70 Jahre nach Ende des 2. Weltkriegs : Die letzte Reichshauptstadt Flensburg und ein vergilbtes Stück Geschichte

Die Marineschule in Mürwik.
Die Marineschule in Mürwik.

In Norddeutschland ging der 2. Weltkrieg zu Ende. Ein Flensburger findet ein Original-Fernschreiben über die deutsche Teilkapitulation im Nachlass.

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05. Mai 2015, 08:42 Uhr

Flensburg | Als Unteroffizier Ewald Asmussen das Fernschreiben entgegen nahm, war der Inhalt streng geheim, und auf das, was der Schreibstuben-Unteroffizier später mit dem blassrosa Formular anstellte, stand die Todesstrafe. Die laufende Nummer 100, eingegangen um 4.10 Uhr nämlich enthielt die Befehle des nach Flensburg-Mürwik ausgesiedelten Oberkommandos der Wehrmacht für die Teilkapitulation der deutschen Truppenteile in Dänemark.

Das Fernschreiben aus Flensburg datierte vom 5. Mai und war autorisiert von Generaloberst Alfred Jodl, Bevollmächtigter des letzten „Reichspräsidenten“ Karl Dönitz und Chef des OKW. Ewald Asmussen, der kleine Flensburger Unteroffizier auf der Schreibstube des Kommandierenden Generals der Luftwaffe in Skanderborg bei Aarhus, hakte den Krieg in jener Nacht wohl ab. „Er dachte damals, dass dieses Fernschreiben nach dem Krieg seine Bedeutung behalten wird. Er hat es einfach mitgehen lassen“, sagt Ralf Müller, sein Schwiegersohn.

Der 77-Jährige fand das historische Dokument im Nachlass seines Schwiegervaters. Auch er konnte und wollte das Dokument nicht auf die Müllhalde der Weltgeschichte werfen. Er verwahrte das Telex auf vergilbten weißen Streifen sorgfältig und kramte es wieder hervor, als aus Anlass des 70. Jahrestags des Kriegsendes die Versteigerung des einzig erhaltenen Telegramms der Gesamtkapitulation in den Medienfokus geriet. Was Müller in Händen hielt, war ebenso ein Stück der Weltgeschichte. „Alle Kampfhandlungen zu Lande, zur See und in der Luft durch deutsche Streitkräfte in den vorgenannten Gebieten sind um 8 Uhr britische Sommerzeit Sonnabend, den 5. Mai 1945 einzustellen.“

Historisches Dokument: Das Fernschreiben über die Teilkapitulation der deutschen Truppenteile in Dänemark.
Müller
Historisches Dokument: Das Fernschreiben über die Teilkapitulation der deutschen Truppenteile in Dänemark.
 

Den Flensburger verbindet dieses Stück Weltgeschichte mit dem eigenen Erleben der letzten Kriegs- und ersten Friedenstage in Flensburg. Allem voran: der tragische Verlust des Vaters, der den mörderischen U-Boot-Krieg zwar überlebt hatte, nach der Kapitulation im Flensburger Innenhafen aber bei einem Verkehrsunfall tödlich verletzt wurde. Er wurde als Radfahrer von einem Rot-Kreuz-Fahrzeug angefahren.

Für die Welt haben Dokumente wie diese keinen Wert mehr. Das originale Dönitz-Telegramm wurde in New York zur Versteigerung angeboten – Experten schätzten den Wert auf 20.000 bis 30.000 Dollar. Es gab kein einziges Gebot.

Nach der Kapitulation Nazi-Deutschlands war das Regime Vergangenheit. In Flensburg regierte Hitlers Nachfolger Karl Dönitz mit anderen NS-Größen noch zwei Wochen weiter. Der Ruf Flensburgs als dem letzten Sitz der NS-Regierung drang sogar bis in die Ukraine vor. Die Flensburger Stadtpräsidentin Swetlana Krätzschmar - geboren nahe Odessa - erzählt, dass ihr Vater ihr als Schülerin sagte: Eigentlich sei der Zweite Weltkrieg nicht in Berlin, sondern in Norddeutschland zu Ende gegangen. In einer Stadt namens Flensburg.

Der Historiker Gerhard Paul beschreibt es so: „In den letzten Tagen des ,Dritten Reiches‘ beherbergt unsere Stadt wie keine andere in Deutschland eine Bande von Massenmördern, Killern und Managern des Holocaust.“ Paul ist Geschichtsprofessor an der Universität Flensburg. In die Stadt flüchtete sich die NS-Regierung nach Hitlers Selbstmord. Bis zum 23. Mai 1945, bis zur Verhaftung durch die Briten, harrten sie dort aus.

Für den Großadmiral Karl Dönitz, der nach Hitlers Selbstmord zum letzten Reichspräsidenten des NS-Regimes geworden war, sei die Stadt mit der Marineschule Mürwik ideal gewesen, erklärt Paul. „Was lag näher, als in eine Landschaft zu gehen, die vom Krieg weitestgehend verschont und nicht im Einzugsbereich der Roten Armee war?“ Auch die grüne Grenze nach Dänemark war nicht weit entfernt. Zudem wurde von den Briten - in deren Zone Flensburg lag - mehr Nachsicht erwartet. So machte die Regierung Dönitz nach der Kapitulation auf dem Gelände der Marineschule zunächst weiter, hielt auch am Hitler-Gruß fest, erklärt Paul.

Dönitz wird 1891 in Grünau bei Berlin geboren und tritt 1910 in die Marine ein. Im Ersten Weltkrieg ist er U-Boot-Kommandant, im NS-Staat wird er „Führer der U-Boote“, 1943 dann Oberbefehlshaber der Kriegsmarine und Großadmiral. Im Nürnberger Kriegsverbrecherprozess wird er 1946 zu zehn Jahren Haft verurteilt. Für einen Skandal sorgt er 1963 in Geesthacht bei Hamburg, als er am dortigen Gymnasium seine militärische und faschistische Sicht des Dritten Reiches erläutern darf. Er stirbt 1980 im schleswig-holsteinischen Aumühle.

Das Oberkommando der Wehrmacht, die Reichsführung, die SS - sie alle retteten sich nach Flensburg. „Himmler kam mit einem Stab von 150 Leuten, die gesamte Leitung der Inspektion der Konzentrationslager“, sagt der Historiker. Speer, Jodl, Keitel, Höß - alle waren da. Zahllose hohe NS-Funktionäre wechselten in Flensburg die Identität. Die Bevölkerung habe wenig mitbekommen, „die mussten sehen, wie sie über die Runden kommen“, berichtet Paul.

Admiral Karl Dönitz spricht vor Soldaten der U-Boot-Flotte.
msm/wgaz
Admiral Karl Dönitz spricht vor Soldaten der U-Boot-Flotte.
 

Dönitz' „Regierungssitz“ befand sich in der Marinesportschule. Von Flensburg aus wandte er sich im Mai zum Tod Hitlers und zur Kapitulation ans Volk: „Mit der Besetzung Deutschlands liegt die Macht bei den Besatzungsmächten. Es liegt in ihrer Hand, ob ich und die von mir bestellte Reichsregierung tätig sein kann oder nicht.“ Letzteres war der Fall. Am 23. Mai umstellten alliierte Einheiten die Marineanlagen, die Mitglieder der Regierung sowie 420 hohe Beamte und Offiziere wurden verhaftet.

Zum 70. Jahrestag der Flensburger Stunde Null war eigentlich eine große Ausstellung in der Stadt geplant, in Zusammenarbeit mit dem Imperial War Museum London und der Stiftung Topografie des Terrors in Berlin - doch daraus wird nichts. Die genauen Gründe sind unklar. Die Stadt wird am 23. Mai mit einer nicht öffentlichen Veranstaltung im Polizeipräsidium an den Jahrestag erinnern. An jenem Ort, an dem Dönitz und die anderen als Kriegsgefangene vor der Presse standen. Die Kieler Justizministerin Anke Spoorendonk (SSW) wird erwartet.

Später soll ein Kranz an einem Denkmal für NS-Opfer niedergelegt werden. Außerdem ist ein Buch unter Beteiligung des Stadtarchivars geplant. Ein kleiner Rahmen, gibt Stadtsprecher Clemens Teschendorf zu, aber: „Da versteckt sich niemand.“ Die Stadt sei betrübt, dass es mit der Ausstellung nicht geklappt habe.

Dort, wo man erinnern könnte, tue es niemand, kritisiert hingegen Paul. So seien Pläne gescheitert, aus der Marinesportschule ein Museum zu machen. Auch unter touristischen Aspekten könne man mehr erinnern - etwa mit Gedenktafeln an der Post, dem Sitz des letzten Reichssenders, oder an der Marineschule, sagt Paul. „Flensburg hat sich mit der Erinnerung schwergetan bis heute.“

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