Tier- und Pflanzenwelt : „Die Natur ist Dänemarks größtes Freizeitcenter“

Inge Gillesberg (48) wacht als Leiterin der Dienststelle der staatlichen Naturschutzbehörde „Skov- og Naturstyrelsen Sønderjylland“ in Gravenstein über die Tier- und Pflanzenwelt im größten Teil Nordschleswigs. Foto: Riggelsen
Inge Gillesberg (48) wacht als Leiterin der Dienststelle der staatlichen Naturschutzbehörde „Skov- og Naturstyrelsen Sønderjylland“ in Gravenstein über die Tier- und Pflanzenwelt im größten Teil Nordschleswigs. Foto: Riggelsen

Das Forstamt Gravenstein bemüht sich darum, die Wiederansiedlung und Existenz gefährdeter Tierarten zu unterstützen.

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19. September 2008, 07:13 Uhr

„Die Tiere in unserem Gebiet kennen keine Landesgrenze“, berichtet die Leiterin des Forstamtes Gravenstein, Inge Gillesberg. Zu ihren Aufgaben gehört es nach der Neuausrichtung der dem Umweltministerium unterstehenden Behörde, neben der Bewirtschaftung von 10.000 Hektar Natur- und Forstflächen gezielt die Existenz und Wiederansiedlung vor allem gefährdeter Tierarten zu unterstützen. Eine Hauptaufgabe ist es auch, der Bevölkerung Erlebnisse in der Natur zu verschaffen.
„Die Natur ist Dänemarks größtes Freizeitcenter“, erklärt die Leiterin des Forstamtes Gravenstein, Inge Gillesberg, die Ausrichtung der staatlichen dänischen Naturschutzbehörde, deren Vertretung in Nordschleswig sie mit dem offiziellen Namen „Skov- og Naturstyrelsen Sønderjylland“ im idyllisch am Waldrand in der Nähe des Gravensteiner Schlosses gelegenen Dienstsitz leitet. Von der Grenze bis zum nördlichen Rand der Kommune Hadersleben betreut sie zusammen mit 16 Mitarbeitern in der Dienststelle sowie 28 Waldarbeitern 114 größere und kleinere Wälder einschließlich Heideflächen, Seen und sogar eine Insel, die Große Ochseninsel in der Flensburger Förde. Nur der westliche Bereich Nordschleswigs samt Wattenmeer wird von den Kollegen bei „Skov- og Naturstyrelsen Vadehav“ verwaltet.

„Wir müssen bei der Naturschutzarbeit berücksichtigen, dass unsere gesamte Landschaft mehr oder weniger kulturell geprägt ist“, erklärt die Forstwissenschaftlerin, die es als eine der wichtigsten Aufgaben sieht, in der auch in Nordschleswig wie in ganz Dänemark meist recht intensiv genutzten Landschaft „Gebiete der Natur zurückzugeben“, um die gesetzlich vorgeschriebene Aufgabe zur Sicherung der Artenvielfalt erfüllen zu können.
Dass es gerade in ihrem Zuständigkeitsbereich funktioniert, zeigen Renaturierungsmaßnahmen wie das dänisch-deutsche Projekt im Fröslee-Jardelunder Moor. „Dort brüten jetzt sogar Kraniche“, berichtet Inge Gillesberg, die es dabei als wichtigen Aspekt sieht, dass auch die Menschen in der Umgebung etwas von dem mitbekommen, was an Naturschutzarbeit geleistet wird.
„Unser grenzüberschreitendes Projekt zur Förderung des Rotwildbestandes bezweckt auch, dass neben den Jägern die übrigen Bürger solche beeindruckenden Tiere zu sehen bekommen“, erklärt sie, weist aber auch darauf hin, dass bei Wiedereinbürgerungsmaßnahmen Grenzen einzuhalten sind. „Wir müssen bei der Bestandsgröße an die Verkehrssicherheit denken. Und derzeit gilt beispielsweise in Dänemark für Wildschweine ein absolutes „Einreiseverbot“, unterstreicht sie und weist auf den geltenden Beschluss hin, dass Wildschweine wegen der strikten Konzepte zum Schutz der aktuell über zwölf Millionen dänischen Hausschweine vor Tierseuchen die wilden Artgenossen sofort erlegt werden, sobald sie sich in Dänemark blicken lassen.
„Aus ökologischer Sicht wären die Wildschweine sicher eine Bereicherung in unseren Wäldern“, so Gillesberg, die in ihrem Zuständigkeitsbereich nicht nur eine Strategie zur Umwandlung der in Dänemark oft noch vorherrschenden Fichtenmonokulturen in abwechslungsreiche Laubwälder verfolgt, sondern auch offene Landschaften wie Heiden und Moore sowie Wiederherstellung von Kleingewässern anstrebt. „Für uns haben nicht nur große, spektakuläre Naturschutzprojekte Bedeutung“, betont die Chefnaturschützerin in Nordschleswig. Sie erwähnt die Zusammenarbeit beispielsweise mit den ehrenamtlich tätigen Mitgliedern des Dänischen Ornitologenverbandes (DOF), die Hinweise geben, wo z. B. seltene Schwarzspechte ihre Bruthöhlen haben oder die in Nordschleswig nur sehr wenigen brütenden Rotmilane ihre Nester gebaut haben. „Wir lassen dann Bäume gezielt stehen oder erhalten ungestörte Naturbereiche.“
Es gibt auch Projekte für exotische Arten. „Es sind in den als EU-Habitat eingestuften Wäldern bei Gravenstein Haselmäuse entdeckt worden“, berichtet sie, diese in ganz bestimmten Waldtypen lebenden Nager werden durch spezielle Schutzmaßnahmen gefördert. „Wir haben natürlich nie genug Mittel, um alle Wünsche im Naturschutzeinsatz zu erfüllen“, räumt Inge Gillesberg ein, die unterstreicht, dass die schöne Naturlandschaft in Nordschleswig zu den wichtigsten Standortfaktoren zählt, die die Menschen mit ihrer Heimat verbindet und auch Auswärtige anzieht, sich auch beruflich dort niederlassen. In den kommenden Jahren strebt Inge Gillesberg weitere grenzüberschreitende Naturschutzprojekte an, um – wie mit Maßnahmen im Grenzgewässer Krusau – Fischotter oder Eisvogel neuen Lebensraum zu geben. Und sie rechnet damit, dass weitere Tierarten über die Grenze hinweg wieder im Grenzland heimisch werden. „Kandidaten“ sind der Biber oder vielleicht eines Tages sogar der Wolf.

Erlebnisse in der Soenderjylland Natur sehr gefragt
In den Wäldern, die der Wald- und Naturbehörde in Dänemark unterstehen, ist prinzipiell Zutritt erlaubt. Wege dürfen aber nicht mit Autos befahren werden.
„Skov- og Naturstyrelsen“ betreibt in der Nähe von Hadersleben bei Nørskov ein Tiergehege, wo Besucher heimische Tiere beobachten können.
In den Wäldern betreibt die Behörde zahlreiche Lagerplätze, an denen einzelne Besucher und Gruppen rasten können, auch sind einfache
Übernachtungsplätze eingerichtet.
Im Bereich der Dienststelle Gravenstein werden regelmäßig Wanderungen mit fachlicher Information durchgeführt.
Neuestes Angebot sind naturkundliche Wanderungen speziell für ältere Menschen. Auf Anfrage kann das Gravensteiner Personal auch Führungen für Bewohner aus Pflegeheimen durchführen.
Wer auf eigene Faust die von Gravenstein aus betreuten Wälder und Naturgebiete durchstreifen möchte, findet an vielen Orten Faltblätter, teilweise gibt es auch Informationstafeln in deutscher Sprache.
Für das Thema Jagd ist innerhalb des Forstamtes Gravenstein ein Wildkonsulent tätig, der zu allen Fragen hinsichtlich Jagd Auskunft gibt und auch Ansprechpartner ist, wenn es Wildschäden im Bereich der Landwirtschaft gibt.


Fischotter und Adler wieder da

Während der vergangenen Jahrzehnte sind zahlreiche hierzulande oft schon teilweise vor über 100 Jahren ausgestorbene Vogelarten wie Seeadler, Kranich und Uhu, aber auch Säuger wie der Fischotter wieder in Nordschleswig heimisch geworden.
Es werden aber auch weiter aussterbenede Arten gemeldet. So brütet kein einziger Weißstorch mehr in Nordschleswig, wo besonders im Westen vor Jahrzehnten noch sehr viele Storchennester besetzt waren. Auch Küsten- und Wiesenvögel wie Zwergseeschwalbe, Trauerseeschwalbe und Uferschnepfe sind auf dem Rückzug.

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