Karneval : Die Narren erobern den Norden

Die Narren stürmen das Rathaus. Foto: dpa
Die Narren stürmen das Rathaus. Foto: dpa

Wer glaubt, dass Karneval nur in südlicheren Gefilden Deutschlands ein Thema ist, der irrt. Die kühlen Norddeutschen können feiern wie die Jecken an Rhein, Main und Neckar.

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12. November 2012, 02:28 Uhr

Kiel | Mit der Jecken-Revolte in Neumünster begann am Sonntag um 11.11 Uhr die fünfte Jahreszeit in Schleswig-Holstein. Angeführt von den neuen Prinzenpaaren marschieren die Karnevalisten von der Kieler Straße 43 aus auf das Rathaus zu. Mit einer Karnevalskanone beschießen sie das Rathaus und "verhaften" Stadtpräsident und Oberbürgermeister.
Nach Reden und Tänzen der vier Neumünsteraner Karnevalsvereine übernehmen die Narren bis Aschermittwoch, also bis zum 13. Februar 2013, die Macht. "Jetzt wird das Rathaus gerockt!!", kündigt die Stadtgarde Neumünster per Twitter an. Gleichzeitig ertönt in Ottendorf der Weckruf der Kieler Jungs. Entlang der Förde wird auf den Prunksitzungen der kommenden Wochen der Jecken-Schlachtruf zu hören sein:"Ahoi", wie es im Norden heißt. Wer weiß schon, dass dieser Schlachtruf dem Kölner "Alaaf" und dem Mainzer "Helau" gleichkommt? Und wer würde glauben, dass Kiel mit seinen 13 Karnevalsclubs eine der Hochburgen der norddeutschen Narretei ist?
Die Narrenhochburgen des Nordens
Zu diesen Hochburgen zählt auch Marne, ein 5700-Seelen-Dorf in Dithmarschen. Hier stellt die Marner Karnevalsgesellschaft (MKG) um ihren Präsidenten und 1. Vorsitzenden Heiko Claußen die neuen Prinzenpaare der Öffentlichkeit vor. Die Tollitäten ziehen zusammen mit Musikkapelle, Elferrat und den Garden durch die Innenstadt.
Mit dem Marner Karnevalsshopping zeigt sich die kommerzielle Seite des Karnevals. Die Geschäftswelt - Warenhäuser, Gastwirtschaften und Imbisse - beteiligt sich am närrischen Treiben dieser besonderen Karnevals-Gemeinde. Auf die Besucher der Innenstadt warten am heutigen verkaufsoffenen Sonntag allerlei mehr oder weniger karnevalistische Aktivitäten. Zum Beispiel das Karnevalsbingo des Gewerbevereins Marne, bei dem Eintrittskarten für die Prunksitzung des MKG, Gutscheine und allerlei Leckeres vom Fleischer zu gewinnen sind. Und noch etwas unterscheidet die Marner von den anderen Narren in Schleswig-Holstein, sie verfügen über einen eigenen Schlachtruf: "Marn hol fast", was soviel heißt wie "Marne hält zusammen".
Närrische Nacht mit Männerballet
Höhepunkt der Karnevalssaison in Dithmarschen ist der Rosenmontag. Am 11. Februar 2013 werden wieder rund 20.000 Menschen auf dem Umzug eine Riesenparty feiern. 60 fantasievoll gestaltete Motiv-Wagen mit einer Gesamtlänge von knapp einem Kilometer schlängeln sich durch die engen Straßen. Die Zuschauer dieses närrischen Lindwurms werden mit 4000 Kilogramm Bonbons, Schokolade und Popcorn beworfen. "Für so ein kleines Dorf ist das schon gigantisch", ordnet Wolfgang Rühmann, Ehrenpräsident des Norddeutschen Karnevalverbandes, den Marner Umzug ein. Für den größten in Schleswig-Holstein scheint deshalb dann auch der ewige Vergleich der nordischen Karnevalisten mit dem rheinischen Vorbild am ehesten zu passen.
Während überall im Land die Narren heute erst zu Konfettikanone und Kappe greifen, liegt hinter den Jecken in Moorrege schon eine durchfeierte Nacht. Im Kreis Pinneberg begann die Session schon gestern. Ab 18.30 Uhr hatten die Moorreger zu einer "Närrischen Nacht" geladen, zu der traditionell zahlreiche Abordnungen befreundeter Karnevalsvereine erscheinen. Höhepunkt des Programms mit den Auftritten der Tanzmariechen, der Roten und Blauen Garde war allerdings das legendäre Männerballet.
Fröhlicher Brauch mit sozialer Komponente
Karneval in Schleswig-Holstein ist längst vielfältiges und fröhliches Brauchtum geworden, auch wenn dies im protestantisch geprägten und vom Preußentum bestimmten Norddeutschland nicht erwartet wird. Organisiert sind die Narren im Norddeutschen Karnevalsverband (NKV). Insgesamt 32 Vereine aus Schleswig-Holstein haben sich hier zusammengeschlossen. Inklusive drei weiterer Vereine, die dem NKV nicht beigetreten sind, zählt das nördlichste Bundesland immerhin 35 karnevalistische Gesellschaften.
Der Norddeutsche Karnevalsverband sieht in der Aufarbeitung seiner Geschichte eine wichtige Aufgabe, hat einen historischen Abriss zur Entstehung des närrischen Treibens in Schleswig-Holstein erarbeitet. Als Problem für die weitere Entwicklung des Karnevals im Norden sieht Ehrenpräsident Rühmann den ausbleibenden Nachwuchs. Die Vereine stehen in Konkurrenz mit den Verlockungen der Medien- und Unterhaltungsgesellschaft. So muss auch der Karneval, den jungen Leuten attraktivere Angebote machen. Die Gardetänze passen sich mit ausgefeilter Akrobatik dem Musikgeschmack an, in einigen Vereinen grenzt das Training an Leistungssport, um die jungen Leute zu fordern. Die Inthronisation von Kinderprinzenpaaren soll den Nachwuchs frühzeitig an die Vereine binden. Diese sind das ganze Jahr aktiv und das auf vielen, zumeist auch sozialen Feldern. In Moorrege enthält der Narrenfahrplan über 100 Aktivitäten. Fürchten braucht die Herrschaft der Narren also niemand.

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