Baustau in Flensburg : Die Schule mit den baumelnden Kabeln

Rohre, Lüfter, Kabel, Beton: Baustellenführung mit dem stellvertretenden Schulleiter Wolfgang Reinecker. Foto: Staudt
Rohre, Lüfter, Kabel, Beton: Baustellenführung mit dem stellvertretenden Schulleiter Wolfgang Reinecker. Foto: Staudt

Baustau in einer Flensburger Schule - weil Stadt und Kreis sich nicht über Kosten einigen. Derweil lernen die Kinder unter flatternden Folien oder müssen auf "dynamische Sportarten" verzichten.

Avatar_shz von
29. Oktober 2011, 11:53 Uhr

Flensburg | Von der nackten Betondecke hängen Kabel, Leuchten sind provisorisch mit Draht befestigt, unverkleidete Rohre sind zu sehen. Überall im weitläufigen Gebäude der Kurt-Tucholsky-Schule (KTS) vermitteln freigelegte Decken den Eindruck: Hier wird gebaut.
Wird aber nicht. Schon seit Monaten nicht mehr. Die Sanierung des über 30 Jahre alten Schulgebäudes ist im Kostengerangel zwischen altem und neuem Schulträger stecken geblieben.
Keine "dynamischen Sportarten"
In einem Klassenraum fehlt eine Deckenplatte und wurde durch Plastikfolie ersetzt. Bei starkem Wind flattert sie unüberhörbar und stört die Konzentration der Schüler bei Klausuren. Während das Flachdach über den meisten Gebäudeteilen saniert und erneuert wurde, ist das Dach über dem Pädagogischen Zentrum, der Bibliothek sowie dem PC- und Musikraum offenbar vergessen worden.
In der Sporthalle dürfen derzeit keine "dynamischen Sportarten" ausgeübt werden, weil der Prallschutz fehlt. Die Sanierung der Sporthallen wurde vorerst abgesagt - kein Geld. "Der Streit zwischen den beiden Schulträgern geht zu unseren Lasten", wettert Bärbel Jensen, Leiterin des Hauptschulzweiges der KTS, "zu Lasten der Schüler, der Lehrer und der Eltern. Ich schäme mich, wenn ich Eltern hier durchführe."
Millionenkosten
Durch das Schulgesetz von 2007 musste die damalige Kooperative Gesamtschule in eine Gemeinschaftsschule umgewandelt werden; gleichzeitig ging die Trägerschaft auf die Stadt Flensburg über. Im Juli 2009 unterzeichneten der damalige Oberbürgermeister Tscheuschner und Landrat von Gerlach einen Vertrag, der den Übergang der Trägerschaft regelte. Grundlage war ein Gutachten des Ingenieurbüros Heinrich zu den erforderlichen Baumaßnahmen: Brandschutz, Dachsanierung, Erneuerung der Sporthallen, Ganztagsbetrieb und vieles mehr. Kosten summa summarum: 8,5 Millionen Euro. Der Kreis sollte demnach für jene Baumaßnahmen aufkommen, die in der Vergangenheit unterlassen worden waren - Stichwort Sanierungsstau. Die Stadt würde Investitionen für die Zukunft übernehmen, wie zum Beispiel Maßnahmen für den Ganztagsbetrieb. In einer Liste wurde jede einzelne Maßnahme mit den vom Gutachter geschätzten Kosten festgehalten. Summe für den Kreis: 4,5 Millionen Euro. Davon wurde jene Summe abgezogen, die die Stadt aus dem Konjunkturpaket rein rechnerisch für die KTS bekommen hatte: 0,7 Millionen Euro.
Dann kamen die Bauarbeiter. Es kam, wie es oft kommt: Wenn man erstmal die Wände aufmacht, treten Überraschungen zu Tage. Die Folge: Vor allem der Brandschutz wird viel teurer als geschätzt. So sind in dem Gebäude aus den 70er Jahren, Typ "Kasseler Modellschule", die Wände nur bis zur abgehängten Decke hochgezogen, nicht bis zur eigentlichen Betondecke. Für Brandschützer eine Horrorvorstellung, weil das Feuer sich zwischen den Decken ausbreiten kann.
Wer zahlt die Rechnung?
Während die Stadt den Vertrag so liest, dass der Kreis für die genannten Baumaßnahmen aufkommen muss, ungeachtet der tatsächlichen Kosten, interpretiert der Kreis die entsprechende Passage so, dass bei Erreichen der genannten Summen die Zahlungspflicht endet. Da der Kreis nach wie vor Eigentümer des Gebäudes ist und nur dieser Aufträge erteilen kann, ruhen die Arbeiten seit Monaten. Ein Gespräch zwischen OB Faber und Landrat von Ger lach vor etwa drei Wochen blieb ohne Ergebnis.
"Wir müssen die Auseinandersetzung von der Auftragsvergabe entkoppeln", sagt Zweiter Bürgermeister Jochen Barckmann, zuständig für Bildung. "Es ist für die Schule nicht zumutbar, unter diesen Bedingungen den Betrieb aufrecht zu erhalten." Das heißt: Der Bau geht weiter, und man entscheidet später, wer am Ende die Kosten übernimmt. Nur: Einer muss erstmal die Rechnungen bezahlen, und das wird - da gibt auch Barckmann sich keinen Illusionen hin - vermutlich die Stadt sein.

zur Startseite

Diskutieren Sie mit.

Leserkommentare anzeigen