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Sanierung unter dem Stau : Die Retter der Rader Hochbrücke

vom
Aus der Redaktion der Landeszeitung

42 Meter über dem Nord-Ostsee-Kanal ist Schleswig-Holsteins spektakulärste Baustelle. Eine Reportage von den Arbeiten an der Rader Hochbrücke.

shz.de von
erstellt am 09.Sep.2013 | 08:42 Uhr

Rade | Alle paar Sekunden rumpelt es. Direkt über ihm. Doch Christian Nagel nimmt das kaum noch wahr. Für ihn ist die Arbeit unter Brücken Routine, deswegen interessieren ihn die Autos, die über ihm über die Rader Hochbrücke rollen, nur mäßig. Nagel ist hier, um zu zeigen, wie er die Brücke entlasten will, die seit über sechs Wochen für Lastwagen über 7,5 Tonnen gesperrt ist und von Autos nur einseitig befahren werden darf, weil die Köpfe der Brückenpfeiler kaputt sind. Der Projektleiter ist dafür verantwortlich, dass die neuen Stahlkonstruktionen an den Pfeilern perfekt sitzen. Sie sollen die Stelen, auf denen von oben die Last der schwerer und zahlreicher werdenden Lkw wirken, wie ein Korsett zusammenhalten, damit der Beton nicht wieder abbröselt wie in den vergangenen Jahren. Der Stahlgurt wird nach der Sanierung der Brücke bleiben.

„Die Betonbauer kommen, wenn wir weg sind“, sagt Nagel. Das gilt schon in dieser Woche für die letzten sechs Wasserpfeiler in der Eider, der 38-Tonnen-Autokran, der die vier jeweils 1,3 Tonnen schweren Stahlträger von einem Ponton unter die Brücke gehievt hat, ist schon wieder abgerückt. „Das ist kein alltäglicher Job“, sagt Nagel als er die Betontreppe an der Seite der Brücke hochsteigt und oben auf den Standstreifen der Autobahn 7 tritt. Auf der gegenüberliegenden Seite sanieren Arbeiter auf der gesperrten Fahrbahn Schadstellen im Asphalt – es passt gerade. Neben Nagel fahren Autos nur mit Tempo 60 vorbei, trotzdem ist es laut als der Projektleiter eine gelbe Leiter an der Leitplanke entert, die vermutlich jeder Autofahrer schon einmal auf der Brücke gesehen hat. Doch nur wenige wissen, dass dies der Einstieg in den Brückenbesichtigungswagen ist, der unter der Stahlkonstruktion entlangfahren kann.

Immer wieder wurde die Brücke in den vergangenen 40 Jahren inspiziert, doch den porösen Beton im Innern der Pfeiler entdeckte niemand. „Sehen doch von außen auch noch alle gut aus“, sagt Nagel als er mit dem Wagen an ihnen vorbei fährt. Doch der glatte Beton täuscht: An manchen Pfeilern stehen nur noch 25 Zentimeter von ursprünglich 60 Zentimeter Beton. Eine Million Euro soll die Sanierung kosten – mindestens. Ende Juli schlug das Verkehrsministerium in Kiel Alarm, sperrte die Brücke teilweise. „Wir waren von dem Auftrag auch überrascht, haben aber noch am gleichen Tag mit den Arbeiten begonnen“, erzählt Nagel auf dem Brückenwagen. Schwierig sei es gewesen, das Material zu besorgen, ein Teil des Stahls sei schon auf einem Schiff verladen gewesen, sollte Richtung Dubai. „Da haben wir angerufen und gesagt: Bei uns im Norden ist Chaos – dann haben wir das gekriegt“, sagt der Brunsbütteler und deutet auf den eingerüsteten Wasserpfeiler vor dem Brückenwagen. Drei Arbeiter montieren gerade den letzten Stahlträger. Die werden mit riesigen Stahlstangen und Muttern auf Zug rund um den Betonpfeiler gesetzt.

Die Fahrt mit dem über 40 Jahre alten an den Seiten etwas rostigen Brückenwagen ist rumpelig. Der alte Dieselmotor knattert, der Verbrauch dürfte enorm sein. In diesen Tagen wird er vielleicht so oft bewegt wie noch nie in seiner Geschichte, denn immer wieder werden die laufenden Arbeiten von oben kontrolliert. Es ist fast ein wenig idyllisch, 30 Meter über dem Wasser der Rader Enge. Die Autos hört man kaum, die Sonne scheint, der Blick geht weit. Ein wenig rostig-metallischer Geruch liegt in der Luft, eine leichte Brise weht. „Wir haben Glück gehabt, wenn wir im Herbst mit mehr Regen und Sturm zu tun gehabt hätten, wären wir nicht so schnell fertig geworden“, sagt Nagel und zeigt auf ein paar Radfahrer, die am Ufer der Eider stehen und zu ihm hochschauen. „Zu Beginn der Arbeiten an den Landpfeilern hatten wir jede Menge Schaulustige, da mussten wir zwei Leute beschäftigen, um alles abzusperren.“ Mittlerweile sei das einfacher geworden. „Viele Passanten wollen wissen, warum die Brücke kaputt ist, aber das wissen wir doch auch nicht. Wir können nur sagen, dass wir sie jetzt reparieren. Wäre ja blöd, wenn die Rader Hochbrücke plötzlich im Wasser läge.“

Stimmt. Denn die muss wohl noch einige Jahre durchhalten. Erst nach einem Gutachten wollen die Politiker in Bund und Land entscheiden, was mit ihr geschieht. Umbau, Abriss und Neubau oder ein Tunnel unter dem Nord-Ostsee-Kanal – alles ist möglich.

Christian Nagel denkt nicht daran, als ihm seine Arbeiter vom Gerüst aus zuwinken. In ein paar Tagen ist für sie hier alles vorbei. Der Projektleiter ist erleichtert, dass alles geklappt hat. Bis Ende November werden die Betonbauer die Pfeiler nun von innen aufstemmen, abstrahlen und mit Beton ausspritzen. Wenn alles ausgehärtet ist, soll der Verkehr wieder wie vorher über die Brücke rollen. Doch jetzt rollt erstmal der Brückenwagen zurück an seine Position. Christian Nagel wirft einen Blick auf das über 40 Jahre alte Metall. „Mit Stahl muss man immer was machen, sonst geht er kaputt“, sagt der 28-Jährige. „Aber hier sieht ja alles ganz okay aus.“

Das haben die Fachleute bei den Betonpfeilern auch gedacht.

Was ist der Grund für die Sperrung?

Seit Ende Juli wird die Rader Hochbrücke saniert, weil die Betonpfeiler marode sind. Alle 28 Pfeiler sollen mit tonnenschweren Stahlkorsetts versehen werden, um sie zu stabilisieren. Daraufhin soll Beton eingefüllt werden.

Wie lange dauern die Bauarbeiten?

Laut Plan sollen die Bauarbeiten bis Ende November abgeschlossen sein und rund eine Million Euro kosten.

Welche Ausweichmöglichkeiten gibt es für Lkw-Fahrer?

Die Rader Hochbrücke ist für Lastwagen über 7,5 Tonnen gesperrt und von Autos in beide Richtungen nur einseitig befahrbar. Dadurch müssen die Spediteure weite Umwege einplanen. Die Polizei macht Dauerkontrollen - vor dem Rendsburger Kreuz Richtung Norden und vor Owschlag in Richtung Süden.

Folgende Umleitungsstrecken für Lastwagen sind möglich:

- Lastwagen, die aus dem Norden kommen und nach Neumünster oder Hamburg wollen, können über die B 200 nach Husum fahren und von dort weiter über die B 5 und die A 23. Ist Neumünster das Ziel, so kann man die A 23 bei der Abfahrt Schenefeld verlassen und die B 430 nutzen. Lastwagen nach Hamburg müssen die A 23 nicht verlassen, die Autobahn führt direkt in die Hansestadt.

- Lastwagen aus dem Süden können über Kiel ausweichen. Dafür kann man entweder die Autobahn 21 bis Kiel nehmen oder auf der A 7 bis zum Autobahndreieck Bordesholm und dann auf der A 215 nach Kiel fahren. Von dort aus geht es weiter über die Bundesstraße 203 zur A-7-Auffahrt Rendsburg/Büdelsdorf.

- Der Kanaltunnel kann nicht als Ausweichroute genommen werden - er wird ebenfalls saniert.

Wer ist betroffen und wer fordert was?

Zu Beginn der Sperre forderte der Chef des Verband der Schleswig-Holsteinischen Spediteure, Thomas Rackow, dass alle Kanalfähren im Bereich Rendsburg auf einen 24-Stunden-Betrieb umgestellt werden. Darüber hinaus forderte er auch, dass die Fahrverbote für Lastwagen am Wochenende zumindest teilweise aufgehoben werden und die Hochbrücke nur für Laster über 11,2 Tonnen und nicht schon ab 7,5 Tonnen zu sperren.

Anfang August brachte der schleswig-holsteinische Verkehrsminister Reinhard Meyer (SPD) einen Neubau der Rader Hochbrücke ins Gespräch. Die zugige Sanierung habe aber höhere Priorität, da ein Neubau bei optimistischer Einschätzung rund 15 Jahre in Anspruch nehmen würde.

Reinhard Meyer hat sich mit einem Vorschlag zur Reparatur von Straßen, Brücken und Schienen zu Wort gemeldet: Er will einen Teil des Solidaritätszuschlags dafür ausgeben, da "vier Milliarden Euro nicht in den Aufbau Ost gehen", sagte er dem Hamburger Abendblatt.

Die Vollsperrung der Rader Hochbrücke trifft die Touristikunternehmen hart: Der Vorsitzende des Omnibus Verband Nord (OVN) wies darauf hin und sagte: "Insbesondere für unsere Touristikunternehmen nördlich des Nord-Ostsee-Kanals ist die andauernde Vollsperrung der Rader Hochbrücke geradezu katastrophal und nicht akzeptabel."

Ein Teil der Wirtschaft wird durch die Sperrung stark beeinträchtigt. Die Windkraft- und Logistikbranche fürchten Einbußen in Millionenhöhe.

Bundeswirtschaftsminister Phillipp Rösler (FDP) will sich für kürzere Planungsvorläufe im Straßenbau einsetzen. Er sprach sich für eine Neuauflage des Planungsbeschleunigungsgesetzes aus den 90er-Jahren aus. Die Planungszeiten könnten halbiert werden.

"Wir brauchen schnell ein klares Finanzierungskonzept für die maroden Bundesverkehrswege wie den Nord-Ostsee-Kanal und die Rader Hochbrücke", sagte Ministerpräsident Torsten Albig (SPD).

Was können die Gründe für den maroden Zustand der Hochbrücke sein?

Im Beton der Rader Hochbrücke wurden schon bei der Endabnahme vor 40 Jahren Risse entdeckt. Verkehrsminister Reinhard Meyer (SPD) spricht bereits ganz offiziell von Pfusch am Bau. Die Brücke sei von den Konstrukteuren auch nie für die Belastung ausgelegt worden, die sie heute aushalten muss, erklärt ein Mitarbeiter eines bedeutenden Transportunternehmens im Lande. Die Größe und das Gewicht der Lastwagen haben sich im Laufe der Zeit erhöht - diese Entwicklung hat man bei der Planung nicht einkalkuliert.

Der Bau musste schnell und billig gehen. Grund dafür waren die Olympischen Spiele von 1972 mit den Segelwettbewerben vor Kiel-Schilksee. Die Autobahnen sollten für die Besucher aus aller Welt perfekt sein. Mit diesem Druck kam beim Bau der Pfeiler eine neue Bauweise zum Einsatz.

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