Blutgefäße und die Lunge abdrücken - daran sterben sie.

Hintergrund: Der Pottwal

Der zu den Zahnwalen zählende Pottwal ist weltweit verbreitet. Seinen Namen soll er durch einen Vergleich seines Kopfes mit einem Topf (niederdeutsch: pott) erhalten haben. Weibchen können etwa elf Meter lang, Männchen bis zu 20 Meter lang werden. Pottwale leben gesellig und verständigen sich durch knarrende Laute. Sie können sehr tief tauchen und ernähren sich vor allem von Kraken und Fischen.

Wiederholt sind solche Wale - wie jetzt auch - an europäischen Küsten gestrandet. Die Männchen sind polygam und sammeln sich einen Harem.

Ein weißer Pottwal spielte die tierische Hauptrolle in Herman Melvilles Roman „Moby Dick“. In der Regel sind Pottwale dunkelgrau, aber sie bekommen mit zunehmendem Alter immer mehr helle Flecken. Alte Männchen können auch komplett weiß werden.

 
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