Inselbahn Sylt : Die letzte Fahrt des "Dünen-Expreß"

Um auf Sylt wieder eine Inselbahn zu installieren, bedarf es zuallererst finanzkräftiger Finanziers. Foto: sr
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Um auf Sylt wieder eine Inselbahn zu installieren, bedarf es zuallererst finanzkräftiger Finanziers. Foto: sr

Der "Rasende Roland" war ein Symbol für die Ferieninsel Sylt. Gegen die Übermacht des Autos hatte er aber keine Chance. Jetzt gibt es neues Filmmaterial über die Inselbahn.

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01. Januar 2011, 04:37 Uhr

Insel Sylt | Wer sie jemals gesehen hat oder das Glück hatte, mit ihr zu fahren, wird sie nie vergessen: die Sylter Inselbahn. Mit ihren rot-gelben Triebwagen und der Nivea-Lackierung, mit ihrer rumpelnden Fahrt auf den einfach im Sand verlegten Schienen ist sie ein unvergessliches Symbol für den Zauber der Insel und für Ferien auf Sylt. Vor 40 Jahren rollte der "Dünenexpress" auf das Abstellgleis und zu diesem runden Datum wird mit einem Film die Erinnerung an den "Rasenden Roland" wieder wachgerufen. Inselbahn-Chefin Vera Prahl brachte es auf den Punkt: "Alle liebten sie, aber keiner fuhr mit ihr."
Die Inselbahn - das waren vor allem die kuriosen Triebwagen, die die eigene Werkstatt baute. Für die Funktion als Lokomotive wurden Borgward-Zugmaschinen nach Art eines Sattelschleppers umgebaut und mit Eisenbahnrädern versehen. Den Waggon für die Passagiere bildete ein Omnibus-Aufbau, der vom Motorwagen gezogen wurde. So ein kurioses Gefährt gab es nirgendwo bei deutschen Kleinbahnen. Das absolute Highlight der Improvisation: Lokomotiven haben Bahnräumer, Stahlprofile, die kleine Hindernisse von den Schienen räumen sollen, bevor die Räder darauf treffen. Die Borgwards der Inselbahn hatten zu dem Zweck schlichte Besen am Fahrgestell.
Mit Volldampf in die Boom-Zeit
Die fünf kuriosen Vehikel waren Teil einer Modernisierung des Fuhrparks nach 1952, nach der Übernahme und Vereinigung von Nord- und Südbahn durch die neugegründete Sylter Verkehrsgesellschaft (SVG). Alleininhaber war Ruy Prahl.
Mit dem Start der SVG waren Dampfloks auf den schmalen Schienen Vergangenheit. Die neue Firma fand einen ergiebigen Markt: Überall in Norddeutschland legten zumeist die Kreise ihre Kleinbahnen still und verscherbelten die Fahrzeuge. So kam ein gebrauchter Triebwagen der Flensburger Kreisbahn zunächst nach Niedersachsen und dann zum Bestand der Sylter Gesellschaft. Als all diese Bemühungen nicht ausreichten, entstanden die Borgward-Züge.
Und sie rauschten mit Volldampf in die Boom-Zeit, die die Goldenen Fünfziger Jahre brachten. Nie waren so viele Züge zwischen den Dünen unterwegs wie in den zehn Jahren bis 1960. Für den Sommer 1959 sind 30 Zugpaare auf dem Weg nach Norden verzeichnet, nach Süden waren es zwei Züge weniger.
Sichere Verkehrsabwicklung nicht mehr gewährleistet
Formal gelang es, die Inselbahn zu einer Straßenbahn umzuwandeln. Die geringeren Ansprüche reduzierten die Kosten, allerdings auch das Sicherheitsniveau. So rückte im Sinne des Wortes das Auto der ehrwürdigen Inselbahn auf die Pelle - Zusammenstöße wurden immer häufiger. Im Güterverkehr gab es für die kleine Bahn keine Chance mehr gegen den Lastwagen.

Das Ende rückte näher: Die 1960er Jahre brachten mehr Gäste auf die Insel, aber die Zahl der Fahrgäste ging zurück. Der Autotransport auf die Insel, schon von der Deutschen Wehrmacht betrieben, brach der Kleinbahn das Genick, als die Deutsche Bundesbahn 1961 die Doppelstockwagen für Pkw auf den Damm schickte. Die Blechlawine rollte! Die Insel reagierte mit dem Bau von Straßen. Zudem stellte das Verkehrsministerium in Kiel fest: "Die Schiene von Westerland nach Hörnum ist in den letzten Jahren zusehens verfallen und gewährleistet - genau wie der vorhandene Wagenpark - nicht mehr eine sichere Verkehrsabwicklung." Der Investitionsbedarf wurde mit 15 bis 17 Millionen Mark beziffert. Das war für die SVG nicht zu schaffen. Die Gesellschaft schlug vor, den Verkehr auf Busse umzustellen. Die Zustimmung kam im Mai 1970. Ganz rührend wirken aus heutiger Sicht die Proteste der Landesplanungsbehörde, die die Bahn erhalten wollte: Schließlich könnten die zunehmenden Touristenmengen auf der Insel nicht per Auto bewältigt werden...
Im Sommer 1970 rollten Züge nur noch auf der Nordstrecke. Der letzte planmäßige Zug ist für den 15. Dezember 1970 verzeichnet. Doch es gab noch eine Fahrt vor dem Jahreswechsel: am 29. Dezember hauchte die Inselbahn ihr Leben aus. Unternehmer Sven Paulsen (u.a. Eigentümer der "Adler-Schiffe") übernahm die SVG 1995, Vera Prahl starb im November diesen Jahres.
Von der Inselbahn sind als Denkmal ein paar Räder auf dem Westerländer Bahnhofsvorplatz geblieben. Einer der legendären Triebwagen blieb erhalten. Den T4 übernahm das Straßenbahnmuseum in Sehnde bei Hannover. Dort steht er, auseinandergerissen und von Rost überwuchert - Zeichen einer Museumsarbeit von Hobbyisten, die Fahrzeuge des Nahverkehrs sammelten, aber nie die Kapazität fanden für die Restauration und schöne Präsentation.

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